Nachrichten 17.03.2021

Warum kommt es bei SARS-CoV-2 so häufig zu Thrombosen?

Viele intensivpflichtige COVID-19-Patienten entwickeln thromboembolische Komplikationen. Tübinger Wissenschaftler haben nun den möglichen Grund dafür gefunden – und erhoffen sich von ihren Ergebnissen neue Therapieansätze.

Eine SARS-CoV-2-Infektion wirkt auf irgendeine Art und Weise prothrombotisch. Dafür spricht die hohe Rate thromboembolischer Ereignisse bei schwer erkrankten Patienten. Tübinger Wissenschaftler haben nun eine mögliche Erklärung für diese Häufung ausfindig gemacht.

SARS-CoV-2 verhält sich anders als andere Viren  

Eines vorweggenommen: SARS-CoV-2 scheint auch in dieser Hinsicht anders zu ticken als andere Viren, die ja ebenfalls prothrombotisch wirken können. „Es wird immer klarer, dass eine Infektion mit SARS-CoV-2 nicht die Kriterien für eine disseminierte intravasale Koagulopathie (DIC) gemäß der Internationalen Gesellschaft für Thrombose und Hämostase erfüllt“, erläutern die Tübinger Wissenschaftler um Dr. Karin Althaus den aktuellen Wissenstand. Die Art und Weise, wie das Gerinnungssystem betroffen werde, scheine anders zu sein als bei anderen schweren Infektionen.

Fehlgeleitete Antikörper aktivieren Thrombozyten

Althaus und Kollegen haben nun herausgefunden, dass bei SARS-CoV-2 eine Antikörper-vermittelte Aktivierung von Thrombozyten eine Rolle spielen könnte. Im Zuge der Infektion scheinen vermehrt IgG-Antikörper gebildet zu werden, die sich nicht nur gegen den Erreger richten, sondern auch gegen die Thrombozyten.

Dafür sprechen entsprechende Veränderungen in den Thrombozyten, die die Tübinger Forscher in diesem Maße ausschließlich in Blutproben von intensivpflichtigen COVID-19-Patienten nachweisen konnten. Insgesamt 21 Proben haben sie hierfür untersucht. Als Kontrolle dienten ihnen Proben von Patienten ohne COVID-19-Erkrankung (n = 18), von nicht-intensivpflichtigen COVID-19-Patienten (n = 4) sowie von Personen, die an einer Sepsis erkrankt waren (n = 5).  

Dabei scheint eine Apoptose in Gang gesetzt zu werden

Bei den intensivpflichtigen COVID-19-Patienten ließ sich eine verstärkte Externalisierung von Phosphatidylserin (PS) in den Zellmembranen der Plättchen nachweisen, eine verstärkte Depolarisation in den mitochondrialen Zellmembranen sowie erhöhte Konzentrationen von Calcium im Zytosol der Zellen. All dies sind Vorgänge, die typischerweise im Zuge einer Apoptose in Gang gesetzt werden. Die nachgewiesenen Veränderungen korrelierten mit den D-Dimer-Konzentrationen der intensivpflichtigen COVID-19-Patienten und mit der Inzidenz thromboembolischer Ereignisse.

Die Tübinger Wissenschaftler vermuten deshalb, dass die Gerinnungsstörungen, die bei COVID-19-Patienten auf Intensivstationen beobachtet werden, mit einer Apoptose von Thrombozyten vergesellschaftet sind, durch die wiederum Veränderungen des Gerinnungssystems in Gang gesetzt werden. Ausgelöst werden diese Kaskaden vermutlich durch – wie oben erwähnt– „fehlgeleitete“ Antikörper.

Potenzielle neue Therapieansätze

Für diese These spricht auch, dass die Forscher die beschriebenen apoptotischen Vorgänge in Thrombozyten gesunder Personen experimentell induzieren konnten und zwar indem sie diese mit Seren und IgG-Fraktionen intensivpflichtiger Patienten versetzt haben. Gaben sie dem Gemisch eine speziellen monoklonalen, gegen Fcg-Rezeptor IIA (FcgRIIA) gerichteten Antikörper hinzu, wurde die Aktivierung der Apoptose blockiert. Althaus und ihr Team gehen deshalb davon aus, dass die im Zuge der Infektion gebildeten IgG-Antikörper über FcgRIIA-Rezeptor an die Thrombozyten binden und diese so aktivieren.

Aus dieser Erkenntnis könnte sich ihrer Ansicht nach ein neuer therapeutischer Ansatz ergeben. Beispielsweise ließe sich der FcgRIIA-Rezeptor-Signalweg durch Tyrosinkinase-Inhibitoren blockieren, konkretisieren sie eine mögliche Option.  

Literatur

Althaus K et al. Antibody-induced procoagulant platelets in severe COVID-19 infection. Blood 2021;137(8):1061–71

Highlights

Kardiothek

Alle Videos der Kongressberichte, Interviews und Expertenvorträge zu kardiologischen Themen. 

Corona, COVID-19 & Co.

Aktuelle Meldungen zu SARS-CoV-2 bzw. zu der Lungenkrankheit COVID-19 finden Sie in diesem Dossier.

Aktuelles und Neues aus der Kardiologie

Hilft Intervallfasten doch beim Abnehmen?

Ob intermittierendes Fasten beim Abnehmen helfen könnte, ist umstritten. Kürzlich publizierte Ergebnisse sprechen eher dagegen. Eine aktuelle randomisierte Studie kommt jedoch zum gegenteiligen Schluss.

Warum Kardiologen nach den Wechseljahren fragen sollten

Frauen, bei denen die Menopause früh einsetzt, haben ein erhöhtes Risiko für Herzinsuffizienz und Vorhofflimmern, legen aktuelle Daten nahe. Expertinnen empfehlen deshalb, die reproduktive Gesundheit von Frauen in das kardiovaskuläre Risikoassessment mehr einzubeziehen.

Synkopen: Wie hoch ist das Unfallrisiko wirklich?

Fahrverbote bei Synkopen können Unfälle verhindern, sind aber auch belastend für die Betroffenen. In einer Studie wurde jetzt das Risiko von Personen mit Synkopen und das von anderen Patienten und Patientinnen der Notaufnahme verglichen.

Aus der Kardiothek

Herzinsuffizienz: Optimal-Medikamentöse-Therapie (OMT), und ... was noch?

Medikamente sind die Eckpfeiler einer adäquaten Herzinsuffizienztherapie. Darüber hinaus gibt es zusätzliche Optionen, die für manche Patienten eine Lösung darstellen können. Anhand von Fallbeispielen erläutert Dr. med. Andreas Rieth welche das sind.

Digitale Kardiologie anno 2022 – von Zukunftsvisionen bis sinnvollem Einsatz im Alltag

Die digitale Kardiologie ist nicht nur ein Trend, sie eröffnet eine realistische Chance, die Versorgung von Patientinnen und Patienten zu verbessern. Dr. med. Philipp Breitbart gibt Tipps für den Einsatz solcher Devices im Alltag.

Muss eine moderne Herzinsuffizienztherapie geschlechtsspezifisch sein?

Medikamente wirken bei Frauen oft anders als bei Männern. Dr. med. Jana Boer erläutert, wie sich diese Unterschiede auf die pharmakologische Herzinsuffizienztherapie auswirken, und was Sie dabei beachten sollten.

Kardiothek/© kardiologie.org
Corona/© Naeblys / Getty images / iStock
kardiologie @ home/© BNK | Kardiologie.org