Nachrichten 07.09.2022

Chronische Herzentzündung könnte Long Covid erklären

Nicht wenige Menschen leiden noch Monate nach einer SARS-CoV-2-Infektion an kardialen Beschwerden wie Luftnot, Brustschmerz oder Palpitationen. Frankfurter Kardiologinnen/Kardiologen haben jetzt eine potenzielle Erklärung hierfür gefunden.

Eine bleibende Entzündung im Herzen könnte zumindest zum Teil erklären, warum viele Menschen noch Monate nach einer SARS-CoV-2-Infektion an Beschwerden leiden, ein Phänomen, das allgemeinhin als „Long Covid“ bezeichnet wird. Zu diesem Schluss kommt ein Forscherteam um PD. Dr. Valentina Puntmann und Prof. Eike Nagel vom Universitätsklinikum Frankfurt.

Kardiale Beschwerden Monate nach SARS-CoV-2-Infektion

Die Kardiologen haben 346 ausgewählte Patientinnen und Patienten, die an COVID-19 erkrankt waren, aber bisher keine Herz-Kreislauf-Erkrankungen hatten, über mehrere Monate lang nachverfolgt. 73% der Probanden litten zu Studienbeginn – 109 Tage nach der Infektion – noch immer an kardialen Beschwerden wie Belastungsdyspnoe (62%), Palpitationen (28%), atypischer Brustschmerz (27%) oder Synkopen (3%). Bei immerhin 57% der Patienten persistierten diese Symptome im Verlauf des circa elfmonatigen Follow-up.

Um herauszufinden, was hinter diesen „Long-Covid“-Beschwerden steckt, untersuchten Puntmann und ihr Team das Blut der Teilnehmer auf bestimmte kardiale Biomarker. Daneben wurden Kernspinaufnahmen des Herzens angefertigt, einmal zu Studienbeginn circa vier Monate nach der Infektion und etwa elf Monate später. Sie verglichen die Befunde innerhalb der Studiengruppe und mit einer aus 95 Personen bestehenden, hinsichtlich Geschlecht, Alter und Risikofaktoren vergleichbaren Kontrollgruppe, die kein COVID-19 hatte und ebenfalls gesund war.

Dabei stellten sie fest, dass jene Patienten, die ca. vier Monate nach der Infektion immer noch an kardialen Beschwerden litten, höhere Mapping-Werte im MRT und häufiger ein Late Gadolinum Enhancement (LGE) sowie Perikardergüsse aufwiesen als die zu diesem Zeitpunkt asymptomatischen Patienten. Diese Befunde deuten nach Puntmann und ihrem Team auf das Vorhandensein einer diffusen myokardialen/perikardialen Inflammation hin.

Inflammatorische Myokardbeteiligung könnte anhaltende Beschwerden erklären

Elf Monate nach der Infektion hatten sich die Mapping-Werte im MRT zwar prinzipiell verbessert. Jene Teilnehmer mit persistierenden Symptomen wiesen aber weiterhin im Trend höhere native T2-Werte auf als jene, deren Beschwerden nachgelassen hatten.

Weibliches Geschlecht und eine diffuse Myokardbeteiligung zu Studienbeginn waren unabhängige Risikofaktoren für bleibende Beschwerden, wie die Autoren berichten. „Eine anhaltende inflammatorische Myokardbeteiligung kann, zumindest zum Teil, die bleibenden kardialen Symptome von zuvor gesunden Menschen mit einer initial milden COVID-19-Erkrankung erklären“, resümieren die Frankfurter Kardiologen in der zugehörigen Publikation in Nature Medicine.

Aber: Keine klassische virale Myokarditis

Strukturellen Veränderungen der Herzklappen oder Herzwände konnten die Kardiologinnen und Kardiologen allerdings nicht feststellen. Ebenso wenig ließen sich erhöhte Werte von kardialen Biomarkern wie Troponin oder NT-proBNP nachweisen. Wie Puntmann in einer Pressemitteilung erläutert, vermuten die Kardiologen angesichts dieser Befunde, dass die durch das SARS-CoV-2-Virus hervorgerufene Herzentzündung sich von einer klassischen viralen Myokarditis unterscheidet. „Denn der Herzmuskel unserer Patientinnen und Patienten war weder tiefgreifend geschädigt noch in seiner Funktion beeinträchtigt“, führte sie aus. Das Krankheitsbild erinnere eher an die Befunde bei chronischen diffusen Entzündungssyndromen wie etwa Autoimmunerkrankungen, so Puntmann.

Langfristigen Folgen sind unklar

Da in der Studie eine ausgewählte Population an Patienten mit zurückliegender SARS-CoV-2-infektion untersucht wurde, lassen sich die Ergebnisse nicht generalisieren. Sprich, diese Daten geben keine Auskunft über die tatsächliche Prävalenz von kardialen Symptomen nach COVID-19-Erkrankungen bzw. oder von Herzmuskelentzündungen infolge der Infektion.

Unklar ist auch, ob und, falls ja, wie sich die zu beobachtenden chronischen Entzündungsprozesse langfristig auf die Herzgesundheit auswirken werden. „Welche Prozesse im Körper zugrunde liegen und welche langfristigen Folgen diese Form der Herzentzündung für die Betroffenen nach einer milden COVID-Infektion hat, können wir derzeit nur schwer abschätzen. Weitere Studien werden uns hier hoffentlich Klarheit verschaffen“, sagt Puntmann dazu.  

Literatur

Puntmann V et al. Long-term cardiac pathology in individuals with
mild initial COVID-19 illness. Nat Med 2022. https://doi.org/10.1038/s41591-022-02000-0

Pressemitteilung von der Goethe-Universität Frankfurt: Long-COVID nach milder SARS-CoV-2-Infektion: Andauernde Herzentzündung kann Herzsymptome erklären, veröffentlicht am 06. September 2022

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