Nachrichten 28.07.2020

COVID-19: Dauerhafte Herzschäden selbst bei milden Verläufen

Selbst eine mild verlaufende SARS-CoV-2-Infektion scheint das Herz dauerhaft beeinträchtigen zu können. Zu diesem Schluss kommen nun Kardiologen aus Frankfurt.

Kardiologen müssen bei COVID-19-Patienten offenbar mit langfristigen kardiovaskulären Folgen rechnen – und zwar auch in Fällen, bei denen die Akutinfektion milde verlief.

78% der Patienten mit Auffälligkeiten im Herzen 

Dr. Valentina Puntmann und ihre Team von der Universitätsklinik Frankfurt haben bei über drei Viertel aller Patienten (78%), die eine SARS-CoV-2-Infektion überstanden haben, im späteren Verlauf Auffälligkeiten im MRT feststellen können. Insgesamt 100 Patienten haben die Kardiologen im Schnitt 71 Tage nach der COVID-19-Diagnose untersucht. 60% der Patienten wiesen zu diesem Zeitpunkt noch Anzeichen für eine myokardiale Inflammation auf.

Obwohl die Infektion selbst meist mild/mäßig verlief

Besonders besorgniserregend ist der Umstand, dass sich eine Infektion mit dem neuen Coronavirus offenbar unabhängig von der Schwere der Infektion, bestehender Vorerkrankungen und dem generellen Verlauf der Akuterkrankung langfristig im Herzen manifestieren kann. 

Die meisten der in dieser prospektiven Studie untersuchten Patienten (n= 67) kurierten die Akutinfektion aufgrund nur milden bis mäßiger Beschwerden nämlich zuhause aus, 18 von ihnen hatten akut gar keine Symptome. Insgesamt mussten nur zwei Patienten künstlich beatmet werden, 28 benötigen eine Sauerstoffzufuhr.

Sprich, bei dem untersuchten Kollektiv handelte es sich überwiegend nicht um schwer erkrankte COVID-19-Patienten, sondern um das Gros der Patienten, die in der Akutphase nur milde bis mäßige Beschwerden hatten.

Einige Patienten klagten über anhaltende Beschwerden

Klinisch ins Auge fällt, dass 36% der Patienten auch nach der überstandenen Akutinfektion über anhaltende Kurzatmigkeit und allgemeine Erschöpfung berichteten; einige Patienten klagten über atypischen Brustschmerz oder Palpitationen (n=17 bzw. 20). Eine Herzinsuffizienz oder Kardiomyopathie war bei keinem der Patienten im Vorfeld der Virusinfektion bekannt, einige wiesen jedoch kardiovaskuläre Grunderkrankungen wie Hypertonie, Diabetes oder eine KHK auf.  

Typische MRT-Veränderungen

Typische kardiale Veränderungen, die Puntmann und Kollegen bei den genesenen COVID-19-Patienten im Vergleich zu auf Alter, Geschlecht und Risikofaktoren gematchten Kontrollpersonen im MRT festgestellt haben, waren:

  • diffuse Myokardfibrose und/oder Ödeme (erhöhte native T1-Zeiten und/oder T2-Zeiten, bei 73 bzw. 60 Patienten),
  • Narbenareale sowohl im Myokard (myokardiales Late-Gadolinium-Enhancement [LGE], n=32) als auch im 
  • Perikard (perikardiales LGE, n=22).

Anhaltende Perikarditis als wahrscheinliche Ursache

Als Ursache für die meisten abnormalen MRT-Befunde vermuten Puntmann und Kollegen eine anhaltende Perimyokarditis. Periepikardiales LGE in Gebieten mit verstärkter Kontrastmittelaufnahme lasse sich speziell in Kombination mit einem Perikarderguss auf eine Fibrose und/oder Ödem als Folge einer aktiven Perikarditis zurückführen, erläutern sie die Bedeutung der Befunde. Für das Vorliegen einer Perikarditis spricht zudem, dass die T1- und T2-Zeiten häufig beide verändert und mit erhöhten Konzentrationen  von hochsensitiven Troponin (hsTnT) assoziiert waren. 

Inflammation ist schuld

Bei drei Patienten, bei denen aufgrund extremer Abweichungen im MRT anschließend eine endomyokardiale Biopsie vorgenommen worden ist, ließ sich eine aktive lymphozytische Inflammation feststellen. Virusgenom war nicht nachzuweisen. Die langfristige Herzmanifestation ist also wahrscheinlich auf inflammatorische Prozesse, die durch die Virusinfektion getriggert worden sind, und nicht auf das Virus selbst zurückzuführen.  

Im Hinblick auf die Prognose als weniger aussagekräftig beurteilen die Studienautoren die links- und rechtsventrikuläre Herzfunktion (LVEF und RVEF). Zwar waren beide Parameter bei den genesenen COVID-19-Patienten im Vergleich zur Kontrollgruppe signifikant erniedrigt (jeweils 56% vs. 60%). Doch habe es diesbezüglich zwischen der COVID-19- und der Kontrollgruppe große Überschneidungen gegeben, weisen sie einschränkend hin.

In einer kürzlich publizierten Studie, die ähnliche Langzeitfolgen einer SARS-CoV-2-Infektion auf myokardiale Gewebestrukturen gezeigt hatte, war – wenn überhaupt – nur die rechte Ventrikelfunktion dauerhaft betroffen.

Doch welche Patienten sind besonders gefährdet?

Keine Antworten gibt die aktuelle Studie, welche COVID-19-Patienten besonders gefährdet sind für eine dauerhafte Herzbeteiligung und inwieweit sich die MRT-Befunde auf die kardiale Prognose der Patienten auswirken. Puntmann und Kollegen halten es deshalb für wichtig, die kardiovaskulären Konsequenzen der Infektion bei allen Patienten fortlaufend zu untersuchen.

Einen gewissen Einfluss auf das Risiko könnte dann doch der Schweregrad der Infektion haben; zumindest waren die T1-Zeiten bei den COVID-19-Patienten, die im Krankenhaus behandelt werden mussten, geringfügig, aber signifikant höher als bei jenen, die sich zuhause auskurieren konnten (nicht aber die T2- oder hsTnT-Werte).

Update vom 18.09.2020

Die Autoren haben in der Zwischenzeit eine Korrektur ihrer Daten veröffentlicht, an der Grundaussage der Studie ändert dies ihren Angaben zufolge aber nichts.  Mittlerweile hat kardiologie.org mit Prof. Nagel über die Ergebnisse gesprochen, seine Meinung erfahrt Ihr in diesem Beitrag.


Literatur

Puntmann VO et al. Outcomes of Cardiovascular Magnetic Resonance Imaging in Patients Recently Recovered From Coronavirus Disease 2019 (COVID-19). JAMA Cardiol. 2020. DOI:10.1001/jamacardio.2020.3557

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Bildnachweise
DGK.Herztage 2020/© DGK
Corona/© Naeblys / Getty images / iStock
ESC-Kongress (virtuell)/© [M] metamorworks / Getty Images / iStock | ESC
Kardio-MRT (CMR, Late Gadolinium Enhancement PSIR)/© Mohamed Marwan, Friedrich-Alexander-Universität Erlangen
Thorax-CT/© S. Achenbach (Friedrich-Alexander-Universität Erlangen)
Kardio-MRT (Late Gadolinium Enhancement)/© Stephan Achenbach, Friedrich-Alexander-Universität Erlangen