Nachrichten 25.05.2020

Hydroxychloroquin bei COVID-19 wirkungslos – und evtl. sogar schädlich

Zu Beginn der Coronapandemie wurde Hydroxychloroquin als Hoffnungsträger propagiert. Nun hat sich das Malariamittel bei COVID-19-Patienten in der bisher größten Studie als wirkungslos herausgestellt – die Sterblichkeit war darunter sogar erhöht.

Der US-Präsident hat Hydroxychloroquin geradezu als Wundermittel gegen COVID-19 angepriesen. Völlig zu unrecht, wie nun die bisher größte COVID-Studie mit diesem Medikament einmal mehr deutlich macht.  

In einer internationalen Registerstudie mit insgesamt 96.032 stationär behandelten COVID-19-Patienten haben sich Hydroxychloroquin und Chloroquin als vollkommen wirkungslos herausgestellt.

Behandlung mit erhöhter Sterblichkeit assoziiert

Aber nicht nur das: Im Vergleich zu COVID-19-Patienten ohne Hydroxychloroquin/Cholorquin-Medikation ging eine Behandlung mit dem Malariamittel mit einer erhöhten intrahospitalen Sterblichkeit einher – und zwar nach Adjustierung auf diverse potenzielle Störfaktoren wie Alter, Ethnizität, BMI, Erkrankungsschwere, kardiovaskuläre und andere Vorerkrankungen, Risikofaktoren wie Rauchen und Diabetes usw.  

Darüber hinaus kam es unter Hydroxychloroquin/Chloroquin vermehrt zu ventrikulären Arrhythmien (0,3% versus 4,3% bis 8,1%).

Französische Pharmakologen interpretieren diese Ergebnisse als weiteren Beleg dafür, dass Behandlungsregime mit Hydroxychloroquin/Chloroquin „bei hospitalisierten COVID-19-Patienten nicht nützlich sind“. Im Gegenteil, eine solche Behandlung könne sogar gefährlich sein, resümieren Prof. Christian Funck-Brentano und Dr. Joe-Elie Salem aus Paris in einem begleitenden Editorial.

Weltweite Registerstudie mit über 90.000 Patienten

671 Kliniken auf der ganzen Welt haben an der Registerstudie teilgenommen. Als Therapiegruppe eingeordnet wurden Patienten mit positivem SARS-CoV-2-Testergebnis, bei denen innerhalb von 48 Stunden nach der COVID-Diagnose eine Therapie mit Hydroxychloroquin oder Chloroquin entweder alleine oder in Kombination mit einem Makrolid-Antibiotika wie Azithromycin begonnen worden ist, insgesamt traf das auf 14.888 Patienten zu. Weitere 81.144 COVID-19-Patienten ohne ein solches Behandlungsregime dienten als Kontrollgruppe.

In der Regressionsanalyse ergaben sich für die Therapiegruppe keinerlei Vorteile:

  • So war eine Behandlung mit Hydroxychloroquin/Chloroquin im Vergleich zur Kontrollgruppe unabhängig mit einem signifikant erhöhtem Sterberisiko assoziiert: Hydroxychloroquin alleine erhöhte das Risiko relativ um 33,5% (18,0% versus 9,3% sind verstorben; Hazard Ratio, HR: 1,335) und in Kombi mit einem Makrolid um 44,7%; bei Chloroquin ohne/mit Makrolid erhöhte sich das Risiko um relativ 36,5% bzw. 36,8%; p immer ˂ 0,0001. 
  • Das Risiko für erstmals auftretende ventrikuläre Arrhythmien stieg mit Hydroxychloroquin ohne/mit Makrolid um das Zwei- bis Fünffache an (HR: 2,369 bzw. 5,106), bei Chloroquin ohne/mit Makrolid um das Drei- bis Vierfache (HR: 3,561 bzw. 4,011), p ˂ 0,0001.
  • Die schlechtere Prognose bei Behandlung mit Hydroxychloroquin/Chloroquin bestätigte sich in einer Propensity-Score-Analyse, in welcher nach Alter, BMI, Geschlecht, Ethnizität, Komorbiditäten, ACE-Hemmer- und Statintherapie, antiviraler Behandlung, qSOFA-Score ˂ 1 und peripherer kapillarer Sauerstoffsättigung (SpO₂) ˂ 94% gematchte Patientenpaare miteinander verglichen wurden (mit versus ohne Hydroxychloroquin/Chloroquin-Behandlung).

Hydroxychloroquin außerhalb von Studien nicht einsetzen

Damit ist diese Studie nicht die erste, die keinen Nutzen für Hydroxychloroquin/Chloroquin bei COVID-19-Patienten nachweisen konnte. Auch andere kleinere Studien sind neutral oder sogar negativ verlaufen. Diese große, internationale Real-World-Analyse bestätige damit den fehlenden Benefit von Hydroxychloroquin/Chloroquin bei COVID-19-Patienten, resümieren die Studienautoren um Prof. Mandeep Mehra, Havard Medical School in Boston.

Dass Hydroxychloroquin Rhythmusstörungen auslösen kann, ist bereits bekannt, besonders wenn diese in Kombination mit anderen potenziell QT-verlängernden Medikamenten gegeben werden (mehr dazu lesen Sie in diesem Beitrag).

Unklar ist allerdings, ob eine solche Therapie die Prognose von COVID-19-Patienten tatsächlich ursächlich verschlechtert. Dafür liefert diese Studie zwar Hinweise. Ein Beleg sei sie jedoch nicht, betonen die Studienautoren, da unbekannte Störfaktoren nicht auszuschließen seien. Zur definitiven Klärung können deshalb nur randomisierte Studien beitragen, deren Ergebnisse ihrer Ansicht nach jetzt „dringend benötigt werden“.  

Bis dahin empfehlen Mehra und Kollegen, Hydroxychloroquin und Chloroquin bei COVID-19-Patienten „außerhalb von klinischen Studien nicht einzusetzen“.

Literatur

Mehra M et al. Hydroxychloroquine or chloroquine with or without a macrolide for treatment of COVID-19: a multinational registry analysis. The Lancet 2020; DOI: https://doi.org/10.1016/S0140-6736(20)31180-6

Funck-Brentano C, Salem JE. Chloroquine or hydroxychloroquine for COVID-19: why might they be hazardous? The Lancet 2020; DOI: https://doi.org/10.1016/S0140-6736(20)31180-6

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Kardio-MRT (CMR, Late Gadolinium Enhancement PSIR)/© Mohamed Marwan, Friedrich-Alexander-Universität Erlangen