Nachrichten 13.01.2022

COVID-19: Entzündungen im Herzen scheinen von selbst auszuheilen

Kann eine SARS-CoV-2-Infektion langfristig Schäden am Herzen verursachen? Eine Frage, die noch immer diskutiert wird. Eine Studie deutet nun an: Entzündungen im Herzen können zwar vorkommen, die Betroffenen scheinen aber eine günstige Prognose zu haben.

Auch noch Wochen nach einer SARS-CoV-2-Infektion lassen sich bei einigen Patienten Entzündungen im Herzen nachweisen. Davon betroffen ist aber eher eine Minderheit der Patienten, und im weiteren Verlauf scheinen die Herzschäden wieder auszuheilen, wie eine aktuelle prospektive Studie aus Kanada nahelegt.

„Zusammenfassend zeigt unsere Studie, dass eine lokale Myokardinflammation bei einem kleinen Teil der genesenen COVID-19-Patienten vorhanden und diese mit abnormalen MRT-Befunden und erhöhten systemischen Entzündungsmarkern im Blut assoziiert ist und dass sich diese im weiteren Verlauf zurückbildet“, berichten die Autoren der Studie um Dr. Kate Hanneman.

Bisher widersprüchliche Ergebnisse

Es ist nicht die erste Studie, die sich mit den kardialen Spätfolgen einer SARS-CoV-2-Infektion beschäftigt. Große Bedenken hatte eine 2020 publizierte MRT-Studie einer Frankfurter Arbeitsgruppe ausgelöst. In dieser Untersuchung konnten bei 78% der genesenen COVID-19-Patienten Auffälligkeiten im MRT nachgewiesen werden. Als besonders besorgniserregend wurde damals die Tatsache wahrgenommen, dass die Teilnehmer überwiegend einen milden COVID-19-Verlauf hatten.

Eine gerade erst veröffentlichte Studie aus Hamburg liefert nun generell Hinweise darauf, dass SARS-CoV-2-Infektionen subklinische Organschäden verursachen könnten, auch am Herzen, wobei diese im Kardio-MRT nicht reproduzierbar waren und die Bedeutung dieser Organbefunde bisher unklar ist.

Etwas widersprüchlich zu diesen beiden Studien sind die Ergebnisse einer 2021 publizierten dänischen Studie. Im Gegensatz zur Frankfurter Studie gab es hier eine Kontrollgruppe. Das überraschende Ergebnis: Pathologische Befunde im MRT waren bei den genesenen COVID-19-Patienten nicht häufiger nachweisbar als in der Kontrollgruppe. Also muss man sich doch keine Sorgen machen?

Eine einfache Antwort gibt es darauf nicht, denn es gibt viele Gründe, warum die Ergebnisse solcher Studien unterschiedlich ausfallen könnten, dazu gehören u.a. unterschiedliche Baseline-Charakteristika der teilnehmenden Patientinnen und Patienten (mehr dazu lesen Sie hier).

Aktuelle Studie mit PET- und MRT-Untersuchung

Die Studie von Hanneman und Kollegen liefert jetzt weitere Erkenntnisse zu dieser wichtigen Frage. Im Gegensatz zu den anderen Studien wurden die Patienten diesmal nicht nur mit einem Kardio-MRT, sondern auch mittels eines 18F-FDG/PET-Scans untersucht. Für die Rekrutierung wurden Patientinnen und Patienten, die innerhalb der letzten drei Monate eine COVID-Erkrankung durchgemacht hatten, via E-Mail kontaktiert. 47 Personen meldeten sich darauf, darunter 24 Frauen (51%). Das mittlere Alter der Teilnehmer lag bei 43 Jahren. Die meisten Patienten (85%) hatten die Infektion zuhause durchgestanden, nur 9% mussten ins Krankenhaus und nur 6% wurden auf die Intensivstation verlegt.

17% mit myokardialer Inflammation

Bei acht Patienten – also bei 17% – ließ sich zwei Monate nach der Infektion (im Mittel nach 62 Tagen) in der PET eine Aufnahme des FDG-Tracers in bestimmten Segmenten des Myokards nachweisen. Die Untersucher interpretierten dies als Hinweis für eine myokardiale Inflammation. Noch plausibler wird die Diagnose durch den Umstand, dass sich bei den betroffenen Patienten im MRT auch höhere T2- und T1-Zeiten und eine Zunahme des extrazellulären Volumens (In Kolokalisation zur FDG-Aufnahme) nachweisen ließen. Darüber hinaus wiesen diese Patienten eine höhere Prävalenz von Late Gadolinum Enhancement (bei 75% mit auffälligem PET-Befund vs. 23% ohne Befund, p=0,009), eine niedrigere linksventrikuläre Ejektionsfraktion (55% vs. 62%, p ˂ 0,001), einen schlechteren globalen longitudinalen und zirkumferentiellen Strain (–16% vs. –17%, p=0,01 und –18% vs. –20%, p=0,047) sowie höhere Konzentrationen systemischer Entzündungsmarker wie IL-6, -8 und CRP auf. Bei insgesamt drei Patienten waren die Lake-Louis-Kriterien für das Vorliegen einer Myokarditis erfüllt. 

Auffällig ist zudem, dass jene Patienten, bei denen der PET-Befund pathologisch war, häufig Hypertoniker waren, in 50% der Fälle, wohingegen die Prävalenz bei den anderen Patienten mit 13% deutlich geringer war (p=0,03). Tendenziell litten die Patienten mit auffälligem PET-Befund auch häufiger an kardialen Beschwerden (63% vs. 36%), wobei dieser Unterschied statistisch nicht signifikant war (p=0,24). Angesichts der wachsenden Zahl von COVID-19-Überlebenden mit ähnlichen Beschwerden seien diese Befunde interessant, bemerken die Studienautoren. Die kanadischen Mediziner fordern deshalb weitere Forschung in diesem Bereich.

Pathologischen Befunden haben sich wieder normalisiert

Was die Langzeitprognose betrifft, ergeben sich aus der aktuellen Studie positive Nachrichten: So haben sich die anfänglich nachweisbaren pathologischen Befunde bei allen betroffenen Patienten in den nach weiteren zwei Monaten vorgenommenen PET/MRT-Untersuchungen wieder normalisiert. Die Autoren gehen deshalb davon aus, dass die anfangs nachgewiesenen Herzschäden nicht auf eine existierende Herzerkrankung zurückzuführen sind, sondern eine Folge der Infektion waren. Und diese Folgen scheinen von selbst, also ohne Behandlung, auszuheilen. „Im Großen und Ganzen deuten die Studienergebnisse darauf hin, dass bei diesem Bildgebungs-Phänotyp eine gute Prognose zu erwarten ist“, lautete das optimistische Resümee von Hanneman und Kollegen.

Allerdings gibt es auch bei dieser Studie wichtige Limitierungen: Eine Kontrollgruppe fehlte, und wegen der geringen Patientenzahl und des Rekrutierungsvorganges (dieser birgt einen Selektionsbias) ist es fraglich, ob sich die Ergebnisse auf andere Patientengruppen generalisieren lassen.

Literatur

Hanneman K et al. Combined Cardiac Fluorodeoxyglucose–Positron Emission Tomography/ Magnetic Resonance Imaging Assessment of Myocardial Injury in Patients Who Recently Recovered From COVID-19. JAMA Cardiol. 2022; doi:10.1001/jamacardio.2021.5505

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