Nachrichten 13.04.2020

COVID-19-Pandemie: Wo sind all die akuten Herzinfarkte geblieben?

Berichte über besorgniserregende Rückgänge bei den Klinikaufnahmen von Patienten mit akutem Myokardinfarkt nehmen seit Beginn der COVID-19-Pandemie zu. US-Kardiologen haben dazu nun erste Ergebnisse einer systematischen Datenanalyse publiziert.

Es gebe „Hinweise darauf, dass die Zahl der Krankenhausaufnahmen von Patienten mit akuten Herzbeschwerden vielerorts in den letzten Tagen und Wochen dramatisch zurückgegangen ist“, alarmierten jüngst mehrere deutsche Fachgesellschaften, darunter auch die Deutsche Gesellschaft für Kardiologie (DGK), in einem Offenen Brief an Bundesforschungsministerin Karliczek. Sie appellierten damit an die politisch Verantwortlichen, eine adäquate medizinische Versorgung von Patienten mit schweren Herzbeschwerden auch in Zeiten der COVID-19-Pandemie sicherzustellen.

Auch Österreich meldet Infarkt-Rückgang

Auch aus Österreich werden rückläufige Herzinfarkt-Zahlen gemeldet. Im März 2020 habe sich nach Ermittlungen an insgesamt 17 österreichischen Herzkatheter-Zentren die Zahl der mit Herzinfarkt aufgenommenen Patienten um rund 40 Prozent verringert, berichtete Univ.-Prof. Dr. Bernhard Metzler von der Medizinischen Universität Innsbruck, Generalsekretär und President Elect der Österreichischen Kardiologischen Gesellschaft (ÖKG), Mitte letzter Woche.

Trotz vieler anekdotischer Berichte gab es bislang so gut wie keine publizierten Ergebnisse systematischer Datenanalysen, die Aufschluss darüber geben können, wie ruhig es in den Herzkatheterlaboren der vom Sars-CoV-2-Virus heimgesuchten Länder wirklich geworden ist. Die spanische Gesellschaft für Kardiologie veröffentliche jüngst eine auf der Befragung von 71 Zentren gestützte Analyse, wonach während der Pandemie im Vergleich zur Zeit davor eine Abnahme von Interventionen wegen akutem ST-Hebungsmyokardinfarkt (STEMI) um 40% zu verzeichnen war.

Rückgang um 38% an Herzzentren in den USA

US-Kardiologen haben jetzt im „Journal of the American College of Cardiology“ eine als „Research Letter” publizierte Analyse vorgelegt, die für die USA einen Herzinfarkt-Rückgang von ähnlichem Ausmaß dokumentiert. Für diese Analyse hat die Gruppe um Dr. Santiago Garcia vom Abbott Northwestern Hospital in Minneapolis Daten aus neun über die USA verteilten Herzzentren mit hohem Aufkommen an Katheterinterventionen (high volume cath labs) eingeholt. Verglichen wurden die beiden Zeiträume „before COVID“ (1. Januar 2019 bis Ende Februar 2020) und „after COVID“ (1. bis 31. März 2020).

In der „Prä-COVID”-Periode waren an diesen Zentren pro Monat insgesamt mehr als 180 „Katheterlabor-Aktivitäten“ wegen STEMI zu verzeichnen gewesen (im Mittel 23,6 pro Zentrum pro Monat). Nach dem 1. März 2020 als Stichtag für den Beginn der frühen COVID-19-Pandemie in den USA betrug die in den Zentren ermittelte Gesamtzahl der interventionellen  „STEMI-Aktivitäten“ nur noch 138 (im Mittel 15,3 pro Zentrum pro Monat). Der Unterschied entspricht einem signifikanten Rückgang um 38% (p<0,001).

Was sind die Gründe für das unerwartete Phänomen?

Dieser Rückgang kommt für die Studienautoren überraschend. Denn ihnen erscheint es a priori plausibler, dass die COVID-19-Pandemie höhere STEMI-Zahlen zur Folge gehabt hätte. Als mögliche Gründe führen sie an, dass 

  • die Pandemie selbst als psychosozialer Stressfaktor hier ungünstig wirksam sein könnte oder
  • die Sars-CoV-2-Infektionen ähnlich wie im Fall der Influenza-Erkrankung zur vermehrten Freisetzung von proinflammatorischen Substanzen führen und so Herzinfarkte auslösen oder deren Entstehung zumindest begünstigen könnten.

Derzeit kursieren viele Theorien darüber, warum de facto das Gegenteil – nämlich eine Abnahme zumindest von Klinikaufnahmen wegen Herzinfarkten – zu beobachten ist. Die Frage ist, ob sich darin eine reale oder eine nur vorgetäuschte Verringerung von akuten Myokardinfarkten widerspiegelt.

Derzeit ist die vorherrschende Einschätzung von Experten, dass es keine echte Abnahme von Herzinfarkten, sondern eine vermutlich durch Ängste und Sorgen verstärkte Zurückhaltung davon betroffener Patienten ist, die zum Rückgang von Klinikaufnahmen infolge Herzinfarkt geführt hat. Die verschärften Restriktionen im öffentlichen Leben und Berichte über durch schwere COVID-19-Fälle überlastete Kliniken könnten unbeabsichtigt dazu geführt haben, dass viele Patienten mit Infarktsymptomen diese nicht ernst genug nehmen und nicht sofort um ärztliche Hilfe nachsuchen. Die Angst davor, sich im Krankenhaus mit dem Sars-CoV-2-Virus zu infizieren sowie die Sorge, das strapazierte Gesundheitswesen noch stärker zu belasten, könnten hier ausschlaggebend sein.

Mögliche Zunahme von infarktbedingten Folgekomplikationen

Dies würde bedeuten, dass viele Patienten mit STEMI die für sie beste Behandlung – nämlich eine Revaskularisation durch primäre perkutane Koronarintervention (PPCI) – derzeit nicht oder erst relativ spät erhalten. Konsequenz davon könnte sein, dass Kardiologen in naher Zukunft zunehmend mit eigentlich vermeidbaren Folgekomplikationen von Herzinfarkten wie Myokardrupturen, kardiogener Schock, Reinfarkten, Herzinsuffizienz oder ventrikulären Arrhythmien konfrontiert sein könnten.

Eine weitere - spekulative – Erklärung für den Herzinfarkt-Rückgang stellt im Übrigen die Möglichkeit zur Diskussion, dass an COVID-19 schwer erkrankte Patienten, deren Todesursache de facto ein akuter Myokardinfarkt war, nicht als Herzinfarkt-Patienten erkannt und registriert worden sind.

Literatur

Garcia S. et al.: Reduction in ST-Segment Elevation Cardiac Catheterization Laboratory Activations in the United States during COVID-19 Pandemic. J Am Coll Cardiol 2020, online 10. April. DOI: 10.1016/j.jacc.2020.04.011

Oriol R. L. et al.: Impacto de la pandemia de COVID-19 sobre la actividad asistencial en cardiología intervencionista en España. Revista Espagnola De Cardiologia: Interventional Cardiology. DOI: https://doi.org/10.24875/RECIC.M20000120

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Transthorakale Echokardiografie/© Monique Tröbs, Mohamed Marwan, Universitätsklinikum Erlangen
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