Nachrichten 29.05.2020

Warum gibt es in Tschechien so wenige Coronatote?

An COVID-19 sind in Tschechien bisher deutlich weniger Menschen gestorben als in den meisten anderen europäischen Ländern. Wissenschaftler haben Ursachen dafür zusammengetragen, und auch eine etwas ungewöhnliche Theorie.

Tschechien hat in Vergleich zu anderen europäischen Staaten nur wenige SARS-CoV-2-Infizierte (Stand 29. Mai: 9.143), 319 Menschen sind laut Johns Hopkins University bisher an der Infektion verstorben. Die fallbezogene Letalität (3,49%) ist damit eine der geringsten in ganz Europa, sie ist auch geringer als in Deutschland (4,65%). Warum?

Dieser Frage sind nun tschechische Wissenschaftler um den Kardiologen Prof. Petr Widimsky im „European Heart Journal“ nachgegangen. Sie haben Faktoren zusammengetragen, die ihrer Ansicht zu der geringen COVID-19-Krankheitslast in ihrem Heimatland beigetragen haben.

1.  Zeitpunkt des Lockdown

Der laut Widimsky und Kollegen wahrscheinlich „entscheidende“ Faktor war die frühe Entscheidung, Schulen, öffentliche Veranstaltungen und die Außengrenzen zu schließen. Die Schulschließung ist bereits acht Tage nach dem ersten dokumentierten SARS-CoV-2-Infizierten verordnet worden. Fast alle anderen Länder waren später dran, Großbritannien oder Spanien entschieden sich beispielsweise erst 49 bzw. 48 Tage danach dafür. Und es zeigt sich ein Zusammenhang zwischen Lockdown-Zeitpunkt und der COVID-19-Sterberate pro 1 Millionen Einwohner.

2. Maskenpflicht ab Tag 1

Wie die Wissenschaftler um Widimsky ausführen, hat der Großteil der tschechischen Bevölkerung seit Beginn des Lockdowns im öffentlichen Raum Masken getragen. Dies sei im weiteren Verlauf sogar zu einem Fashion-Trend geworden, berichten sie. Die Bedeutung dieser Maßnahme unterstreichen  sie mit einer Metaanalyse aus dem Jahr 2017, nach der das Maskentragen die Ausbreitung einer Influenzainfektion um 47% verringern kann (allerdings nicht-signifikant!), Händewaschen trägt demnach zu einer 38%igen signifikanten Reduktion bei.

3. Gesundheitsämter in jeder Region

Gesundheitsämter haben in Tschechien „lange Tradition“, und wären in jeder Region angesiedelt, lautet eine weitere Erklärung von Widimsky und Kollegen. Sofort wären diese Ämter den Kontakten jeder positiv getesteten Person nachgegangen.

4. Viele freiwillige Helfer

Lobende Worte haben die Wissenschaftler für die vielen freiwilligen Helfer, die sich bereits an Tag 1 des Lockdown organisiert hätten, darunter zahlreiche Medizinstudenten, die in Krankenhäusern, Hygienestationen usw. ausgeholfen haben. Dies habe die rasche Umstellung des Gesundheitssystems auf die COVID-19-Pandemie sehr erleichtert.

5. Frühe Vorbereitung der Kliniken

Wie auch in anderen Länder in Europa hat Tschechien spezielle COVID-Abteilungen in den Krankenhäusern eingerichtet. Dies sei sehr schnell innerhalb von sieben bis zehn Tagen passiert. Gleichzeitig wurden die meisten elektive Prozeduren verschoben, um für den COVID-Tsunami vorbereitet zu sein, der letztlich nicht kam. Seit Mai sind die Kliniken in Tschechien wieder zur regulären Versorgung zurückgekehrt.

6. Kaum Ballungszentren

Ein weiterer Faktor, der die geringe Infektionsrate in Tschechien erklären könnte, ist die dortige Bevölkerungsdichte. Es gibt nur wenige Ballungszentren: 90% der tschechischen Bevölkerung wohnt in Städten, die weniger als 500.000 Einwohner haben. Die einzige große Stadt ist Prag mit mehr als einer Millionen Einwohnern, die allerdings keine dicht besiedelten „Ghettos“ habe.

7. Verpflichtende Tuberkulose-Impfung

Am Ende verweisen die tschechischen Wissenschaftler noch auf eine mögliche Ursache, die etwas von den gängigen Theorien abweicht. Es wird spekuliert, dass eine BCG-Impfung auch einen gewissen Schutz vor einer SARS-CoV-2-Infektion bewirkt. In zwei Analysen wird deshalb die These aufgestellt, dass die Coronapandemie Länder, in denen die Tuberkulose-Impfung lange Zeit verpflichtend war – wie Tschechien –, vielleicht weniger stark getroffen hat.

Nicht unterstützt wird diese Theorie allerdings durch eine weitere Analyse aus Israel, die im JAMA erschienen ist. Hier zeigte sich kein Zusammenhang zwischen BCG-Impfung und der SARS-CoV-2-Infektionsrate, weshalb die Autoren nicht davon ausgehen, dass die Impfung vor SARS-CoV-2 schützt.  

Literatur

Widimsky P et al. Czech Republic and low COVID-19 mortality in the heart of Europe: possible explanations. Eur Heart J 2020; ehaa465, DOI: https://doi.org/10.1093/eurheartj/ehaa465

Saunders-Hastings P et. Effectiveness of personal protective measures in reducing pandemic influenza transmission: a systematic review and meta-analysis. Epidemics 2017;20:1–20.

Berg MK et al. Mandated Bacillus Calmette–Guérin (BCG) vaccination predicts flattened curves for the spread of COVID-19. medRxiv 2020; DOI: https://doi.org/10.1101/2020.04.05.20054163

Miller A et al. Correlation between universal BCG vaccination policy and reduced morbidity and mortality for COVID-19: an epidemiological study. medRxiv 2020; DOI: https://doi.org/10.1101/2020.03.24.20042937

Hamiel U et al. SARS-CoV-2 Rates in BCG-Vaccinated and Unvaccinated Young Adults. JAMA 2020; DOI:10.1001/jama.2020.8189

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Bildnachweise
DGK.Herztage 2020/© DGK
Corona/© Naeblys / Getty images / iStock
ESC-Kongress (virtuell)/© [M] metamorworks / Getty Images / iStock | ESC
Kardio-MRT (CMR, Late Gadolinium Enhancement PSIR)/© Mohamed Marwan, Friedrich-Alexander-Universität Erlangen
Thorax-CT/© S. Achenbach (Friedrich-Alexander-Universität Erlangen)
Kardio-MRT (Late Gadolinium Enhancement)/© Stephan Achenbach, Friedrich-Alexander-Universität Erlangen