Nachrichten 17.12.2020

Leistungssportler mit COVID-19: Wie hoch ist das Risiko für kardiale Spätfolgen?

Es besteht die Sorge, dass sich eine SARS-CoV-2-Infektion bei Leistungssportlern selbst bei geringen Beschwerden im Herzen manifestieren kann. Ein aktueller Bericht gibt Entwarnung, wenngleich nur wenige Athleten untersucht worden sind.

Wie wirkt sich eine SARS-CoV-2-Infektion bei Leistungssportlern aus? Eine Antwort darauf ist derzeit kaum möglich, da verschiedene Untersuchungen zu inkonsistenten Ergebnissen gekommen sind.

Ein aktueller Bericht gibt zumindest keinen Anlass zur Sorge – wenn sich die COVID-19-Erkrankung durch allenfalls milde bis moderate Beschwerden bemerkbar gemacht hat. Untersucht wurden für diese Analyse allerdings gerade mal zwölf Wettkampfsportler (˃ 10 Trainingsstunden/Woche), die alle eine SARS-CoV-2-Infektion ohne größere Beschwerden überstanden haben.

Kein einziger pathologischer MRT-Befund

Bei diesen Athleten konnten die Ärzte keine einzige MRT-Veränderung feststellen, wenn man die Befunde mit denen anderer nach Alter und Geschlecht gematchter Elitesportler vergleicht. „Keiner der Athleten zeigte myokardiale oder perikaridale Ödeme oder ein pathologisches Late Gadolinum Enhancement“, berichten die Autoren um Dr. Hajnalka Vago aus Budapest.

Unterschiede zu gesunden Kontrollpatienten, die kein Training auf Leistungssport-Niveau absolvierten, gab es aber durchaus. Diese führten die Sportkardiologen jedoch auf ein trainingsinduziertes kardiales Remodeling zurück. So war der linksventrikuläre enddiastolische Volumenindex bei Sportlern mit zurückliegender COVID-19-Erkrankung im Schnitt zwar deutlich höher als bei gesunden Kontrollpersonen (100 vs. 85 ml/m²; p ˂ 0,001), aber nicht höher als bei anderen Eliteathleten (100 vs. 102 ml/m²). Die T1-Zeiten waren bei allen Sportlern – egal ob mit oder ohne COVID-19-Erkrankung in der Anamnese – im Schnitt niedriger als bei den gesunden Kontrollpersonen (957 vs. 981 ms; p=0,002).

„Routinemäßiges MRT-Screening nicht sinnvoll“

Aufgrund ihrer Ergebnisse sprechen sich die ungarischen Sportkardiologen gegen eine routinemäßige Kardio-MRT-Untersuchung bei SARS-CoV-2-positiven Athleten aus. Bei Sportlern ohne oder nur mit milden Beschwerden, die keine Troponin-Erhöhung aufweisen, sei der Einsatz dieser Diagnostikmethode nicht zu unterstützen, wenn sie sich von der Erkrankung erholt haben. 

Auch der Sportkardiologe Prof. Martin Halle aus München riet in einem Gespräch mit kardiologie.org von einem MRT-Screening für alle SARS-CoV-2-positiven Sportler ab, da es dadurch zu falsch-positiven Befunden kommen könne (den Beitrag dazu lesen Sie hier).

Bedenken wegen früherer MRT-Untersuchungen

Etwas Bedenken sind aufgekommen, als in vergangenen MRT-Untersuchungen an Leistungssportlern mit zurückliegender SARS-CoV-2-Infektion über Veränderungen am Herzen berichtet wurde. Eine Studie mit insgesamt 26 College-Athleten der Ohio State-Universität ist eine davon: Bei 15% der untersuchten Sportler haben sich nach der Infektion im MRT Veränderungen gezeigt, welche die Lake-Louis-Kriterien für eine Myokarditis erfüllen (Ödem im Sinne einer T2-Erhöhung plus nichtischämisches LGE). Bei weiteren acht Athleten (30,8%)  ließ sich ein LGE ohne T2-Signal nachweisen.

In einer anderen Studie mit immerhin 56 Sportlern von der West Virginia-Universität, die ebenfalls eine SARS-CoV-2-Infektion durchgemacht haben, fanden sich danach bei über der Hälfte abnormale MRT-Zeichen: So wiesen 39,5% ein perikardiales Late Enhancement auf, von denen wiederum 12,5% einen reduzierten Globalen Longitudinalen Strain und/oder ein erhöhtes natives T1 hatten.

Worin sich die Studien unterscheiden

Warum sind die Ergebnisse so inkonsistent? Ein Blick auf das Design der Studien könnte die Unterschiede zumindest etwas erklären. So hatten die Athleten in der aktuellen Untersuchung vor der MRT-Untersuchung keinerlei besorgniserregende Befunde, auch kein erhöhtes Troponin. In der Studie aus West Virginia dagegen wurde ein MRT bei den Sportlern nur dann vorgenommen, wenn auffällige EKG- oder Echo-Ergebnisse vorlagen, es gab also quasi ein Vorscreening. In der Ohio-Studie waren EKG/Echo und Troponin aller Sportler allerdings ebenfalls im Normbereich. 

Ein weiterer Unterschied: In der aktuellen Analyse wurden fast nur Frauen untersucht (10 von 12), in der West Virgina-Studie dagegen überwiegend Männer (85%), in der Ohio-Studie waren es ebenfalls etwas mehr Männer (62%).

Des Weiteren waren die Abstände zwischen dem positiven SARS-CoV-2-Testergebnis und der MRT-Untersuchung in den jeweiligen Studien unterschiedlich, in der aktuellen Studie beispielsweise sind im Schnitt 17 Tage verstrichen, in der Analyse aus West Virginia 27 Tage. Das Alter der Athleten könnte ebenfalls eine Erklärung sein. Und schließlich spielt aufgrund der geringen Patientenzahlen wahrscheinlich auch der Zufall eine Rolle.

Alles in allem benötigt es also weitere prospektive Untersuchungen, um die Frage nach den kardialen Auswirkungen einer SARS-CoV-2-Infektion bei Leistungssportlern abschließend beantworten zu können.

Literatur

Vago H et al. Cardiac Magnetic Resonance Findings in Patients Recovered From COVID-19: Initial Experiences in Elite Athletes; J Am Coll Cardiol Cardiovasc Imaging 2020. Epublished; DOI: 10.1016/j.jcmg.2020.11.014

Rajpal S et al. Cardiovascular Magnetic Resonance Findings in Competitive Athletes Recovering From COVID-19 Infection. JAMA Cardiol. 2020; DOI:10.1001/jamacardio.2020.4916

Brito D et al. High Prevalence of Pericardial Involvement in College Student Athletes
Recovering From COVID-19. J Am Coll Cardiol Cardiovasc Imaging 2020; Epublished DOI: 10.1016/j.jcmg.2020.10.023

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