Nachrichten 01.07.2020

Grund zur Hoffnung? Colchicin scheint schwere COVID-19-Verläufe zu verhindern

Colchicin hat in einer randomisierten Studie eine vielversprechende Wirkung bei COVID-19-Patienten gezeigt. Richtig überzeugt sind die Studienautoren davon aber nicht.  

Auf der Suche nach einer wirksamen COVID-19-Therapie haben griechische Ärzte einen Erfolg zu vermelden. In der randomisierten Studie GRECCO-19 hat eine Behandlung mit Colchicin die Wahrscheinlichkeit, dass Patienten einen schweren COVID-19-Verlauf entwickeln, signifikant verringern können.

Angesichts der absoluten Zahlen ist allerdings Zurückhaltung angebracht. Letztlich waren es nämlich nur sieben Patienten in der Kontrollgruppe und ein Patient im Therapiearm, deren Zustand sich im Studienverlauf derart verschlechterte, dass sie mit Sauerstoff versorgt oder künstlich beatmet werden mussten oder an der Infektion verstarben.

Prozentual scheint die Wirkung groß...

In Prozenten macht dies immerhin einen Unterschied von 14,0% (7 von 50 Patienten) versus 1,8% (1 von 55 Patienten). Das Risiko für eine klinische Verschlechterung war für die mit Colchicin behandelten Patienten damit um relativ 89% signifikant geringer (Odds Ratio, OR: 0,11; p=0,02). Die Spannbreite des 95%-Konfidenzintervalls (0,01–0,96) ist angesichts der geringen Ereignisraten allerdings extrem groß.

...aber absoluten Zahlen sind sehr niedrig

Aufgrund der statistischen Limitationen mahnen die Studienautoren um Prof. Spyridon Deftereos zur vorsichtigen Interpretation ihrer Studienergebnisse. Diese sollten nur als hypothesengenerierend betrachtet werden, schreiben die Ärzte aus Athen in der Publikation im JAMA Network Open.

Etwas überraschend ist, dass die Colchicin-Behandlung auf die Konzentration des hochsensitiven Troponins (hs-cTn) und C-reaktiven Proteins (CRP) keinen signifikanten Einfluss hatte. Angesichts der antiinflammatorischen Effekte des traditionellen Gicht-Medikaments hätte man eine entsprechende Wirkung erwarten könnten.

Cholchicin ohne Wirkung auf Troponin und CRP

Die Wirkung des Herbstzeitlosen-Alkaloid hat sich in den letzten Jahren auch zunehmend in der Herzkreislauf-Medizin bewährt. Als Perikarditis-Therapie ist das Medikament bereits etabliert, und auch in der Sekundärprävention bei Herzinfarkt-Patienten konnte Cholchicin positive Effekte erzielen (mehr dazu lesen Sie in diesem Beitrag).

In der aktuellen Studie scheint die kardiovaskuläre Wirkung allerdings eher nicht der Grund gewesen zu sein, warum die Patienten von Cholchicin profitiert haben, wobei der hs-cTn-Anstieg bei den Studienpatienten prinzipiell eher gering bis moderat gewesen sei, stellen die Studienautoren klar, „weit weg von dem, was Kardiologen von Patienten mit akutem Koronarsyndrom gewohnt sind.“

Was war dann der Grund für die klinische Wirkung?

Was aber war dann der Grund für die positiven Effekte des Medikaments auf den COVID-19-Verlauf? Als Erklärung führen Deftereos und Kollegen an, dass hinter der antiinflammatorischen Wirkung von Cholchicin andere Mechanismen stecken, als dies beispielsweise bei Kortikosteroiden oder nicht-steroidalen antiinflammatorischen Substanzen der Fall ist. Effekte auf die Endozytose, die den Zelleintritt des Virus verlangsamen könnten, oder die Hemmung des Inflammasom-Signaling könnte ihrer Ansicht nach eine Rolle spielen.

Statistische Limitationen sind groß

Insgesamt wurden in der GRECCO-19-Studie 105 hospitalisierte Patienten mit nachgewiesener SARS-CoV-2-Infektion entweder zu einer alleinigen Standardtherapie oder zu einer Standardbehandlung mit zusätzlicher niedrigdosierter Cholchicin-Gabe (1,5 mg Aufsättigungsdosis, 60 Minuten später 0,5 mg, gefolgt von einer Erhaltungsdosis von 0,5 mg 2× Tag bis 3 Wochen) randomisiert. Eine zusätzliche Behandlung mit Hydroxychloroquin/Chloroquin, Azithromycin, Lopinavir/Ritonavir und Tocilizumab war erlaubt und wurde in beiden Gruppen vergleichbar häufig genutzt.

Primäre Endpunkte der Studie waren:

  • maximale hs-cTn-Konzentration,
  • Zeit bis der CRP-Spiegel das Dreifache des oberen Referenzwertes übersteigt,
  • Zeit bis zur Verschlechterung um 2 Punkte auf einer klinischen 7-Stufen-Skala, die zur Einschätzung einer COVID-19-Erkrankung von der WHO empfohlen wird (innerhalb von 3 Wochen oder bis zur Klinikentlassung).

Mit Ausnahme von Diarrhöen kam es unter der Cholchicin-Behandlung nicht häufiger zu unerwünschten Effekten als in der Kontrollgruppe. Die Studie sei allerdings nicht dafür gepowert gewesen, Unterschiede in der Rate seltener Nebenwirkungen aufzuzeigen, weisen die Studienautoren einschränkend hin.

Die statistischen Mängel der Studie sind sicher auch auf dem Umstand zurückzuführen, dass die Studie wegen der schleppend verlaufenden Patientenrekrutierung bereits am 27. April beendet wurde. Als Grund dafür nennen Deftereos und Kollegen die rasch abflachende COVID-19-Kurve in Griechenland, sprich es gab einfach kaum mehr erkrankte Patienten.

Jetzt müssen größere Studien zeigen, ob tatsächlich mehr hinter der angeblichen COVID-19-Wirkung von Colchicin steckt. Vielleicht war es am Ende auch einfach Zufall.

Literatur

Deftereos SG et al. Effect of Colchicine vs Standard Care on Cardiac and Inflammatory Biomarkers and Clinical Outcomes in Patients Hospitalized With Coronavirus Disease 2019: The GRECCO-19 Randomized Clinical Trial. JAMA Netw Open. 2020;3(6):e2013136. DOI:10.1001/jamanetworkopen.2020.13136

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