Nachrichten 26.03.2020

Deutlich höheres Sterberisiko bei COVID-19-bedingten Herzschäden

Die Überlebenschancen von COVID-19-Patienten könnten entscheidend durch die Existenz von Myokardschädigungen beeinflusst werden. Dies verdeutlichen aktuelle Daten aus Wuhan.

Herzschädigungen sind offenbar eine ziemlich häufige Komplikation von SARS-CoV-2-Infektionen, und deren Existenz scheint die Überlebenschancen der Patienten unabhängig von anderen Komplikationen deutlich zu verringern.    

Dr. Shaobo Shi und Kollegen von dem Renmin Krankenhaus in Wuhan haben bei etwa jedem fünften (19,7%) hospitalisierten COVID-19-Patienten Myokardschädigungen festgestellt. Ihre Analyse wurde aktuell im „JAMA Cardiology“ publiziert und bezieht sich auf alle in diesem Krankenhaus zwischen dem 20. Januar und 10. Februar 2020 eingelieferten COVID-19-Patienten, insgesamt 416 an der Zahl.

Unerwartet hohes Sterberisiko

Die chinesischen Ärzte zeigen sich überrascht über die „unerwartet hohe“ Letalität dieser Patienten: Ihr Risiko, in der Klinik zu versterben, war mehr als das Vierfache höher als für Patienten ohne Myokardschädigungen, wenn man die Zeit ab Symptombeginn betrachtet – und zwar nach Adjustierung auf Alter, Komplikationen wie einem Acute Respiratory Distress-Syndrome (ARDS) und Komorbiditäten (Hazard Ratio, HR: 4,26; p˂ 0,001). Eine ähnliches Sterberisiko haben die betroffenen Patienten auch dann, wenn erst die Zeitspanne ab Klinikeinweisung berücksichtigt wird (HR: 3,41; p = 0,001).

„Auf kardiale Komplikationen achten“

Diese Ergebnisse verdeutlichen, wie wichtig es sei, beim Management von COVID-19-Patienten auf kardiale Komplikationen zu achten, lautet das Fazit der chinesischen Ärzte. Shi und sein Team weisen allerdings darauf hin, dass auch ihre Analyse keine Aussage über die exakten Mechanismen hinter den bei COVID-19 zu beobachtenden Myokardschädigungen zulässt.

Was verursacht die Myokardschädigungen?

Eine sich in diesem Kontext zunehmend durchzusetzende Theorie ist, dass ein durch die Virusinfektion getriggerter Zytokinsturm eine verstärkte Apoptose und Nekrose von Myokardzellen hervorruft. Zudem sei bekannt, dass Inflammationsprozesse eine Plaqueruptur begünstigen können, erläutern die Studienautoren. 

Die Ergebnisse der aktuellen Analyse sprechen für diese „Hyperinflammations-Theorie“, da bei den Patienten mit Myokardschädigungen Entzündungsmarker wie C-reaktives Protein (CRP), Procalcitonin und Leukozytenzahl deutlich erhöht waren.  

Kardiovaskuläre Vorerkrankungen machen anfällig

Eine weitere Mutmaßung ist, dass bereits bestehende kardiovaskuläre Grunderkrankungen die Patienten anfälliger für Myokardschädigungen machen könnten. Etwa 30% und 60% der COVID-19-Patienten, die im Verlauf der Infektion eine Myokardschädigung entwickelt haben, litten in der Vorgeschichte an einer koronaren Herzerkrankung und Bluthochdruck, berichten die Studienautoren, diese Rate ist damit deutlich höher als bei Patienten ohne Myokardschädigungen.

Shi und Kollegen vermuten deshalb, dass eine verstärkte Inflammation in Kombination mit einer gewissen Anfälligkeit aufgrund von kardiovaskulären Vorerkrankungen das Auftreten von Myokardschädigungen bei einer SARS-CoV-2-Infektion begünstigen könnte.

Doch Vorsicht bei der Interpretation der Daten

Bei der Interpretation der aktuellen Analyse ist jedoch zu beachten, dass die Ärzte aus Wuhan alle zum Aufnahmezeitpunkt gemessenen Werte des hochsensitiven Troponins I (hs-TnI), die über der 99. Perzentile gelegen haben, als Myokardschädigung definiert haben, unabhängig davon welche Veränderungen im EKG oder Echokardiografie zu sehen waren. Keine Informationen liegen über den hs-TnI-Verlauf vor. Und auch Daten zum Interleukin-6 (IL-6), die wichtig für die Interpretation des Ausmaßes der Inflammation wären, existieren nicht, ebenso wenig ist etwas über die Sepsis-Rate bekannt.

Und zu guter Letzt ist es wichtig, zu erwähnen, dass die COVID-19-Patienten mit Myokardschädigungen nicht nur in Bezug auf ihre Vorerkrankungen andere Voraussetzungen hatten als Patienten ohne Myokardschädigungen. Sie wurden darüber hinaus auch anders behandelt. So erhielten von Herzschäden betroffene Patienten deutlich häufiger Glukokortikoide. Die bei COVID-19 zu beobachtenden Herzschädigungen scheinen somit prognoserelevant, fraglich ist allerdings, ob sie ursächlich den Tod der Patienten verursacht haben.  

Literatur

Shi et al. Association of Cardiac Injury With Mortality in Hospitalized Patients With COVID-19 in Wuhan, China. JAMA Cardiol. Published online March 25, 2020. doi:10.1001/jamacardio.2020.0950

Aktuelles

Kurz & knapp: Was COVID-19 für die Herzmedizin bedeutet

Über das Coronavirus kursieren viele Falsch- und Halbwahrheiten. Ein Kardiologe hat jetzt kurz und knapp zusammengefasst, was über das Virus und dessen Auswirkungen auf die Herz-Kreislauf-Medizin bekannt ist.

Ausschreibung: Herzstiftung fördert Forschung zu SARS-CoV-2 mit einer Million Euro

Für Projekte, die die Zusammenhänge von COVID-19 und kardiovaskulären Erkrankungen erforschen, stellt die Deutsche Herzstiftung Mittel in Höhe von einer Million Euro zur Verfügung. Bewerbungen können ab sofort bis zum 20. April 2020 eingereicht werden.

Sport verändert Fettstoffwechsel viel stärker als gedacht

Körperliche Aktivität hält fit, das ist bekannt. Eine australische Studie deutet jetzt darauf hin, dass die metabolischen Auswirkungen größer sind als gedacht – aber nicht alle profitieren.

Highlights

Aktuelles zum Coronavirus

Die WHO hat die Ausbreitung des Coronavirus kürzlich als Pandemie eingestuft. Inzwischen sind weit über 100 Länder von dem Ausbruch betroffen. Aktuelle Meldungen zum Coronavirus bzw. zu der Lungenkrankheit Covid-19 finden Sie in diesem Dossier. 

Aktuelles zum Coronavirus

Die WHO hat die Ausbreitung des Coronavirus kürzlich als Pandemie eingestuft. Inzischen sind weit über 100 Länder von dem Ausbruch betroffen. Aktuelle Meldungen zum Coronavirus bzw. zu der Lungenkrankheit Covid-19 finden Sie in diesem Dossier. 

International Stroke Conference 2020

Die International Stroke Conference ist das weltweit führende Treffen, das sich der Wissenschaft und Behandlung von zerebrovaskulären Erkrankungen widmet. Ausgewählte Highlights finden Sie in diesem Dossier. 

Aus der Kardiothek

Was fällt Ihnen in der Echokardiografie auf?

Transthorakale Echokardiografie eines 50-jährigen Patienten mit schwerer rechtskardialer Dekompensation. Was ist zu sehen?

Defekt mit Folgen – das ganze Ausmaß zeigt das CT

CT-Befund (mit Kontrastmittelgabe) – was ist zu sehen?

Live-Case Trikuspidalinsuffizienz

Prof. Volker Rudolph, HDZ NRW Bochum, mit Team

Live Cases

Live-Case Trikuspidalinsuffizienz

Prof. Volker Rudolph, HDZ NRW Bochum, mit Team

Kontroverser Fall: So kann man wiederkehrendes Vorhofflimmern auch behandeln

Ein Patient leidet an wiederkehrendem Vorhofflimmern. Das Team um Prof. Boris Schmidt entscheidet sich für eine ungewöhnliche Strategie: die Implantation eines endokardialen Watchmann-Okkluders, um den linken Vorhof zu isolieren. Das genaue Prozedere sehen Sie hier. 

Spezielle Katheterablations-Strategie bei ausgeprägtem Narbengewebe

Die ventrikuläre Tachykardie eines 54-jährigen Patienten mit zurückliegendem Hinterwandinfarkt soll mit einer Katheterablation beseitigt werden. Prof. Thomas Deneke entscheidet sich für eine unkonventionelle Strategie und erläutert wie das CT  in solchen Fällen helfen kann. 

Bildnachweise
Digitaler ACC-Kongress 2020/© Sergey Nivens / stock.adobe.com
Coronavirus/© Naeblys / Getty images / iStock
International Stroke Conference 2020, Los Angeles/© Beboy / Fotolia
Transthorakale Echokardiografie/© Monique Tröbs (Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg)
CT-Befund (mit Kontrastmittelgabe)/© S. Achenbach, Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg (2)
Live-Case AGIK/© DGK 2019
DGK Herztage 2018 - Interview Prof. Dr. Boris Schmidt
Vortrag Prof. Dr. Thomas Deneke - Jahrestagung DGK 2018/© DGK 2018