Nachrichten 07.05.2021

Sinusthrombosen nach AstraZeneca-Impfung: Erhöhtes Risiko auch für ältere Frauen

Auch Frauen über 60 Jahre haben einer neuen Studie zufolge ein gesteigertes Risiko für Sinus- und Hirnvenenthrombosen nach einer COVID-19-Impfung mit dem AstraZeneca-Vakzin. Zwar sind solche Folgen insgesamt sehr selten, trotzdem sollten Patienten darüber aufgeklärt werden.

Eine SARS-CoV-2-Infektion führt im Vergleich zur entsprechenden Impfung deutlich häufiger zu thrombotischen Ereignissen mit Todesfolge. Trotzdem müssen die Risiken der Vakzine genau erforscht und kommuniziert werden. Eine aktuelle Studie aus Deutschland ergab jetzt, dass ältere Frauen häufiger von zerebrovaskulären Ereignissen nach einer COVID-19-Impfung mit dem AstraZeneca-Vakzin ChAdOx1 betroffen sind als angenommen.

Frauen dreimal so oft betroffen wie Männer

Die von Prof. Jörg Schulz und Kollegen zunächst als Preprint-Version publizierte Untersuchung zeigt, dass nach Einsatz des AstraZeneca-Impfstoffs signifikant mehr zerebrale Sinus- und Hirnvenenthrombosen auftraten als nach Impfungen mit mRNA-Impfstoffen. Nach einer Erstimpfung mit ChAdOx1 war die Rate der zerebrovaskulären Ereignisse mehr als neunmal höher als bei den mRNA-Impfstoffen. Frauen waren dreimal so oft davon betroffen wie Männer.

Für die Studie hatten die Forscher um Schulz von der Universitätsklinik Aachen alle neurologischen Kliniken in Deutschland um Auskunft über Fälle von zerebralen Sinus- und Hirnvenenthrombosen sowie ischämischen und hämorrhagischen Schlaganfällen gebeten, die innerhalb eines Monats nach einer SARS-CoV-2-Impfung aufgetreten waren. Über entsprechende Fragebögen wurden 87 Fälle gemeldet. Bei 62 davon wurde ein möglicher Zusammenhang mit der Impfung durch das Forscherteam bestätigt.

Patienten waren im Schnitt 47 Jahre alt

Rund 95% der Ereignisse waren nach der ersten Impfung aufgetreten. Es waren 45 zerebrale Venenthrombosen, neun ischämische Schlaganfälle, vier Hirnblutungen und vier andere thrombotische Ereignisse. Die Betroffen waren median knapp 47 Jahre alt, etwa 77% waren unter-60-Jährige. 76% der thrombotischen zerebralen Ereignisse waren bei Frauen aufgetreten. Von den 45 Personen mit zerebralen Venenthrombosen waren 35 (78%) weiblich und 36 (80%) jünger als 60 Jahre. Insgesamt gab es elf Todesfälle.

Von den 62 bestätigten Ereignissen waren 53 (86%) nach einer Impfung mit dem AstraZeneca-Impfstoff ChAdOx1 aufgetreten und neun (15%) nach Gabe des Biontech-Impfstoffs BNT62b2. Nach Impfung mit dem Moderna-Vakzin mRNA-12783 wurden keine Ereignisse beobachtet. Allerdings waren davon auch nur 1,2 Millionen Dosen verabreicht worden, verglichen mit 4,6 Millionen Dosen AstraZeneca- und 16,2 Millionen Dosen Biontech-Impfstoff.

37 von 45 Fällen zerebraler Sinus- und Hirnvenenthrombosen waren nach Impfung mit ChAdOx1 aufgetreten, acht nach BNT62b2. Von den neun gemeldeten ischämischen Schlaganfällen wurden acht nach Gabe von ChAdOx1 und ein Fall nach BNT62b2 beobachtet. Die vier Fälle intrazerebraler Blutungen waren nach Vakzinierung mit ChAdOx1 gemeldet worden.

Weniger Thrombosen nach BNT62b2-Impfung

Die statistische Auswertung der Daten durch ein Expertenteam ergab für Frauen unter 60 Jahren, die den AstraZeneca-Impfstoff erhalten hatten, eine Ereignisrate von 24,2/100.000 Personenjahre für Sinus- und Hirnvenenthrombosen innerhalb eines Monats nach der Erstimpfung. Bei gleichaltrigen Männern war die Rate mit 8,9 Ereignissen/100.000 Personenjahre deutlich niedriger.

Bei Impfungen mit dem Biontech-Impfstoff waren unerwünschte Ereignisse noch seltener. Die Ereignisrate betrug bei den unter 60-jährigen Frauen 3,6/100.000 und bei den gleichaltrigen Männern 3,5/100.000 Personenjahre. Bei den über 60-jährigen Frauen lag sie sogar nur bei 0,8/100.000 Personenjahre und bei ihren männlichen Altersgenossen waren überhaupt keine Ereignisse aufgetreten, egal welchen Impfstoff sie bekommen hatten.

VITT scheint häufig die Ursache zu sein

Etwas unerwartet war die Inzidenzrate von Hirnvenenthrombosen nach AstraZeneca-Impfungen bei älteren Frauen: Bei über 60-jährigen Frauen betrug diese 20,5/100.000 Personenjahre, bei Frauen unter 60 Jahre 24,2/100.000. Das zeigt, dass auch ältere Frauen ein erhöhtes Risiko für Sinus- und Hirnvenenthrombosen bei Einsatz dieses Impfstoffs haben. „Ob das zu einer Änderung der Empfehlung für die Impfung mit ChAdOx1 führt, sollte mit den vorliegenden Daten zeitnah in einer Risiko-Nutzen-Analyse bewertet werden“, raten die Studienautoren.

Der Mechanismus, der für thrombotische Ereignisse im Kontext einer Thrombozytopenie nach Gabe von ChAdOx1 verantwortlich ist, ist bereits von der Greifswalder Gruppe um Prof. Andreas Greinacher entdeckt worden: Die Erkrankung wird Vakzine-induzierte immunogene thrombotische Thrombozytopenie (VITT) genannt. Die Pathologie dieser seltenen Nebenwirkung ähnelt der der heparininduzierten Thrombozytopenie (HIT) Typ II, bei der Antikörper gegen die eigenen Thrombozyten gebildet werden. Sie triggern die Aggregation der Thrombozyten, was zu Thrombosen führt. In der aktuellen Studie konnten rund 58% der Hirnvenenthrombosen mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit auf eine VITT zurückgeführt werden, genauso wie etwa die Hälfte der berichteten ischämischen Schlaganfälle und Hirnblutungen.

Nutzen und Risiko abwägen

„Wir denken, dass der AstraZeneca-Impfstoff mit einem sehr geringen Risiko für zerebrale Sinus-und Venenthrombosen bei Männern einhergeht. Bei Frauen traten zwar mehr Fälle auf, in Anbetracht der vielen Millionen verimpften Dosen war die Rate insgesamt aber immer noch sehr niedrig“, fasst Prof. Hans-Christoph Diener von der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN) in einer Pressemitteilung zusammen.

Höchste Priorität sei, auch im Hinblick auf neue Mutationen, die Bevölkerung so schnell wie möglich durchzuimpfen. Global gesehen überwiege der Nutzen der hier zugelassenen Impfstoffe die sehr geringen Risiken um ein Vielfaches, ergänzt Prof. Christian Gerloff, Präsident der DGN. „Dass auch ältere Frauen ein erhöhtes Risiko für Sinus- und Hirnvenenthrombosen nach Impfung mit dem AstraZeneca-Vakzin haben, ist neu und muss kommuniziert werden. Wir stellen damit nicht die Impfung oder den Impfstoff in Frage, aber jeder sollte vorher über das Risiko aufgeklärt werden, auch im Hinblick darauf, welche Symptome danach beachtet werden sollten“, schließt er.

Mehr zum Management der VITT erfahren Sie in einer Stellungnahme der Gesellschaft für Thrombose und Hämostaseforschung (GTH).



 

Literatur

Schulz J et al. COVID-19 vaccine-associated cerebral venous thrombosis in Germany: a descriptive study. MedRxiv 2021. https://doi.org/10.1101/2021.04.30.21256383

DGN-Pressemitteilung: Neue Datenlage: DGN analysiert Sinus-Venenthrombosen nach COVID-19-Impfung in Deutschland. 04.05.2021.

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