Nachrichten 08.06.2020

Sind asymptomatische SARS-CoV-2-Infektionen der Schlüssel zur Pandemiebekämpfung?

Neue Daten zur Prävalenz von SARS-CoV-2-Infektionen ohne Symptome legen nahe, dass diese ein wesentlicher Faktor für das schnelle Fortschreiten der COVID-19-Pandemie sind. Experten liefern eine Einschätzung, was zu tun ist.

Treiben sogenannte Superspreader, das heißt wenige Personen, die besonders viele weitere anstecken, die Pandemie voran? Der Berliner Virologe Prof. Christian Drosten hält das für plausibel. US-amerikanische Forscher haben jetzt eine weitere Besonderheit entdeckt, die für die schnelle Ausbreitung des Virus verantwortlich sein könnte.

Denn mit SARS-CoV-2 infizierte Personen, die asymptomatisch bleiben, scheinen dabei ebenfalls eine wichtige Rolle zu spielen, wie groß ihr Anteil und Einfluss ist, ist jedoch noch unklar. Wissenschaftler versuchten jetzt, die bisher dazu vorliegenden Daten in einer narrativen Übersichtsarbeit zu sammeln und zu überprüfen.

Bis zu 45% könnten asymptomatisch sein

Die Forscher um Dr. Daniel Oran von Scripps Research Translational Institut in Kalifornien halten es aufgrund der aktuellen Datenlage für wahrscheinlich, dass 40% bis 45% der mit SARS-CoV-2 infizierten Menschen asymptomatisch bleiben. Trotzdem können sie das Virus möglicherweise bis zu 14 Tage übertragen. Das weise darauf hin, dass das neue Coronavirus möglicherweise ein größeres Potenzial als bisher angenommen habe, sich unbemerkt zu verbreiten.

Das Fehlen von Symptomen bei infizierten Personen bedeute nicht unbedingt, dass sie keine Schäden davontragen, so die Forscher. CT-Scans zeigen, dass asymptomatische Infektionen mit subklinischen Lungenanomalien einhergehen können. Dies war etwa bei 54% der 76 asymptomatischen Passagiere eines japanischen Kreuzfahrtschiffs der Fall. Weitere Untersuchungen seien erforderlich, um diesen potenziell wichtigen Befund unter Berücksichtigung möglicher Störfaktoren, wie das Alter der Personen, zu bestätigen.

Innovative Verfahren als Geheimwaffe?

Oran und Kollegen plädieren dafür, die Testprogramme deutlich zu erweitern, um asymptomatische Infizierte einzuschließen. Nur so könne eine unbemerkte Ausbreitung verhindert werden. Innovative Verfahren der Gesundheitskontrolle könnten herkömmliche Tests ergänzen, die durch Kapazitäten und Kosten eingeschränkt sind. Dazu zähle etwa das Crowdsourcing digitaler Wearable-Daten, wodurch es bereits möglich war, die Inzidenz grippeähnlicher Erkrankungen vorherzusagen. Auch die Analyse von SARS-CoV-2-Konzentrationen im Abwasserschlamm wurde schon erfolgreich als Frühindikator eingesetzt.

Die Forscher untersuchten 16 Kohorten aus verschiedenen Ländern weltweit, die auf COVID-19 getestet wurden. Sie weisen darauf hin, dass die meisten dieser Daten nicht das Ergebnis großer, randomisierter Studien seien, sondern eher unvollständige Momentaufnahmen. Dennoch liefern sie wichtige Informationen zur Inzidenz von SARS-CoV-2 und den unterschiedlichen Auswirkungen der Infektion. Etwa entsprach die Viruslast der asymptomatischen Personen in einigen Fällen der von Patienten mit Symptomen, was auf ein ähnliches Potenzial für die Virusübertragung hinweise.

Individuelle Impfstoffe sind denkbar

An welchen individuellen Merkmalen es liegt, dass Personen gleichen Alters, Geschlecht oder Gesundheitszustands unterschiedlich auf die Infektion reagieren, können die Forscher nicht erklären. Es sei denkbar, dass es nicht nur eine Therapie oder einen Impfstoff gegen SARS-CoV-2 geben werde, sondern verschiedene Versionen, die individuell angepasst werden, um ihre Wirksamkeit zu maximieren.

Es seien weitere Studien zu asymptomatischen SARS-CoV-2-Infektionen notwendig, mit einer großen, repräsentativen Stichprobe, die die Gesamtbevölkerung genau widerspiegele. Um zwischen asymptomatischen und präsymptomatischen Fällen zu unterscheiden, sollten Längsschnittdaten über einen ausreichend langen Zeitraum gesammelt werden, fordern Oran und Kollegen.

Literatur

Oran et al. Prevalence of Asymptomatic SARS-CoV-2 Infection. A Narrative Review. Annals of Internal Medicine 2020. https://doi.org/10.7326/M20-3012


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