Nachrichten 11.10.2018

App sagt Vorhofflimmern? Bitte ernst nehmen!

Was tun, wenn ein Patient mit der selbst gestellten Verdachtsdiagnose „Vorhofflimmern“ zum Arzt kommt, weil sein Mobiltelefon das behauptet? Eine Indikation zur sofortigen Antikoagulation ist das nicht, wohl aber ein Grund, genau hinzusehen.

Patienten, die von sich aus zum Kardiologen kommen, weil sie bemerkt haben, dass ihr Puls unregelmäßig schlägt, gibt es schon lange. Aber sie sind eher selten. Mit den neuen digitalen Diagnose-Tools dürfte die Zahl insbesondere jüngerer Patienten, die sich selbst mit Vorhofflimmern in die (hausärztliche oder kardiologische) Arztpraxis einweisen, steigen. Wie umgehen mit diesen Patienten?

Hohe Sensitivität und Spezifität

Bei der Herbsttagung der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie (DGK) betonte DGK-Präsident Prof. Hugo Katus vom Universitätsklinikum Heidelberg, dass er der App-Diagnose Vorhofflimmern tendenziell glauben würde, auch weil für mehrere der eingesetzten Algorithmen mittlerweile in ersten klinischen Studien eine hohe Sensitivität und Spezifität im Hinblick auf das Erkennen von Vorhofflimmern demonstriert wurde. „Insbesondere wenn das EKG einsehbar ist und ein Vorhofflimmern zeigt, sollte bei diesen Patienten ein CHA2DS2-VASc Score erstellt werden, um das Gesamtrisiko abschätzen zu können.“

Berichten die Patienten zusätzlich über Symptome, dann ist für Katus der Schritt zur oralen Antikoagulation bei entsprechendem CHA2DS2-VASc-Score relativ kurz, auch dann, wenn sich das Vorhofflimmern nicht sofort im Langzeit-EKG verifizieren lässt. 

"Das Langzeit-EKG hat seine eigenen Probleme“

Er habe über die Jahre immer wieder Patienten erlebt, die typische Symptome beschrieben hätten und bei denen sich auch in mehreren Langzeit-EKGs zunächst keine Flimmerepisode haben einfangen lassen, bevor die Diagnose Vorhofflimmern dann irgendwann doch gestellt werden konnte. „Das Langzeit-EKG hat seine eigenen Probleme“, so Katus.

Dann Antikoagulieren?

Klar ist, dass die Apps nicht als alleinige Diagnoseinstrumente angesehen werden sollten: „Eine definitive Diagnose von Vorhofflimmern sollte nicht ohne einen Arzt erfolgen“, betonte Prof. Dr. Thomas Deneke von der Herz- und Gefäßklinik Bad Neustadt, Sprecher der Arbeitsgruppe Rhythmologie in der DGK, im Gespräch mit Kardiologie.org. Besonders schwierig wird es bei jener Minderheit der Patienten, die ihre selbst erstellte Vorhofflimmern-Diagnose mitbringen, aber angeben, keinerlei Symptome zu haben. Sollten diese Patienten bei entsprechendem CHA2DS2-VASc Score oral antikoaguliert werden?

"Extrem schwierige Frage"

„Das ist eine extrem schwierige Frage. Wir haben da im Moment keine guten Daten zu“, so Deneke. Auch die ESC-Leitlinien helfen nicht wirklich weiter. Zwar gibt es dort eine Screening-Empfehlung. Die bezieht sich aber primär auf die gelegentliche Pulsmessung bei älteren Patienten. „Das sind nicht die, die mit Wearables rumlaufen“, so Deneke. Er selbst sei überzeugt, dass sich durch ein systematischeres Screening mit anschließender Antikoagulation Schlaganfälle reduzieren ließen. Wie genau ein optimaler Screening- und Therapie-Algorithmus aussieht, der möglichst viele Schlaganfälle verhindert und zu möglichst wenigen Blutungskomplikationen führt, sei bisher aber unklar. 

Interessante Daten werden mehrere Studien liefern, die derzeit die orale Antikoagulation bei Patienten mit subklinischem, von kardialen Implantaten zufällig aufgezeichnetem Vorhofflimmern untersuchen, namentlich die NOAH-Studie mit Edoxaban und die ARTESIA-Studie mit Apixaban. Falls diese Studien eine Verringerung des Schlaganfallrisikos zeigen, dürfte über breiter aufsetzende Screening- und Antikoagulationsstudien unter Einsatz digitaler Technologien deutlich intensiver als bisher diskutiert werden.

Literatur

Pressekonferenz DGK Herbsttage 2018; 11.10.2018.

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