Nachrichten 05.10.2020

COVID-19: Schlaganfall kann auch bei jüngeren Patienten das erste Symptom sein

Ein Schlaganfall kann das Erstsymptom bei jüngeren COVID-19-Patienten sein, zeigt eine neue Metaanalyse – selbst wenn diese keine Vorerkrankungen oder andere Risikofaktoren aufweisen.

Die Symptome von Patienten mit COVID-19 deuten immer wieder darauf hin, dass die Erkrankung auch das Nervensystem angreifen und das Schlaganfallrisiko erhöhen kann. Das scheint nicht nur Patienten mit schweren Infektionen zu betreffen, sondern auch relativ junge Personen mit mildem Verlauf.

Von 160 Patienten mit COVID-19 und Apoplex war fast die Hälfte der unter 50-Jährigen bis zum Zeitpunkt des Schlaganfalls asymptomatisch, stellten kanadische Forscher fest. Während das Risiko, einen Schlaganfall zu erleiden, bei den jüngeren Patienten vergleichsweise am höchsten war, war das Risiko, daran zu versterben, unter den älteren Patienten mit Vorerkrankungen und schwerem COVID-19-Verlauf am größten.

Das Team um Dr. Sebastian Fridman von der Western Universität in Ontario wertete für die Analyse Daten aus zehn Studien zur Schlaganfallhäufigkeit bei COVID-19-Patienten und 35 bisher unveröffentlichte Fälle aus verschiedenen Ländern aus. Die Forscher analysierten klinische Merkmale und Mortalitätsraten im Krankenhaus und teilten die Probanden dafür in drei Altersgruppen: unter 50, 50 bis 70 und über 70 Jahre. Das Durchschnittsalter lag bei 65 Jahren, 43% waren weiblich.

Schlaganfälle traten relativ häufig auf

Der Anteil der COVID-19-Patienten, die einen Schlaganfall hatten (1,8%) und im Krankenhaus daran verstarben (34%), sei außerordentlich hoch gewesen, so die Forscher. Viele Patienten der jüngsten Gruppe, die einen Schlaganfall hatten, wiesen keine Risikofaktoren oder Komorbiditäten auf (43%). Bei fast der Hälfte der jungen Patienten (48%) schien der Schlaganfall ohne vorausgehende COVID-19-Symptome aufgetreten zu sein.

Die jüngeren Patienten hatten zudem am häufigsten erhöhte kardiale Troponinwerte, verglichen mit der mittleren und der älteren Gruppe (71%). Die Mortalitätsrate war dagegen bei der jüngsten Gruppe um 67% niedriger als bei der ältesten. Gefäßverschlüsse waren mit 47% etwa doppelt so häufig wie zuvor berichtet und betrafen alle Altersgruppen, selbst wenn keine Vorerkrankungen oder andere Risikofaktoren vorlagen.

Das höchste Risiko, an einem Schlaganfall zu sterben, hatten COVID-19-Patienten höheren Alters mit Komorbiditäten und schweren respiratorischen Symptomen: Sie hatten die höchste Mortalitätsrate im Krankenhaus (59%) und ein dreimal so hohes Sterberisiko wie die restliche Kohorte (OR 3,52).

Schlaganfallpatienten auf SARS-CoV-2 testen?

„Schlaganfall ist bei COVID-19-Patienten relativ häufig und hat verheerende Folgen für alle Altersgruppen“, resümieren Fridman und Kollegen. Sie empfehlen, dass jüngere Patienten, die während der Corona-Pandemie mit Schlaganfall ins Krankenhaus eingeliefert werden, auf SARS-CoV-2 getestet werden sollten, selbst wenn sie keine Symptome zeigen.

Eine mögliche Ursache für Schlaganfälle bei jüngeren Patienten mit COVID-19 könnte eine immunologisch bedingte, erhöhte Gerinnungsneigung sein, was zu Thrombosen führen könne, erläutert Prof. Peter Berlit, Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Neurologie, in einem Springer Medizin Interview. Auch eine direkte Gefäßwandschädigung durch das Virus sei nicht ausgeschlossen. Es sei wichtig, mehrere mögliche Mechanismen im Auge zu behalten.

Literatur

Fridman S et al. Stroke Risk, phenotypes, and death in COVID-19: Systematic review and newly reported cases. JAMA 2020. https://doi.org/10.1212/WNL.0000000000010851

Berlit P. Neurologische Manifestationen bei COVID-19: Was bisher bekannt ist. Springer Medizin 2020. https://www.springermedizin.de/covid-19/apoplex/neurologische-manifestationen-bei-covid-19/17973464

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Bildnachweise
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Corona/© Naeblys / Getty images / iStock
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Kardio-MRT (CMR, Late Gadolinium Enhancement PSIR)/© Mohamed Marwan, Friedrich-Alexander-Universität Erlangen
Thorax-CT/© S. Achenbach (Friedrich-Alexander-Universität Erlangen)
Kardio-MRT (Late Gadolinium Enhancement)/© Stephan Achenbach, Friedrich-Alexander-Universität Erlangen