Nachrichten 14.10.2021

Plötzlicher Herztod bei jungen Menschen: Ursache bleibt häufig unklar

Wenn junge Menschen einen plötzlichen Herztod erleiden, bleibt die Ursache in vielen Fällen unklar – selbst nach umfassender Diagnostik, wie eine neue Analyse aus Ulm deutlich macht.

Wie ergeht es jungen Menschen, die einen plötzliche Herztod überlebt haben: Was wird diagnostisch unternommen, wie ist ihre Prognose? Diese Frage hat Ulmer Kardiologen zu einer retrospektiven Untersuchung zurückliegender Herztod-Fälle bewegt.

Eingeschlossen in ihre Analyse haben sie alle Patienten in einem Alter zwischen 10 und 40 Jahren, die in den Jahren von 2000 bis 2020 in der Uniklinik Ulm wegen eines außerklinisch, durch Kammerflimmern ausgelösten Herzstillstandes betreut worden sind: insgesamt 38 Patienten. Im Durchschnitt waren diese zum Zeitpunkt des Ereignisses 24 Jahre alt. Nicht berücksichtigt wurden Patienten, deren Herzstillstand eindeutig einer koronaren Erkrankung wie einem STEMI usw. zuzuordnen war. 

Diagnostisch wurden alle betroffene Patienten im Anschluss an das Ereignis umfassend untersucht, wie Dr. Michael Baumhardt bei den DGK-Herztagen berichtete. Bei 74% wurde eine MRT vorgenommen, 84% erhielten eine kardiale Katherisierung. Für eine Myokardbiospie wurde sich dagegen mit einer Rate von 10% eher selten entschieden. In allen Fällen seien die Befunde unauffällig gewesen, so Baumhardt. Wie der Mediziner berichtete, hat die Häufigkeit von genetischen Untersuchungen in den letzten Jahren zugenommen (bei insgesamt 34%). Oft seien die Patienten noch im Nachgang diesbezüglich untersucht worden.

45% blieben ohne Diagnose

Allen Patienten wurde direkt nach dem Akutereignis zu einer ICD-Implantation geraten. Zwei Patienten hätten einen solchen Eingriff damals abgelehnt, berichtete Baumhardt, sodass schlussendlich bei 89% ein ICD implantiert wurde.

Trotz der umfassenden Diagnostik, am Ende konnte bei 45% aller Patienten keine Ursache für das Kammerflimmern gefunden werden. Im Umkehrschluss wurde bei 55% eine Diagnose gestellt. Am häufigsten fanden die Ärzte ein Long-QT-Syndrom vor, nämlich bei 18%, hypertrophe Kardiomyopathien stellten mit 10% die zweithäufigste Diagnose da. Bei 5% lag eine Myokarditis vor. Ansonsten waren auch, wie Baumhardt ausführte, einige „exotische“ Diagnosen darunter.  

„ICD-Implantation für quasi jeden Patienten“

Was die Prognose der Patienten betrifft, fällt auf, dass es bei vielen nicht bei diesem einen Vorfall geblieben ist. „Knapp die Hälfte hatte nochmal ein Ereignis“, berichtete Baumhardt. Dabei hatten jene mit einer konkreten Diagnosestellung nur ein geringfügig höheres Risiko. „Deshalb ist es wichtig, dass quasi alle Patienten mit einem ICD versorgt werden und bei ihnen eine intensive Nachbeobachtung erfolgt“, schloss der Ulmer Kardiologe daraus. Entsprechende Nachuntersuchungen können seiner Ansicht nach auch deshalb wichtig sein, weil neue Erkenntnisse durch genetische Untersuchungen dazu kommen können.

Obwohl Baumhardt an der Notwendigkeit einer ICD-Implantation keinen Zweifel lässt, machte er auf die häufigen mit dem ICD verbundenen Komplikationen aufmerksam. Bei vielen Patienten seien deshalb bereits mehrere Eingriffe an ihrem Gerät vonnöten gewesen.

Literatur

Baumhardt M: Sekundenherztod überlebt und dann? – Ursache bösartiger Herzrhythmusstörungen bei jungen Patienten bleibt trotz erweiterter kardialer Diagnostik oft unklar; DGK Herztage, 30. September bis 2. Oktober 2021, Bonn

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