Nachrichten 11.09.2020

Überlebenschancen bei COVID-19: Was kardiale Biomarker wirklich aussagen

Einige Kardiologen plädieren dafür, zur Einschätzung der Prognose von COVID-19-Patienten kardiale Biomarker wie Troponin direkt bei Klinikaufnahme zu bestimmen. Kardiologen aus Norwegen halten nicht sehr viel davon.

Kardiale und inflammatorische Biomarker wie Troponin oder C-reaktives-Protein (CRP) gingen in einigen retrospektiven Analysen mit einem erhöhten Sterberisiko bei COVID-19 einher.

Kardiologen aus Italien plädieren für eine systematische Bestimmung

Aufgrund ihrer Studienergebnisse raten italienische Kardiologen um Dr. Giulio Stefanini Klinikern deshalb dazu, „kardiale Biomarker von Patienten mit COVID-19 zum Zeitpunkt der stationären Aufnahme systematisch zu bestimmen“. Um die Risikostratifizierung zu optimieren und die Zuweisung von Ressourcen zu verbessern, begründen sie diese Empfehlung.

Norwegische Kardiologen um Prof. Torbjørn Omland sehen eine Bestimmung kardiovaskulärer und inflammatorischer Biomarker aus prognostischen Gründen dagegen kritisch. Ihre Untersuchung würde eine routinemäßige Untersuchung solcher Marker zu diesem Zwecke nicht unterstützen, argumentieren sie gegen ein solches Vorgehen.

So zeigte sich in der prospektiven COVID-MECH-Studie, dass die Werte von CRP, Ferritin, Laktatdehydrogenase, D-Dimere, NT-proBNP und hochsensitiven Troponin T (hs-cTnT) zwar tatsächlich bei Patienten mit schweren COVID-19-Verläufen prinzipiell deutlich höher waren als bei jenen mit weniger schweren Verläufen.

Kardiologen aus Norwegen halten dagegen

Doch nach Adjustierung auf klinische Faktoren wie Alter, Geschlecht, Ethnizität, kardiovaskuläre Vorerkrankungen, BMI, eGFR, Symptomdauer und Punkten im „National Early Warning“(NEWS)-Score blieben nur noch Laktatdehydrogenase und Ferritin mit dem Auftreten des primären Endpunktes assoziiert. Zusammengesetzt war der primäre Endpunkt aus der intrahospitalen Sterblichkeit und Aufnahme auf Intensivstation wegen einer erforderlichen mechanischen Beatmung länger als 24 Stunden.

Alle Biomarker seien in Bezug auf die Vorhersagekraft für den primären Endpunkt dem News-Score unterlegen gewesen, berichten Omland und Kollegen in der Publikation in „Circulation“. Bei dem NEWS-Score handelt es sich um ein Tool, der bei der Einschätzung der Dringlichkeit medizinischer Maßnahmen helfen soll. Kalkuliert wird dieser über die Atemfrequenz, Sauerstoffsättigung im Blut, Sauerstoffbedarf, den systolischen Blutdruck, dem Puls, der Temperatur und dem Bewusstseinszustand des Patienten.

Begründung: Kein prognostischer Mehrwert

„Keiner der Biomarker verbesserte die prognostische Reklassifizierung, wenn diese zum News-Score hinzugefügt wurden“, unterstreichen die Kardiologen von der Universitätsklinik in Akershus die ihrer Ansicht nach geringe prognostische Relevanz der untersuchten Biomarker.

Insgesamt 131 mit SARS-CoV-2 infizierte Patienten wurden im Rahmen der Studie über einen Zeitraum von 30 Tagen nachbeobachtet. Von gut einem Drittel verschlechterte sich der Zustand in dieser Zeit derart, dass sie intensiv behandelt werden mussten oder verstarben.

Aber vielleicht ein diagnostischer Nutzen?

„In unserer prospektiven Studie von unselektierten hospitalisierten Patienten mit COVID-19 lieferte die Messung von etablierten kardiovaskulären Biomarkern bei Klinikaufnahme keinen prognostischen Mehrwert, der über die durch klinische Charakteristika und dem NEWS-Score gewonnenen Informationen hinausgeht“, lautet das Fazit von Omland und Kollegen. Wichtig ist ihnen aber, zu betonen, dass sie hier von prognostischen Zwecken sprechen. Sie hätten in ihrer Studie nicht den diagnostischen Mehrwert der Marker überprüft. Inwieweit die Biomarker-Bestimmung in dieser Hinsicht Sinn macht, lässt sich aus dieser Studie somit nicht schließen.

Als Limitierung ihrer Studie verweisen die norwegischen Ärzte u.a. auf die geringe Patientenzahl. In der italienischen Studie von Stefanini und Kollegen sind beispielsweise Daten von 397 COVID-19-Patienten (allerdings retrospektiv) analysiert worden.

Literatur

Stefanini GG et al. Early detection of elevated cardiac biomarkers to optimise risk stratification in patients with COVID-19. Heart 2020; DOI: https://doi.org/10.1136/heartjnl-2020-317322

Omland T et al. Established Cardiovascular Biomarkers Provide Limited Prognostic Information in Unselected Patients Hospitalized with COVID-19. Circulation 2020; DOI: 10.1161/CIRCULATIONAHA.120.050089 

Highlights

Das Live-Kongress-Angebot der DGK

Sichern Sie sich den Zugang zu allen zertifizierten Vorträgen von DGK.Online 2021 und der 87. Jahrestagung 2021 live und on demand.

Corona, COVID-19 & Co.

Die Ausbreitung des Coronavirus hat einschneidende Folgen auch für die Herzmedizin. Aktuelle Meldungen zu SARS-CoV-2 bzw. zu der Lungenkrankheit COVID-19 finden Sie in diesem Dossier.

Aktuelles und Neues aus der Kardiologie

AV-Block in jungen Jahren – Prognose schlechter als gedacht

Eigentlich geht man bei Patienten mit einem AV-Block von einer guten Prognose aus, wenn ihm keine kardiale Erkrankung zugrunde liegt. Bei jungen Patienten scheint das jedoch anders zu sein.

SGLT2-Hemmer: Herzinsuffizienz-Therapie mit Sofortwirkung

Der SGLT2-Hemmers Dapagliflozin entfaltet bei Herzinsuffizienz prompte Wirkung: Kardiovaskuläre Todesfälle und Klinikeinweisungen lassen sich damit schon nach vier Wochen signifikant reduzieren, belegen neue Studiendaten.

Kardiales Risikoprofil und Hirnmetabolismus: Bezüge schon früh erkennbar

Schon im mittleren Lebensalter scheinen kardiovaskuläre Risikofaktoren wie Hypertonie mit Veränderung des Hirnstoffwechsels einherzugehen, die den Boden für künftige kognitive Störungen bereiten könnten, legen Ergebnisse einer neuen Studie nahe.

Aus der Kardiothek

80-jähriger Patient im CT – wie lautet Ihre Diagnose?

Kardiale Computertomografie bei einem 80-jährigen Patienten nach STEMI – was ist zu sehen?

62-Jähriger mit Schrittmacher – was ist im Röntgen zu sehen?

62-jähriger Patient mit Zustand nach 2-Kammer-Schrittmacher, aufgenommen bei respiratorischer Insuffizienz. Was ist auf den Röntgenbildern zu sehen?

Zepter und Krone – oder was sehen Sie auf dem Bild?

Kardiale Computertomographie, 3-dimensionale Rekonstruktion im „Metallfenster“. Was ist zu sehen?

DGK.Online 2021/© DGK
Corona/© Naeblys / Getty images / iStock
Kardiale Computertomografie/© S. Achenbach (Medizinische Klinik 2 des Universitätsklinikums Erlangen)
Röntgen-Thorax/© PD Dr. med. Katharina Schöne, MediClinHerzzentrum Coswig
Kardiale Computertomographie/© Stephan Achenbach, Friedrich-Alexander-Universität Erlangen