Nachrichten 17.03.2020

RAS-Blockade und COVID-19-Infektion: Fachgesellschaften treten Spekulation entgegen

Hochdruckliga und die europäische Kardiologengesellschaft sind Spekulationen zu Wechselwirkungen von RAS-Blockern mit dem Coronavirus entgegengetreten. Sie warnen Ärzte sowie Patienten mit Hypertonie davor, die Antihypertensiva aus diesem Grund abzusetzen.

Ausgehend von der Beobachtung, dass außer Diabetes mellitus auch Hypertonie eine häufige Komorbidität bei wegen schwerer Infektionen mit dem Coronavirus SARS-CoV-2 hospitalisierten Patienten ist, sind das Renin-Angiotensin-System (RAS) hemmende Blutdrucksenker unter Verdacht geraten, die Anfälligkeit für diese Infektion und deren Schweregrad zu erhöhen. Diesem Verdacht, der als wissenschaftliche Hypothese inzwischen auch Ausdruck in einem Beitrag im Fachjournal „The Lancet - Respiratory Medicine“ gefunden hat, sind jetzt mehrere Fachgesellschaften in Stellungnahmen entgegengetreten. Sie warnen vor einer Verunsicherung von Ärzten und Patienten durch unbegründete Spekulationen.

Viren nutzen Bindung an ACE2

Darum geht es: Schon länger bekannt ist, dass pathogene Coronaviren (SARS-CoV und SARS-CoV-2) die Bindung an Angiotensin-Converting Enzym 2 (ACE2) nutzen, um in die Zielzellen zu gelangen. ACE2 wird durch Epithelzellen in der Lunge, im Intestinum sowie in den Nieren und Blutgefäßen exprimiert. Die Expression von ACE2 ist bei mit RAS-blockierenden Medikamenten (ACE-Hemmer und Angiontensin-Rezeptorblocker) behandelten Patienten erhöht. Das hat den Verdacht genährt, dass eine Behandlung mit diesen ACE2-stimulierenden Medikamenten quasi die Eintrittspforte für SARS-CoV2 weiter öffnen und so das Risiko für die Entwicklung schwerer oder tödlicher COVID-19-Erkrankungen erhöhen könnte.

Die Deutsche Hochdruckliga DHL® rät Patienten mit Hypertonie in einer Mitteilung zu einem kritischen Umgang mit in den (sozialen) Medien diesbezüglich kursierenden (Fehl-)Informationen. Die Bedeutung von ACE-Hemmern und Angiotensin-Rezeptorblockern für die Infektanfälligkeit gegenüber SARS-CoV2 sei derzeit völlig unklar, betont die Liga und verweist in diesem Zusammenhang auch auf eine Stellungnahme der European Society of Hypertension (ESH). 

Kein Abweichen von Leitlinien-Empfehlungen

Die ESH betont darin, dass bei stabilen Patienten mit COVID-19-Infektion oder entsprechendem Infektionsrisiko die Behandlung mit ACE-Hemmern oder  AT1-Rezeptorblocker gemäß den Empfehlungen der 2018 aktualisierten ESC/ESH-Leitlinien erfolgen sollte. Die derzeitige Datenlage rechtfertige keinen differenziellen Gebrauch dieser Medikamente bei Patienten mit COVID-19-Infektionen.

Die Hochdruckliga erinnert im Übrigen daran, dass es Daten für einen schützenden Effekt durch Blockade des Renin-Angiotensin-Systems bei ARDS („acute respiratory distress syndrome“) gebe. So zeigten mehrere Arbeiten, dass sowohl eine Erhöhung von ACE2, aber auch die Blockade von ACE, wie sie durch Antihypertensiva erreicht wird, den Verlauf des ARDS günstig beeinflussen. 

„Nicht das Kind mit dem Bade ausschütten!"

„Der mögliche schädliche Einfluss von Blutdrucksenkern auf Virus-Infektanfälligkeit ist äußerst spekulativ. Hingegen könnten Blutdrucksenker bei schweren Verläufen Leben retten“, betont Professor Florian Limbourg vom Vorstand der Hochdruckliga in der Mitteilung: „Der jetzige Kenntnisstand rechtfertigt also keinesfalls, Blutdrucksenker abzusetzen“, so der Experte von der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH).. Insbesondere bei kardiovaskulären Hochrisikopatienten kann es in der Folge zu schweren Erkrankungen wie Herzinfarkten oder Schlaganfällen kommen. „Damit würde man das Kind mit dem Bade ausschütten“.

Auch die European Society of Cardiology (ESC) rät Ärzte und Patienten in einer Stellungnahme des „ESC Council on Hypertension“ nachdrücklich dazu, eine Behandlung mit ACE-Hemmern und Angiotensin-Rezeptorblockern ungeachtet der kursierenden Spekulationen  unverändert fortzusetzen. Mögliche Bedenken im Zusammenhang mit COVID-19-Infektionen entbehrten jeder wissenschaftlichen Grundlage.

Zumindest tierexperimentelle Studien lieferten vielmehr erste Hinweise darauf, dass diese Medikamente sogar „protektiv  gegen schwere Lungenkomplikationen bei Patienten mit  COVID-19-Infektionen sein könnten“. Entsprechende Daten bei Menschen gebe es derzeit aber nicht.

Literatur

Pressemitteilung der Deutsche Hochdruckliga DHL® vom 13. März 2020: Nicht aus Angst vor Corona leichtfertig die Blutdruckmedikation absetzen!

Statement of the European Society of Hypertension (ESH) on hypertension, Renin Angiotensin System blockers and COVID-19, veröffentlicht am 12. März 2020.

Fang L. et al.: Are patients with hypertension and diabetes mellitus at increased risk for COVID-19 infection; The Lancet Respiratory Medicine 2020.

Position Statement of the ESC Council on Hypertension on ACE-Inhibitors and Angiotensin Receptor Blockers, veröffentlicht am 13. März 2020

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Bildnachweise
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