Nachrichten 04.10.2021

Appell an Kardiologen: Herzpatienten sollten gegen COVID und Grippe geimpft sein

Die Impfquoten sind in Deutschland unzureichend, sowohl bei der COVID- als auch bei der Influenza-Impfung. Bei den DGK-Herztagen wurde deshalb an die Bevölkerung, aber auch an die Kardiologen selbst appelliert.

Deutschland ist in Sachen Impfquote kein Vorreiter in Europa, weder bei der COVID-Impfung noch bei der Influenza-Impfung. Dem Präsidenten der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie (DGK), Prof. Stephan Baldus, bereitet das Sorgen: Deutschland liege bei der COVID-Erstimpfungsrate – Stand 24.9.2021 – gerade mal auf Platz 17 im europäischen Vergleich, um 20% schlechter als Portugal, berichtete der Kardiologe vom Uniklinikum Köln bei den DGK-Herztagen.  

COVID-19-Impfung gerade für Herzpatienten wichtig

Baldus ist auch deshalb so beunruhigt, weil eine niedrige Impfquote gerade für Herzpatienten ein Risiko darstellt. Zum einen haben Herzpatienten im Falle einer Infektion ein erhöhtes Risiko für einen schweren Verlauf. Zum anderen zeigen US-amerikanische Daten, dass die Impfeffektivität bei Menschen mit chronischen Herz-Kreislauf-Erkrankungen geringer ist.

Wie Baldus bei den Herztagen berichtet, stellen Impfdurchbrüche in Deutschland durchaus ein Problem dar. Bis zum 24.09.2021 ist es bei insgesamt 53 Millionen vollständig Geimpften zu 47.752 wahrscheinlichen Impfdurchbrüchen gekommen, also bei 0,09%, den größten Anteil daran hatten Personen, die mit der Janssen-Vakzine geimpft worden sind. Laut Baldus ist dafür auch die geringe Impfquote verantwortlich. Menschen mit reduzierte Ansprechen auf die Impfung könnten nur durch eine hohe Impfquote in der Allgemeinbevölkerung geschützt werden, weil die Viruslast dann abnehme, so der Kardiologe.

Dabei sollte die Impfeffektivität eigentlich Überzeugung genug sein, sich impfen zu lassen, gerade für die 18- bis 59-Jährigen: Die Impfung bietet in dieser Altersgruppe einen circa 99%igen Schutz vor Tod und 97%igen Schutz vor einer Behandlung auf einer Intensivstation, wie Baldus berichtet. Bei den über 60-Jährigen liegt Effektivität immerhin bei entsprechend 93% bzw. 96%.

Impfassoziierte Myokardtiden sprechen nicht gegen die Impfung

Auch die im Zusammenhang mit der mRNA-Impfung aufgetretenen Myokarditiden stellen Baldus zufolge kein Argument gegen die Impfung dar. Zum einen handelt es sich um eine seltene Nebenwirkung: Auf eine Millionen Impfungen kämen vier Fälle von impfassoziierten Myokarditiden. In 67% der Fälle ist die Komplikation nach der zweiten Impfung aufgetreten, zu 79% waren Männer betroffen.

Zum anderen betonte Baldus, dass es auch in Folge einer SARS-CoV-2-Infektion zu einer Myokarditis kommen kann. Und solche Fälle seien weitaus häufiger, so der Kardiologe. Deshalb überwiegt Baldus zufolge der Nutzen der Impfung die damit verbundenen Risiken – und das gilt für alle Subgruppen, auch für Kinder, wie Daten aus Großbritannien deutlich machen: „Es gibt klare Hinweise dafür, dass die Wahrscheinlichkeit für eine impfassoziierte Myokarditis bzw. Perikarditis drei- bis fünffach geringer ist als die Wahrscheinlichkeit des Auftretens einer Komplikation der Erkrankung selbst“, führte Baldus die Datenlage aus. Zwar gebe es vereinzelte Einzelfallberichte von schwereren Komplikationen, so Baldus, wobei es immer schwierig ist, den Beweis zu erbringen, dass wirklich die Impfung hierfür verantwortlich war. Die meisten der im Kontext einer Impfung aufgetretenen Myokarditiden verlaufen jedoch selbstlimitierend.

„Wir müssen auch gegen Influenza impfen“

Angesichts des bevorstehenden Herbst und Winter hat Baldus noch ein weiteres Anliegen: „Wir müssen auch gegen Influenza impfen“, betonte der Kardiologe. Schon seit mehreren Jahren empfiehlt die Ständige Impfkommission (STIKO) eine Grippeschutzimpfung für Patienten mit kardiovaskulären Vorerkrankungen. Vor Kurzem hat die STIKO ihre Empfehlungen aktualisiert und erachtet es ab sofort für möglich, eine COVID- und Grippe-Impfung gleichzeitig zu verabreichen.

Die Studiendaten sprechen für sich: Die Sterblichkeit von Herzinsuffizienzpatienten etwa lässt sich durch eine Influenza-Impfung hochsignifikant reduzieren, wie Baldus ausführte. Trotz allem besteht auch hier in Deutschland Nachholbedarf. So haben im Jahr 2016 hierzulande gerade mal 37,1% der Herzinsuffizienzpatienten eine Influenza-Impfung erhalten. Zum Vergleich: In den Niederlanden waren es 77,5%.

Appell an Kardiologen

Baldus appelliert deshalb an die Kardiologen, der Impfdemotivation in der Bevölkerung entgegenzuwirken. Dass den Kardiologen dabei eine weitaus größere Rolle zuteilwerden könnte, macht die erst kürzlich beim ESC-Kongress vorgestellte IAMI-Studie deutlich: Demnach schützt eine bereits im Krankenhaus vorgenommene Influenza-Impfung Herzinfarktpatienten vor weiteren kardiovaskulären Komplikationen. Wie Böhm bei den Herztagen berichtete, organisiert das Universitätsklinikum des Saarlandes deshalb bereits erforderliche Strukturen, um Impfungen im Krankenhaus vornehmen zu können, sowohl gegen Grippe als auch gegen COVID. Das sei eine Möglichkeit, die Defizite zu beseitigen, so der Kardiologe.

Literatur

Pressekonferenz: COVID-19 und Impfung. DGK-Herztage 2021, 30. September bis 2. Oktober 2021, Bonn

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