Nachrichten 08.06.2020

Herzstillstand endet in Corona-Zeit viel häufiger tödlich

Während des Corona-Lockdowns sind im Großraum Paris viel mehr Menschen an einem Herzstillstand verstorben als sonst – wahrscheinlich auch, weil Wiederbelebungsmaßnahmen gar nicht oder zu spät begonnen wurden.

Die Corona-Pandemie könnte über die direkten Auswirkungen hinaus einen beträchtlichen Kollateralschaden verursacht haben. Dass sich die Pandemie auch auf die Überlebenschancen von Patienten mit Herzstillstand ausgewirkt haben könnte, legt nun eine Untersuchung aus Paris nahe.

Wie die Studienautoren um Prof. Eloi Marijon von der Université de Paris berichten, kam es während des Lockdowns im Großraum Paris doppelt so häufig zu einem Herzstillstand außerhalb der Klinik als in den Jahren zuvor.

Doppelte so viele Herzstillstande als sonst

Konkret traten in den Wochen zwischen 16. März bis 26. April 2020 insgesamt 521 derartiger Vorfälle auf. Die meisten Fälle gab es in der Kalenderwoche 13 und 14, nämlich 26,64 pro 1 Millionen Einwohner. Die Inzidenz war damit signifikant um das Zweifache höher als die desselben Zeitraums der vorherigen Jahre 2012 bis 2019, in der die wöchentliche Inzidenz bei höchstens 13,42 Fälle pro 1 Millionen Einwohner gelegen hatte (p ˂ 0,0001). Gegen Ende des Lockdown normalisierte sich die Rate rasch wieder.

Die Autoren vermuten deshalb, dass dieser Anstieg mit der Coronapandemie zusammenhängt. Einmal direkt: Bei insgesamt 25 der betroffenen Personen wurde eine SARS-CoV-2-Infektion nachgewiesen, was etwa ein Drittel des Anstieges erklären könnte, so die Autoren (jedoch sind 68% der Patienten erst gar nicht getestet worden). Den restlichen Anteil führen sie auf indirekte Effekte der Pandemie zurück, etwa bedingt durch den Lockdown und der Umstrukturierung des Gesundheitssystems.

Wiederbelebungsmaßnahmen wurden seltener ergriffen

So fällt auf, dass in Coronazeiten fast alle Herzstillstande zuhause passiert sind (90,2%), sonst ist der Anteil geringer (76,8%; p ˂ 0,0001). Die Zeit bis der Rettungsdienst eintraf, hat sich deutlich verlängert. Und: Es wurden deutlich weniger Rettungsversuche bzw. Wiederbelebungsmaßnahmen ergriffen als üblich (53,1% versus 66,2%; p ˂ 0,0001).

Und die Überlebenschancen sanken

So ist es nicht überraschend, dass die Überlebenschancen für Betroffene in der Lockdown-Zeit deutlich geringer waren: Nur 12,8% im Vergleich zu 22,8% wurden lebend in die Klinik eingeliefert. Selbst nach Adjustierung auf übliche Einflussfaktoren war die Chance für Patienten mit einem Herzstillstand, lebend in ein Krankenhaus eingeliefert zu werden, um relativ 64% geringer als normalerweise (Odds Ratio: 0,36); dieser Unterschied war ebenfalls hochsignifikant (p ˂ 0,0001). Auch hier war es so, dass die Überlebensraten mit Abklingen der Pandemie wieder zu ihrem üblichen Wert zurückkehrten.

Die Autoren vermuten, dass Augenzeugen und auch Notfallpersonal aus Angst vor Ansteckung Wiederbelebungsmaßnahmen zögerlicher ergriffen haben. Einige Krankenhäuser hätten die Direktive herausgegeben, eine kardiopulmonale Reanimation bei Verdacht auf eine COVID-19-Infektion nur dann zu beginnen, wenn die entsprechende Schutzausrüstung angelegt worden sei, berichten Marijon und Kollegen, was außerhalb eines Krankenhauses wenig praktikabel sein kann.

Ist die Angst vor Ansteckung verhältnismäßig?

Doch wie begründet ist die Angst vor einer Ansteckung, ist es tatsächlich gerechtfertigt, Wiederbelebungsmaßnahmen deshalb später oder gar nicht zu beginnen?

Mit dieser Frage haben sich Notfallmediziner aus Seattle in einer weiteren Publikation auseinandergesetzt. Dr. Michael Sayre und Kollegen haben sich Herzstillstande, die während der Pandemie im Raum Seattle und King County außerhalb des Krankenhauses passiert sind, genauer angeschaut.

Auch in Corona-Zeiten: Reanimation sollte sofort erfolgen

Selbst zu aktiven Pandemie-Zeiten ist in weniger als 10% der dokumentierten Fälle eine SARS-CoV-2-Infektion bzw. COVID-19 diagnostiziert worden.

Die Notfallmediziner stellen auf Basis dieser Zahlen eine Schätzung auf: Ausgehend von einem Infektionsrisiko von 10% könne es pro 100 Patienten, die wegen eines Herzstillstandes reanimiert werden, zu einer SARS-CoV-2-Übertragung kommen, wenn eine alleinige Herzdruckmassage ohne Schutzausrüstung vorgenommen werde (wenn 10% der Betroffenen mit SARS-CoV-2 infiziert sind). Und angenommen die COVID-19-Sterblichkeit liege bei 1%, dann werde womöglich etwa 1 von 10.000 Ersthelfern sterben. Auf der anderen Seite rette eine Laienreanimation mehr als 300 Leben pro 10.000 Patienten mit einem Herzstillstand außerhalb des Krankenhauses, verdeutlichen sie die Verhältnismäßigkeit.

Dr. Michael Sayre und Kollegen sind deshalb überzeugt, dass es auch in Corona-Zeiten wichtig ist, unverzüglich mit einer Herzdruckmassage und Defibrillator-Therapie zu beginnen. Ein Hinauszögern der Laienreanimation, um eine Schutzausrüstung anzulegen, käme nur dann in Betracht, wenn die COVID-19-Prävalenz beträchtlich erhöht sei, lautet ihr Fazit.

Literatur

Marijon E et al. Out-of-hospital cardiac arrest during the COVID-19 pandemic in Paris, France: a population-based, observational study. Lancet Public Health 2020; DOI: https://doi.org/10.1016/
S2468-2667(20)30117-1

Sayre M et al. Prevalence of COVID-19 in Out-of-Hospital Cardiac Arrest: Implications for Bystander CPR. Circulation 2020; DOI: 10.1161/CIRCULATIONAHA.120.048951

Highlights

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Bildnachweise
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Webinar Prof. Christian Meyer/© Springer Medizin Verlag GmbH
Kardiale Computertomographie/© Stephan Achenbach, Friedrich-Alexander-Universität Erlangen
Kardio-MRT (CMR, Late Gadolinium Enhancement PSIR)/© Mohamed Marwan, Friedrich-Alexander-Universität Erlangen