Nachrichten 26.06.2020

Deshalb ist das Stethoskop auch in COVID-19-Zeiten wichtig

Ist das Stethoskop ein Auslaufmodell? Bei COVID-19-Patienten jedenfalls beweist es gerade seinen Nutzen. Umso wichtiger ist ein hygienischer Umgang damit.

Seit rund 200 Jahren gibt es das Stethoskop, und es hat sich in dieser Zeit kaum verändert, ein Fels in der Brandung der sonst enorm dynamischen Medizin. 

Der Ruf wackelt – besonders jetzt

Aber bleibt es dabei? Manch einer schreibt zumindest schon wortreiche Abgesänge auf des Kardiologen wichtigstes Statussymbol. In Zeiten wie den derzeitigen COVID-19-Zeiten, in denen direkte Arzt-Patienten-Kontakte als potenzielle Krankheitsursachen gelten, wird das Stethoskop zudem zu einem SARS-CoV-2-Überträgermedium gestempelt, was seinen Ruf weiter erodieren lässt.

Ist die Ultraschallsonde am Smartphone das neue Stethoskop?

In Frage gestellt wird das Stethoskop aber schon länger, weniger mit Verweis auf Keime als auf die enormen diagnostischen Möglichkeiten, über die die Medizin mittlerweile verfügt. Viele Fragen, die Ärzte an das Stethoskop stellen, lassen sich mit einem kaum größeren, mobilen Ultraschall-System zuverlässiger und ähnlich schnell beantworten. 

Und auch wer die akustische Herzdiagnostik nicht missen möchte, sieht sich mit der Frage konfrontiert, ob nicht eine elektronische Aufzeichnung und algorithmengestützte Auswertung einer Auskultation zuverlässigere Ergebnisse liefert – weniger abhängig vom Training und vom Hörvermögen.

Stethoskop sollte nicht abgesägt werden

Im American Journal of Medicine versuchen Kardiologen von der University of California in San Diego den Abgesängen auf das Stethoskop jetzt etwas entgegenzusetzen. Sie betonen, dass aus ihrer Sicht das Stethoskop dauerhaft ein wichtiges Werkzeug im Arzt-Patienten-Verhältnis bleiben werde – auch wenn es sich weiterentwickelt. Sie glauben insbesondere nicht, dass mobile Ultraschallgeräte – Smartphones mit eingesteckten Sonden und algorithmengestützter Software – all jene Informationen liefern können, die das Stethoskop liefert.

Was nur das Stethoskop kann

Der für eine linksventrikuläre Dysfunktion stark prädiktive dritte Herzton etwa gehe verloren, wenn nur noch mobil geschallt werde – und damit eine prognostisch relevante Information, die sich im Echo unter Umständen noch nicht widerspiegelt. Auch Pleurareiben hat kein Korrelat im Ultraschall, und eine frühe Perikarditis oder eine frühe pulmonale Hypertonie werden unter Umständen auch früher akustisch auffällig, bevor sich irgendwann im Ultraschall nicht mehr übersehbare Perikardergüsse bzw. Trikuspidalinsuffizienzen demaskieren.

Zweiter Stethoskopie-Frühling dank Maschinenlernen?

Tatsächlich könnte die Digitalisierung die Leistungsfähigkeit und Aussagekraft der Auskultation stark verbessern. Denn dadurch kann ihre größte Schwäche angegangen werden, die starke Abhängigkeit von der subjektiven Interpretation bei gleichzeitig sehr begrenzter Kontrollierbarkeit. 

Jeder Assistent in der Kardiologie kennt die nagenden Zweifel, wenn der Chef (in Kenntnis der Diagnose) den Auskultationsbefund beschreibt, den außer ihm niemand nachvollziehen kann. Hört er wirklich mehr als alle anderen? Oder gibt er einfach nur an?

Digitale Stethoskope können hier doppelte Abhilfe schaffen: Zum einen erlauben sie es, den Auskultationsbefund aufzuzeichnen und abzuspielen, damit nachvollziehbar zu machen. Zum anderen können hinterlegte Maschinenlernalgorithmen für mehr Objektivität sorgen. 

Und die funktionieren gar nicht schlecht: Die wichtigsten Klappenvitien konnten Algorithmen mit einer diagnostischen Genauigkeit von über 90 Prozent diagnostizieren, gemessen am Goldstandard Echokardiografie, nicht am Goldstandard Chefarztmeinung. Noch nicht ganz geklärt ist die praktisch-technische Umsetzung einer solchen digitalen Stethoskopie. Viele sehen auch hier das Smartphone auf die eine oder andere Art als zentrale Schnittstelle.

Wichtige Informationen auch bei COVID-19

Dass das Stethoskop weiterhin eine hohe klinische Relevanz habe, zeige sich nicht zuletzt bei COVID-19-Patienten, so die kalifornischen Kardiologen. Mit keiner anderen diagnostischen Modalität könne eine gar nicht so seltene Herzbeteiligung so schnell und mit vergleichsweise geringen infektiologischen Risiken abgeklärt werden. COVID-19 zeige freilich auch, dass Hygiene bei der Nutzung eines Stethoskops nicht einfach als gegeben angesehen werden kann.

Hygiene ist das A und O

Der Empfehlung, Stethoskope vor jedem Patientenkontakt zu desinfizieren, wird oft nicht konsequent Folge geleistet. Krankenhaushygieniker haben Stethoskope immer wieder im Hinblick auf ihre infektiologische Relevanz überprüft. Es gibt wahrscheinlich keinen Keim, der auf Stethoskopen noch nicht gefunden wurde. Die Alkoholdesinfektion des Stethoskops gilt als Standard, aber es gibt auch technische Lösungen, die zu sauberen Stethoskopen beitragen könnten.

So wurden UV-Licht-Desinfektionsgeräte entwickelt, in die das Stethoskop vor Gebrauch hineingehalten wird. Auch antimikrobielle Kupferbeschichtungen auf Stethoskop-Köpfen haben in Studien die Keimbelastung gesenkt. Besonders effektiv waren Einmalhüllen, die nach Gebrauch entsorgt werden wie der Einmalhandschuh. In jedem Fall sollten COVID-19 oder generell die Kontaminationsgefahr nach Auffassung der kalifornischen Kardiologen nicht als „Ausrede“ dienen, das Stethoskop aufs Altenteil zu bringen. Dazu sei es gerade auch bei COVID-19 zu wertvoll.

Literatur

Vasudevan RS et al. Persistent Value of the Stethoscope in the Age of COVID-19. Am J Med 2020; doi: 10.1016/j.amjmed.2020.05.018

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