Nachrichten 02.06.2020

Die häufigsten Echo-Befunde bei COVID-19-Patienten

Erstmals haben Kardiologen COVID-19-Patienten systematisch mittels Echokardiografie untersucht. Dabei stellte sich ein kardialer Befund als besonders häufig und prognoserelevant heraus.

Kardiale Komplikationen sind häufig bei COVID-19-Patienten, definiert wurden diese bisher allerdings zumeist anhand von Laborparametern – sprich erhöhtes Troponin – oder klinischen Faktoren.

Ziel einer prospektiven Untersuchung aus Tel Aviv war es deshalb, den Begriff „kardiale Komplikation“ genauer zu spezifizieren.

Prospektive Echo-Untersuchung bei 100 Patienten

Dafür nahmen Kardiologen um Dr. Yishay Szekely bei 100 COVID-19-Patienten, die zwischen 21. März und 16. April in ihre Klinik in Tel Aviv eingeliefert worden sind, innerhalb von 24 Stunden eine transthorakale Echokardiografie (TTE) vor. Dabei stellten sie folgende Befunde fest, aufgelistet nach ihrer Häufigkeit:

  1. Dilatation des rechten Ventrikels mit oder ohne Dysfunktion (bei 39%),
  2. keine Auffälligkeiten (bei 32%),
  3. diastolische Dysfunktion des linken Ventrikels (16%),
  4. systolische Dysfunktion des linken Ventrikels (10%) und 
  5. Klappenerkrankungen (3%, 1 Patient mit schwerer Mitralklappenregurgitation und 2 Patienten mit mittelgradiger Aortenklappenregurgitation).

Hautproblem ist der rechte Ventrikel

Es ist also weniger der linke Ventrikel der durch eine SARS-CoV-2-Infektion in Mitleidenschaft gezogen wird, sondern der rechte Ventrikel (RV). Besonders häufig stellten die Ärzte eine RV-Beteiligung bei Patienten mit erhöhten Troponin-Konzentrationen, schweren COVID-19-Verläufen oder im Falle einer klinischen Verschlechterung fest.

Oder anders ausgedrückt: Wenn sich der Zustand der Patienten im Verlauf verschlechterte, ging das häufig mit einer Verschlechterung der RV-Funktion einher: bei 12 von insgesamt 20 Patienten war dies der Fall. Gekennzeichnet war die nachlassende Rechtsherzfunktion durch eine geringere pulmonale Akzelerationszeit (AT) (72 ± 17 ms vs. 95 ± 20 zu Beginn; p=0,0002) sowie eine Zunahme der RV-Fläche enddiastolisch (23,9 ± 4 cm² vs. 20,7 ± 8 vs; p=0,004) und endsystolisch (14,9 ± 8 cm² vs. 11,9 ± 5; p=0,01).

Eine zunehmende Beeinträchtigung der linken Ventrikelfunktion ließ sich dagegen nur bei fünf Patienten feststellen.

Fazit für die Praxis

Was lässt sich aus diesen Befunden schließen? Erstens, die bei COVID-19-Patienten häufig messbaren Troponin-Anstiege (hier bei 20%) sind offenbar meist auf eine akute RV-Dysfunktion zurückzuführen. Eine linksventrikuläre Dysfunktion ist dagegen eher ungewöhnlich. Häufig assoziiert war die RV-Dysfunktion mit einem erhöhten pulmonalen Gefäßwiderstand, gekennzeichnet durch eine nachlassende AT.

Höhere Antikoagulations-Dosis?

Auffällig ist zudem, dass fünf Patienten mit eingeschränkter RV-Funktion, deren Zustand sich im Verlauf verschlechtere, eine tiefe Beinvenenthrombose entwickelt haben –  trotz routinemäßiger Prophylaxe mit niedermolekularem Heparin. Die Kardiologen um Szekely vermuten deshalb, dass venöse Thromboembolien und lokale mikrovaskuläre Thromben oder Gefäßverschlüsse in der Lunge bei hospitalisierten COVID-19-Patienten sehr häufig sind (was durch andere Studien bestätigt wird) und das zunehmende Rechtsherzversagen erklären könnten.

Dies spricht wiederum dafür, eine in Abhängigkeit des Echo-Befundes angepasste höhere Antikoagulations-Dosis zu verabreichen. Eine solche Strategie müsse sich allerdings erst in größeren Studien bewähren, geben die Autoren zu bedenken.   

Kein routinemäßiges Echo

Für wenig sinnvoll erachten es Szekely und Kollegen dagegen, eine routinemäßige TTE bei allen COVID-19-Patienten vorzunehmen. Die Diagnostik solle nur erfolgen, wenn sie klinisch indiziert sei, um das Infektionsrisiko zu minimieren, lautet ihre Empfehlung. Hilfreich ist eine Echo-Untersuchung ihrer Ansicht nach im Falle einer klinischen Verschlechterung, da sich dadurch der ursächlichen Mechanismus herausfinden lässt und der Echo-Befund das Management der Patienten wesentlich beeinflussen könnte.

Als prognostisch relevant hat sich in einer kürzlich publizieren Analyse im Übrigen vor allem der rechtsventrikuläre Strain herausgestellt (mehr dazu lesen Sie hier). Dieser wurde in der aktuellen Studie nicht gemessen.

Literatur

Szekely Y et al. The Spectrum of Cardiac Manifestations in Coronavirus Disease 2019 (COVID-19) – a Systematic Echocardiographic Study. Circulation 2020, DOI: 10.1161/CIRCULATIONAHA.120.047971

Highlights

Kardiothek

Alle Videos der Kongressberichte, Interviews und Expertenvorträge zu kardiologischen Themen. 

Corona, COVID-19 & Co.

Aktuelle Meldungen zu SARS-CoV-2 bzw. zu der Lungenkrankheit COVID-19 finden Sie in diesem Dossier.

Aktuelles und Neues aus der Kardiologie

Hilft Intervallfasten doch beim Abnehmen?

Ob intermittierendes Fasten beim Abnehmen helfen könnte, ist umstritten. Kürzlich publizierte Ergebnisse sprechen eher dagegen. Eine aktuelle randomisierte Studie kommt jedoch zum gegenteiligen Schluss.

Warum Kardiologen nach den Wechseljahren fragen sollten

Frauen, bei denen die Menopause früh einsetzt, haben ein erhöhtes Risiko für Herzinsuffizienz und Vorhofflimmern, legen aktuelle Daten nahe. Expertinnen empfehlen deshalb, die reproduktive Gesundheit von Frauen in das kardiovaskuläre Risikoassessment mehr einzubeziehen.

Synkopen: Wie hoch ist das Unfallrisiko wirklich?

Fahrverbote bei Synkopen können Unfälle verhindern, sind aber auch belastend für die Betroffenen. In einer Studie wurde jetzt das Risiko von Personen mit Synkopen und das von anderen Patienten und Patientinnen der Notaufnahme verglichen.

Aus der Kardiothek

Herzinsuffizienz: Optimal-Medikamentöse-Therapie (OMT), und ... was noch?

Medikamente sind die Eckpfeiler einer adäquaten Herzinsuffizienztherapie. Darüber hinaus gibt es zusätzliche Optionen, die für manche Patienten eine Lösung darstellen können. Anhand von Fallbeispielen erläutert Dr. med. Andreas Rieth welche das sind.

Digitale Kardiologie anno 2022 – von Zukunftsvisionen bis sinnvollem Einsatz im Alltag

Die digitale Kardiologie ist nicht nur ein Trend, sie eröffnet eine realistische Chance, die Versorgung von Patientinnen und Patienten zu verbessern. Dr. med. Philipp Breitbart gibt Tipps für den Einsatz solcher Devices im Alltag.

Muss eine moderne Herzinsuffizienztherapie geschlechtsspezifisch sein?

Medikamente wirken bei Frauen oft anders als bei Männern. Dr. med. Jana Boer erläutert, wie sich diese Unterschiede auf die pharmakologische Herzinsuffizienztherapie auswirken, und was Sie dabei beachten sollten.

Kardiothek/© kardiologie.org
Corona/© Naeblys / Getty images / iStock
kardiologie @ home/© BNK | Kardiologie.org