Nachrichten 25.06.2020

Neuer Verdacht: Kann SARS-CoV-2 Diabetes auslösen?

Es gibt wohl Patienten, die im Kontext einer SARS-CoV-2-Infektion einen Diabetes entwickelt haben. Wissenschaftler haben deshalb einen Verdacht und suchen jetzt nach Belegen.

Ein zuvor völlig gesunder 37-jähriger Mann kommt mit seit einer Woche bestehendem Fieber, Erbrechen, Polydipsie und Polyurie in die Klinik. Die behandelnden Ärzte stellen eine ausgeprägte Hyperglykämie, metabolische Azidose und Ketonämie fest und diagnostizieren eine diabetische Ketoazidose.

Das Besondere an diesem Fall: Neben dem entgleisten Glukosestoffwechsel hatte der Patient auch eine SARS-CoV-2-Infektion. Nur Zufall oder gibt es hier einen Zusammenhang? Die Ärzte, die den Fall publiziert haben, vermuten tatsächlich, dass die Infektion die Betazellfunktion des Patienten gestört und dadurch die Entwicklung der diabetischen Ketoazidose begünstigt haben könnte.

Mit COVID-19 kam der Diabetes

Mit diesem Verdacht sind nicht die einzigen. Wissenschaftler um Dr. Francesco Rubino aus London stellen im „New England Journal of Medicine“ die Hypothese auf, dass SARS-CoV-2 die Entwicklung eines Diabetes begünstigen oder eine bestehende Diabeteserkrankung verschlechtern könnte. Ihre Vermutung begründen sie auf zweierlei Hinsicht. 

Erstens, gibt es eben entsprechende Beobachtungen wie der obige Fall. Auch im Kontext mit dem damaligen SARS-CoV-1-Virus kam es im Vergleich zu anderen Viruspneumonien vermehrt zu akut einsetzenden Diabetes-Komplikationen.

Zweitens, ihrer Ansicht nach ist der potenziell diabetogene Effekt von COVID-19 mechanistisch plausibel zu erklären. Die für den Viruseintritt verantwortlichen ACE2-Rezeptoren finden sich nämlich auch auf den Betazellen des Pankreas. Dadurch könne SARS-CoV-2 den Glukosestoffwechsel verändern, vermuten sie, und so einen bereits bestehenden Diabetes verkomplizieren oder die Entstehung der Stoffwechselerkrankung triggern.

Bisher aber nur eine Hypothese

Noch ist es jedoch zu früh, daraus endgültige Schlüsse oder gar Therapieempfehlungen abzuleiten. So sei es etwa unklar, ob die metabolischen Veränderungen im Kontext der Infektion bestehen bleiben oder wieder verschwänden, erläutern die Wissenschaftler die aktuelle Evidenzlage. Und wenn sich der Zusammenhang bestätigt, dann ist zu klären, ob es sich um einen Typ-1-Diabetes, Typ-2-Diabetes oder einen anderen Diabetes-Typ handelt. 

Um all die offenen Fragen möglichst bald beantworten zu können, wurde ein globales Register (CoviDIAB) ins Leben gerufen (coviddiab.e-dendrite-com).

Literatur

Chee YJ et al. Diabetic ketoacidosis precipitated by Covid-19 in a patient with newly diagnosed diabetes mellitus. Diabetes Res. Clin. Pract. 2020 (164) 108166; DOI: 10.1016/j.diabres.2020.108166

Rubino F et al. New-Onset Diabetes in Covid-19; N Engl J Med  2020; DOI: 10.1056/NEJMc2018688

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