Nachrichten 11.08.2020

Herzinfarkt in Corona-Zeiten: Sterberisiko in den USA höher als sonst

Weltweit haben Klinikeinweisungen aufgrund von akuten Herzinfarkten in Corona-Zeiten abgenommen. Eine Studie aus den USA deutet nun an, wie sich dies auf die Überlebenschancen der Patienten ausgewirkt hat.

In den USA bestätigt sich, was bereits in anderen Ländern wie Italien, Österreich und auch Deutschland dokumentiert wurde: Während der Coronavirus-Pandemie sind deutlich weniger Menschen mit einem akuten Herzinfarkt in ein Krankenhaus gekommen als sonst.

20% weniger Herzinfarkt-Patienten als sonst

In sechs Bundesstaaten der USA ist die Zahl in der Frühphase der Pandemie vom 23. Februar bis 28. März um fast 20% pro Woche zurückgegangen (Vergleichszeitraum: Dezember 2018 bis 22. Februar 2020). In den darauffolgenden Wochen kam es wieder zu einem leichten Anstieg von infarktbedingten Klinikeinweisungen um gut 10% pro Woche.

Die aktuell im „JAMA Cardiology“ publizierte retrospektive Analyse basiert auf 15.244 in Alaska, Washington, Montana, Oregon, Kalifornien und Texas dokumentierter Daten von infarktbedingten Klinikeinweisungen.

Auch in Deutschland kamen deutlich weniger Patienten

Über einen ähnlich starken Rückgang berichteten erst kürzlich Kardiologen aus Homburg/Saar im „Clinical Research in Cardiology“. Im Universitätsklinikum des Saarlandes ist die STEMI-Rate nach Beginn der COVID-19-Pandemie gar um 25% im Vergleich zum Vorjahr gesunken. Für ganz Deutschland wurde ein Rückgang von STEMI-Klinikeinweisungen von 12% dokumentiert, am stärksten war dieser laut BARMER-Versichertendaten im April.

Wie auch ihre Kollegen aus den USA vermuten die deutschen Kardiologen, dass dieser Rückgang wahrscheinlich auf eine verzögerte Hilfesuche der Patienten zurückzuführen ist, vielleicht weil diese Sorge hatten, sich in der Klinik mit dem Virus anzustecken oder sie die generell geltenden Empfehlungen, möglichst nicht nach draußen zu gehen und wenige Kontakte zu haben, befolgen wollten. 

In den USA sanken die Überlebenschancen 

In der US-Analyse deutet sich an, was die Folgen einer verzögerten medizinischen Kontaktaufnahme sein könnten: Die Überlebenschancen der Patienten sinken. Jedenfalls war das intrahospitale Sterberisiko für Patienten mit einem ST-Hebungsinfarkt (STEMI) zu Pandemie-Zeiten in dieser US-Studie höher als vor dem SARS-CoV-2-Ausbruch.

In einer nach Risiko adjustierten Analyse sanken die Überlebenschancen in der ersten Phase der Pandemie um 18% im Vergleich zu den Vorjahren (Odds Ratio, OR: 1,18), in der späteren Phase um 52% (OR: 1,52). In einer anderen statistischen Berechnung bestätigt sich dieser Trend zu einer höheren Sterblichkeit bei STEMI-Patienten.

Bei NSTEMI-Patienten hingegen war die Sterblichkeit nicht höher als zuvor, tendenziell sogar eher etwas niedriger.

Gab es mehr Komplikationen?

Wie lässt sich das höhere Sterberisiko für STEMI-Patienten zu Corona-Zeiten erklären? An der Behandlung der Patienten lag es offenbar nicht: Das Therapiemanagement bei STEMI- und NSTEMI-Patienten war in dieser Zeit nicht anders als zuvor.

Angesichts der zeitkritischen Natur eines STEMI-Infarktes vermuten die Studienautoren um Dr. Ty Gluckman aus Portland, dass jegliche Verzögerungen, bedingt durch die späte medizinische Kontaktaufnahme der Patienten, eine Rolle gespielt haben könnte. Womöglich habe es aufgrund der verzögerten Revaskularisation mehr Komplikationen wie eine Erregungsleitungsstörung, Herzinsuffizienz, kardiogener Schock oder mechanische Komplikationen gegeben, erläutern sie ihre Vermutung.

Damit nicht genug: Für die kommenden Wochen und Monaten prognostizieren die US-Wissenschaftler, dass Ärzte eine größere Anzahl an Patienten mit schweren Manifestationen eines Herzinfarktes sehen werden.

Was genau die Gründe für die geringeren Überlebenschancen der STEMI-Patienten waren, lassen sich auf diesen Daten allerdings nicht herleiten. Zudem sind die Ergebnisse nicht auf Deutschland übertragbar. Denn noch liegen keine Daten vor, wie sich die Pandemie hierzulande auf die Überlebenschancen auf Herzinfarkt-Patienten ausgewirkt hat.   

Literatur

Gluckman TJ et al. Case Rates, Treatment Approaches, and Outcomes in Acute Myocardial Infarction During the Coronavirus Disease 2019 Pandemic. JAMA Cardiol. 2020. DOI: 10.1001/jamacardio.2020.3629

Schwarz V et al. Decline of emergency admissions for cardiovascular and cerebrovascular events after the outbreak of COVID-19. Clin Res Cardiol 2020. DOI: 10.1007/s00392-020-01688-9

Seiffert, M et al. Temporal trends in the presentation of cardiovascular and cerebrovascular emergencies during the COVID-19 pandemic in Germany: an analysis of health insurance claims. Clin Res Cardiol 2020. DOI: 10.1007/s00392-020-01723-9

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Bildnachweise
ESC-Kongress (virtuell)/© [M] metamorworks / Getty Images / iStock | ESC
Corona/© Naeblys / Getty images / iStock
Thorax-CT/© S. Achenbach (Friedrich-Alexander-Universität Erlangen)
Kardio-MRT (Late Gadolinium Enhancement)/© Stephan Achenbach, Friedrich-Alexander-Universität Erlangen
BNK-Webinar/© BNK | Kardiologie.org