Nachrichten 22.04.2020

Warum Statine bei COVID-19 helfen könnten

Forscher sind womöglich auf die Ursache gestoßen, warum sich eine SARS-CoV-2-Infektion auch systemisch manifestiert: In Autopsie-Befunden betroffener Patienten ließ sich eine generalisierte Gefäßentzündung nachweisen. Dieser Befund könnte therapeutische Implikationen haben.   

Bei manchen Patienten betrifft eine Infektion mit dem SARS-CoV-2-Virus nicht nur die Lunge, sie verläuft quasi systemisch mit Beteiligung diverser Organe, bis hin zum Multiorganversagen. Warum ist das so?

Pathologen vom Universitätsspital Zürich haben in histologischen Autopsie-Befunden verstorbener COVID-19-Patienten einen möglichen Grund für derart schwere COVID-19-Verläufe ausfindig gemacht.

COVID-19 führt zur diffusen Gefäßentzündung

„Wir haben Hinweise für eine direkte Virusinfektion von Endothelzellen und für eine diffuse endotheliale Inflammation gefunden“, fassen Prof. Zsuzsanna Varga und ihre Kollegen ihre Ergebnisse zusammen. Die Entzündung betreffe die unterschiedlichsten Organe. So konnten die Wissenschaftler eine Akkumulation inflammatorischer Zellen und apoptotischer Zellkörper im Endothel des Herzens, der Lunge und im Dünndarm nachweisen. Bei einer 58-jährigen verstorbenen COVID-19-Patientin fand sich eine lymphozytische Endotheliitis in der Lunge, im Herzen, in der Leber und in der Niere, ebenso wie nekrotisierende Hepatozyten.

Neue Bezeichnung: COVID-19-Endotheliitis

Bekräftigt durch diese Befunden sind die Wissenschaftler dazu übergegangen, die im Kontext einer SARS-CoV-2-Infektion zu beobachtende systemische Gefäßentzündung als „COVID-19-Endotheliitis“ zu bezeichnen: Die COVID-19-Endotheliitis könne erklären, warum es in unterschiedlichsten Gefäßbetten zu Mikrozirkulationsstörungen komme, die sich in den zu beobachtenden klinischen Komplikationen bei COVID-19-Patienten manifestieren, erläutern sie die Bedeutung ihrer Autopsie-Befunde.

Und diese Entdeckung könnte durchaus therapeutische Implikationen haben: Neben dem Ziel, die Virusreplikation zu stoppen, könne es Sinn machen, mit Medikamenten das Endothel zu stabilisieren, beispielsweise mit Zytokin-Inhibitoren, ACE-Inhibitoren und Statinen, resümieren die Wissenschaftler. Vor allem für Patienten mit bereits bestehender endothelialer Dysfunktion könnte eine solche Behandlung von Vorteil sein, also z.B. für Raucher, Patienten mit Bluthochdruck oder Diabetes.

Es gibt Argumente für Statine…

Den Statinen werden schon länger diverse pleiotrope Effekte zugeschrieben, die über ihre Hauptfunktion als Cholesterinsenker hinausgehen, u.a. sollen die HMG-CoA-Reduktase-Hemmer antiinflammatorisch, gefäßprotektiv und plaquestabilisierend wirken. 

Diese Erkenntnisse haben zwei Pharmakologen bereits vor dieser Publikation zum Anlass genommen, über Statine als potenzielle Therapieoption bei COVID-19-Patienten zu diskutieren. 

Einige Kliniken in den USA würden Statine aufgrund ihrer antiinflammatorischer Effekte bereits in das COVID-19-Therapiemanagement einbeziehen, berichten Prof. Hossein Khalili und Dr. Simin Dashti-Khavidaki von der Universität für medizinische Wissenschaft in Teheran in der Fachzeitschrift „Pharmacotherapy“.

...aber auch dagegen

Doch derartige Therapieversuche sehen die beiden Pharmakologen nicht ganz unkritisch. Die Datenlage diesbezüglich sei widersprüchlich, geben sie zu bedenken. So gebe es Hinweise aus einer retrospektiven Analyse, dass Statine einen IL-18-Anstieg induzieren können, und dadurch die Prognose von Patienten mit infektionsbedingten Lungenversagen eher nachteilig beeinflussen. Andere tierexperimentelle Untersuchungen und Studien am Menschen legen wiederum eine Verbesserung der Lungenfunktion durch eine Statingabe nahe.

Darüber hinaus weisen die Pharmakologen auf die mögliche Gefahr von Wechselwirkungen hin. Aufgrund der Interaktion mit dem CYP3A-System können beispielsweise antivirale Wirkstoffe wie Ritonavir und Cobicistat eine deutliche Erhöhung der Statin-Plasmakonzentration zur Folge haben.

Das raten Experten

Dashti-Khavidaki und Khalili raten deshalb von einer routinemäßigen Statingabe – ohne klinische Indikation – bei COVID-19-Patienten ab. Ein solcher de-novo-Therapiebeginn sollte ihrer Ansicht nach nur in Rahmen von klinischen Studien erfolgen. Für sinnvoll halten sie aber eine Statingabe bei COVID-19-Patienten, die im Verlauf der Infektion akute Herzschädigungen entwickeln. Und ganz klar sprechen sie sich für die Fortführung einer leitliniengerechten Statintherapie bei Patienten aus, die aufgrund atherosklerotischer Erkrankungen oder Diabetes bereits entsprechende Substanzen einnehmen.   

Literatur

Varga Z. Endothelial cell infection and endotheliitis in COVID-19. The Lancet 2020; https://doi.org/10.1016/S0140-6736(20)30937-5

Dashti-Khavidaki S, Khalili H. Considerations for statin therapy in patients with COVID-19. Pharmacotherapy. 2020 Apr 8. doi: 10.1002/phar.2397. [Epub ahead of print]

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