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16.10.2017 | DGK Herztage 2017 | Nachrichten

Berliner Behörden warnen

Antihypertensiva im Trinkwasser – Ärzte sollen Verschreibungsverhalten überdenken

Autor:
Veronika Schlimpert

Im Trinkwasser befinden sich offenbar bedenklich hohe Konzentrationen einer bestimmten Antihypertensiva-Klasse. Berliner Behörden schlagen deshalb Alarm und appellieren an die Ärzte, ihre Verschreibungspraxis anzupassen.  

Berliner Behörden mahnen Ärzte, bei der Verschreibung eines Medikaments auch dessen Auswirkungen auf die Trinkwasserqualität im Blick zu haben. Denn immer häufiger lassen sich im Trinkwasser schwer abbaubare Arzneimittelrückstände aufspüren.

Ein Beispiel hierfür ist Valsartan. Wie Experten der Berliner Wasserbetriebe (BWB) und des Landesamtes für Gesundheit und Soziales Berlin (LAGeSO) berichten, gelangen die verordneten Wirkstoffmengen dieses Blutdrucksenkers fast vollständig  in den Wasserkreislauf.

„Valsartan ist aufgrund seiner spezifischen Eigenschaften und steigenden Verordnungsmengen derzeit das einzige Antihypertonika, das die Qualität der Trinkwasserresourcen in Deutschland gefährden kann“, machen Dr. Sebastian Schimmelpfennig von den BWB und Dr. med. Claudia Simon vom LAGeSO in einem Abstract  aufmerksam, das auf der DGK-Jahrestagung vorgestellt wurde.

Wie Medikamente ins Trinkwasser gelangen

Im Allgemeinen gelangen Arzneimittel indirekt über menschliche Ausscheidungen in das Abwasser und über die Kläranlage letztlich in Oberflächengewässer. Darüber hinaus werden nicht eingenommene Medikamente häufig auch unsachgemäß über die Toilette entsorgt und gelangen dadurch in die Kanalisation. Wird – wie in Berlin üblich – das Trinkwasser hauptsächlich über Uferfiltration, also aus Oberflächengewässern, gewonnen, sind Arzneimittelreste häufig im Trinkwasser messbar, allerdings zumeist in eher niedrigen und damit unbedenklichen Konzentrationen. 

Mittlerweile gibt es aber Substanzen, die aufgrund ihrer Eigenschaften (hydrophil, schlecht abbaubar, hochwirksam) in einer Vielfach höheren Konzentration im Trinkwasser vorfindbar sind. Zu diesen bedenklichen Substanzen zählt Valsartan. In Deutschland werden jährlich 70 Tonnen dieses Blutdrucksenkers  verordnet.

Betablocker werden zwar deutlich häufiger eingesetzt (150 t/Jahr). Da hier aber gerade mal etwa 10% der verordneten Wirkstoffmengen in den Berliner Kläranlagen detektierbar sind und Metoprolol bei der Uferfiltration vollständig im Untergrund zurückgehalten wird, stufen die Berliner Behörden diese Antihypertensiva-Klasse bzgl. der Trinkwasserqualität als unproblematisch ein.

Humantoxikologisches Risiko

Im Gegensatz dazu müsse man bei Valsartan von einem sehr geringen bis keinem Rückhalt im menschlichen Körper und in den Kläranlagen ausgehen, berichten Schimmelpfennig und Simon. So lassen sich in Oberflächengewässer hohe Mengen von Valsartansäure nachweisen, welches als Transformationsprodukt bei der Abwasserreinigung aus Valsartan entsteht.

Nach Ansicht der Berliner Experten stellt der AT1-Antagonist daher ein „humantoxikologisches Risiko“ dar. Bei Valsartansäure solle der Gesundheitliche Orientierungswert (GOW) von 0,3 µg/L nicht überschritten werden.

Spezielle Reinigungsstufen wie eine Ozonbehandlung des Abwassers oder die Aktivkohlefilterung, die  am Ende des Klärprozesses eingebaut werden können, sind im Fall von Valsartan allerdings wenig effektiv, die im Trinkwasser vorkommenden Rückstände zu reduzieren.

Nach Alternativen suchen

Für sinnvoller erachten die Berliner Experten es daher, ganz oben am Ursprung des Kreislaufes ansetzen und appellieren an die Ärzte, ihre Verschreibungspraxis zu überdenken. „Neben anderen Wirkstoffgruppen, z. B. ACE-Hemmer, stehen auch innerhalb der Sartane alternative Wirkstoffe zur Verfügung.“  Konkret schlagen sie hierfür Candesartan vor, da es unter den Sartanen die geringste Wirkstoffkonzentration aufweise (Faktor 10 bis 18 geringer als Valsartan) und genauso viel kostet wie Valsartan.

Wie viel eine solche Anpassung der Verschreibungspraxis letztlich noch bewirken kann, ist allerdings fraglich. Denn – worauf auch die Berliner Experten hinweisen – der Anteil von Valsartan an den insgesamt in Deutschland verordneten Antihypertensiva-Mengen beträgt gerade mal 6%. Sprich, die meisten Ärzte greifen bereits auf andere Blutdrucksenker zurück.


Darüber hinaus ist noch gar nicht genau untersucht, ob und in welchem Ausmaß derartige Arzneimittelrückstände tatsächlich schädlich für die Gesundheit sind.  

 

„Letztendlich bleibt die Entscheidung zur Auswahl des geeigneten Blutdrucksenkers auch beim behandelten Arzt“, betonen Schimmelpfennig und Simon.

Literatur

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