Nachrichten 25.01.2021

Durchbruch in der COVID-19-Therapie? Colchicin kann angeblich Komplikationen verhindern

Colchicin könnte das erste Medikament sein, welches COVID-19-Patienten zuhause einnehmen können, um einen schweren Verlauf zu verhindern. Das zumindest verkündet ein kanadischer Kardiologe in einer Pressemitteilung.

„Wir freuen uns, das erste orale Medikament der Welt anbieten zu können, welches einen signifikanten Einfluss auf die Gesundheit der Bevölkerung haben kann und möglicherweise COVID-19-Komplikationen bei Millionen von Patienten verhindert“, derart optimistisch fasst Dr. Jean-Claude Tardif die Ergebnisse der COLCORONA-Studie, die der Kardiologe von der Universität von Montréal als Studienleiter betreut, in einer Pressemitteilung zusammen.

Tardif spricht von Colchicin, einem Medikament mit langer Geschichte, das sich nicht nur als Gichtmittel einen Namen gemacht hat. Auch Kardiologen ist das Herbstzeitlosen-Alkaloid gut bekannt. So wird Colchicin inzwischen zur Behandlung der Perikarditis eingesetzt. Zudem legen Daten eine potenzielle sekundärprophylaktische Wirkung für Herzinfarkt-Patienten nahe (mehr dazu erfahren Sie hier).

Angeblich 44% weniger Todesfälle

Nun soll der „Allrounder“ auch gegen Corona helfen. Die angebliche Wirkung ist beeindruckend: Die Gabe von Colchicin hat in der COLCORONA-Studie Klinikeinweisungen um 25% verhindert, die Notwendigkeit einer künstlichen Beatmung um 50%, und Todesfälle um 44%. Colchicin habe das Risiko für Krankenhauseinweisungen oder Tod im Vergleich zu Placebo um 21% gesenkt, berichtet das Montreal Heart Institut. Diese Ergebnisse sind laut Angaben des Instituts signifikant. Nähere statistische Angaben werden in der Pressemeldung allerdings nicht gemacht.

Zu schön, um wahr zu sein? Angesichts der vielen Rückschläge in der Erforschung von COVID-19-Therapien ist Zurückhaltung angebracht, vor allem deshalb, weil die Ergebnisse bisher nur in Form einer Pressemitteilung mitgeteilt wurden, und noch nicht „offiziell“ publiziert sind. Über potenzielle Nebenwirkungen steht in der Meldung nichts. 

Randomisierte Studie mit fast 4.500 Patienten

Ein wenig Hoffnung darf man wohl trotzdem haben, die Ergebnisse scheinen jedenfalls auf einer soliden Datenbasis zu basieren: Fast 4.500 Patienten mit einer PCR-bestätigten SARS-CoV-2-Infektion aus den USA, Kanada, Europa, Südamerika und Südafrika sind für die Studie randomisiert worden, entweder zu Colchicin (0,5 mg 2 × täglich für 3 Tage und dann 1 × pro Tag für 27 Tage)  oder zu Placebo. Die Teilnehmer waren bei Studieneinschluss nicht stationär aufgenommen worden, wiesen aber mind. einen Risikofaktor für COVID-19-assoziierte Komplikationen auf, z.B. ein höheres Alter von ≥ 70 Jahren, einen BMI ≥ 30 kg/m², Diabetes, unkontrollierter Hypertonus, Asthma, COPD, Herzinsuffizienz, KHK, Fieber ≥ 38,4°C usw.

Laut Angaben des Montreal Heart Instituts handelt es sich damit um die bis dato weltweit größte Studie, die ein oral einzunehmendes Medikament bei nicht-hospitalisierten COVID-19-Patienten getestet hat.

Wie wirkt Colchicin gegen SARS-CoV-2?

Worauf könnte die Wirkung von Colchicin bei SARS-CoV-2-Infektionen basieren? In der Pressemitteilung wird davon gesprochen, dass das Medikament den sog. Zytokinsturm verhindern kann, konkrete Erläuterungen werden nicht gemacht. 

Tatsächlich wurde bereits im Juli letzten Jahres eine sehr kleine randomisierte Studie aus Griechenland publiziert, in der sich eine positive Wirkung des Herbstzeitlosen-Alkaloid bei COVID-19 angedeutet hat. Die griechischen Wissenschaftler vermuteten, dass die antiinflammatorischen Effekte von Colchicin zu einer Reduktion schwerer Verläufe beigetragen haben: Eine Wirkung auf die Endozytose, die den Zelleintritt des Virus verlangsamen könnte, oder die Hemmung des Inflammasom-Signaling könnten eine Rolle spielen.

Nun gilt es, auf die offizielle Publikation der Ergebnisse zu warten, ehe definitive Aussagen zur Wirkung von Colchicin bei COVID-19 getroffen werden können.

Literatur

Pressemitteilung des Montreal Heart Instituts: Colchicine reduces the risk of COVID-19-related complications, veröffentlicht am 22. Januar 2021.

https://clinicaltrials.gov/ct2/show/NCT04322682


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