Nachrichten 06.07.2020

Viele Stentthrombosen bei COVID-19-Patienten mit STEMI

Wie ist die Prognose von STEMI-Patienten, die mit SARS-CoV-2 infiziert sind? In der bisher größten Fallserie fanden Wissenschaftler ein paar Besonderheiten.

Eine „alarmierend“ hohe Stentthrombose-Rate stellten Kardiologen um Dr. Anas Hamadeh bei SARS-CoV-2-positiven STEMI-Patienten fest, die eine perkutane Koronarintervention (PCI) erhalten haben. Bei 21% der betroffenen Patienten kam es zu einem solchen Ereignis. Die Rate an frühen Stentthrombosen sei damit deutlich höher als in früheren Berichten, in denen eine Häufigkeit von circa 1% berichtet worden sei, stellen die Ärzte aus Dallas besorgt fest.

Bisher größte Fallserie

Hamadeh und Kollegen werteten retrospektiv die Daten von insgesamt 78 Patienten aus, die wegen eines ST-Hebungsinfarktes (STEMI) und einer begleitenden SARS-CoV-2-Infektion in einer Klinik in Spanien, Italien, Irak oder Litauen behandelt worden sind. Damit handelt es sich um die bisher größte Fallserie mit einem solchen Patientenkollektiv.

Was sofort ins Auge fällt: Die allermeisten der Patienten – nämlich 76% – wurden primär mittels Fibrinolyse statt mit einer invasiven Revaskularisation behandelt. Vor Corona-Zeiten hatte die Lyse-Therapie bei STEMI-Patienten keine große Rolle mehr gespielt. Standard war eine Revaskularisation mittels PCI, die möglichst rasch innerhalb von 90 Minuten nach medizinischem Erstkontakt erfolgen sollte.

Meist kam eine Fibrinolyse zum Einsatz

Die Corona-Pandemie hat die medizinische Praxis vielerorts allerdings auf dem Kopf gestellt. Einige Expertenstatements aus den USA und China haben sich angesichts der angespannten Lage sogar für die Lyse als Erstlinientherapie bei stabilen STEMI-Patienten ohne Hochrisikofaktoren ausgesprochen, um die Verbreitung des Virus zu unterbinden. Eine solche Renaissance der Fibrinolyse wurde aber auch kritisch gesehen (mehr dazu in diesem Beitrag).

Wie diese Analyse deutlich macht, wurde in vielen Ländern offenbar in Pandemiezeiten tatsächlich oft auf eine Fibrinolyse ausgewichen. In den an dieser Analyse beteiligten Länder galt die Order, dass Patienten mit initialer Fibrinolyse nach einem negativen SARS-CoV-2-Test mind. 14 Tage nach der Diagnose eine invasive Revaskularisation erhalten sollten. 

Bei 85% der Patienten war die primäre Lyse-Therapie erfolgreich, im Schnitt dauerte es bis zur Reperfusion 27 Minuten. Bei neun Patienten scheitere die Lyse; acht von ihnen erhielten im Anschluss eine PCI, ein Patient verstarb bereits vor dem Eingriff, zwei danach. 

PCI nur bei jedem vierten STEMI-Patienten

Eine primäre PCI erhielten in dieser Fallserie nur 24% der Patienten, allen wurde ein Drug-Eluting-Stent (DES) implantiert. Knapp die Hälfte von ihnen (42%) wurde künstlich beatmet, weitere acht Patienten (42%) mussten während des Krankenhausaufenthaltes reanimiert werden, fünf Patienten verstarben.

Bei vier Patienten (21%) trat im Anschluss an die PCI eine Stentthrombose auf, womit der Prozentsatz zwar hoch erscheint, die absolute Zahl angesichts der geringen Anzahl an Patienten, die eine PCI erhalten haben, aber sehr niedrig ist.

Die Gesamtmortalität bei allen Patienten dieser Fallserie lag bei 12%. Alle Patienten litten zumindest an einer Begleiterkrankung, 80% hatten drei oder mehr Komorbiditäten. 

Virusinfektion könnte hohe Stentthrombose-Rate erklären

Die Studienautoren glauben, dass die hohe Stentthrombose-Rate kein Zufall ist, sondern mit der SARS-CoV-2-Infektion zusammenhängen könnte. Früheren Berichten zufolge komme es bei intensiv behandelten COVID-19-Patienten außergewöhnlich häufig zu thrombotischen Komplikationen (ca. 31%), berichten die Kardiologen (mehr dazu hier). „Diese COVID-19-spezifischen Beobachtungen könnten erklären, warum Patienten in unserer Studie eine unerwartet hohe Rate an Stentthrombosen aufwiesen“, führen sie ihre Annahme weiter aus.

Nach Ansicht der US-Kardiologen könnte es deshalb notwendig sein, das STEMI-Management bei Patienten mit begleitender SARS-CoV-2-Infektion anzupassen. Wie genau dies aussehen könnte, führen sie nicht weiter aus.

Literatur

Hamadeh A et al. Characteristics and Outcomes in Patients Presenting with COVID-19 and ST-Segment Elevation Myocardial Infarction. The American Journal of Cardiology 2020, DOI: https://doi.org/10.1016/j.amjcard.2020.06.063

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