Nachrichten 05.10.2021

Sind nach Ablation von Vorhofflimmern noch Antiarrhythmika nötig?

Bringt es was, Patienten mit Vorhofflimmern auch nach einer Katheterablation weiterhin mit Antiarrhythmika zu behandeln? Ergebnisse einer Analyse von Daten eines deutschen Registers lassen da Zweifel aufkommen.

Eine Katheterablation wird in den ESC-Leitlinien bei Patienten mit paroxysmalem oder persistierendem Vorhofflimmern zur Rhythmuskontrolle nach erfolglosem medikamentösem Therapieversuch mit Antiarrhythmika nachdrücklich empfohlen (Klasse-IA-Empfehlung). Ist es da sinnvoll, eine medikamentöse Behandlung mit Antiarrhythmika postinterventionell zu verordnen?

In der Praxis wird das bei vielen Patienten so gemacht. Und es gibt auch randomisierte Studien wie POWDER-AF, die dafür sprechen, dass Antiarrhythmika nach Katheterablation dazu beitragen könnten, rezidivierende atriale Tachyarrhythmien und erneute Ablationsprozeduren zu reduzieren.

Daten aus deutschem Ablationsregister genutzt

Eine aktuelle Analyse von Daten aus dem deutschen Ablationsregister (German Ablation Registry) vermittelt allerdings ein gegenteiliges Bild. Denn nach ihren Ergebnissen war eine antiarrhythmische Therapie nach Ablation weder bei paroxysmalem noch bei persistierendem Vorhofflimmern mit einer Reduktion von Arrhythmie-Rezidiven und Reablationen assoziiert. Zumindest bei Patienten mit paroxysmalem Vorhofflimmern waren Reablationen im Fall einer antiarrhythmischen Medikation sogar häufiger, berichtete Dr. Ruben Schleberger, Klinik für Kardiologie am UKE Hamburg, bei den DGK-Herztagen in Bonn.

Die Forschergruppe um Schleberger hat für ihre Analyse Daten von 3275 Patienten und Patientinnen herangezogen, die wegen paroxysmalem (n = 2138) oder persistierendem (n = 1137) Vorhofflimmerns einer Katheterablation unterzogen worden waren. Unterschieden wurde zwischen Patienten mit bei Entlassung verordneter Antiarrhythmika-Therapie (Flecainid, Propafenon oder Amiodaron) und Patienten ohne entsprechende spezifische antiarrhythmische Therapie. Die Entscheidung für oder gegen diese Therapie wurde jeweils in den beteiligten Zentren (n=55) getroffen.

Beide Gruppen wurden bezüglich der Häufigkeit von rezidivierenden atrialen Tachyarrhythmien, Reablationen und kardiovaskulären Ereignisse im Zeitraum von 12 Monaten verglichen. Auch die Patientenzufriedenheit wurde evaluiert.

Mehr Reablationen bei Patienten mit antiarrhythmischer Medikation

In der Subgruppe mit paroxysmalem Vorhofflimmern bestanden bezüglich der Häufigkeit von Arrhythmie-Rezidiven und Rehospitalisationen keine Unterschiede zwischen Patienten mit (n = 1051) und ohne (n = 1087) antiarrhythmische Medikation bei Entlassung. Bei Patienten mit Antiarrhythmika-Verordnung stellten die Untersucher allerdings in der  adjustierten Analyse überraschenderweise eine relativ um 30% höhere Reablationsrate fest (Odds Ratio [OR]: 1,30: 95 % Konfidenzintervall [OR]: 1,05 -1,61). Auch um die Zufriedenheit mit der Therapie stand es bei diesen Patienten deutlich schlechter als bei Patienten ohne antiarrhythmische Medikation (OR: 1,76, 95 % KI: 1,20-2,58).

Keine Unterschiede bei persistierendem Vorhofflimmern

In der Subgruppe der Patienten mit persistierendem Vorhofflimmern machte es dagegen im Hinblick auf Rezidive, Reablationen oder Patientenzufriedenheit keinen Unterschied, ob bei ihnen eine antiarrhythmische Medikation verordnet (n = 641) oder nicht verordnet (n = 496) worden war.

Bezüglich der Raten für kardiovaskuläre Komplikationen stellten die Untersucher bei Patienten mit paroxysmalen wie auch persistierendem Vorhofflimmern keine nennenswerten Unterschiede fest – egal, ob sie mit oder ohne antiarrhythmische Therapie entlassen worden waren.

Postinterventionelle Therapie sollte „gut überlegt“ sein

Schleberger zog aus diesen Ergebnissen den Schluss, dass eine postinterventionelle Therapie mit Antiarrhythmika nach Ablation von Vorhofflimmern „gut überlegt“ sein sollte. Die höhere Rate an Reablationen bei Patienten mit paroxysmalem Vorhofflimmern könnte nach seiner Ansicht damit zu erklären sein, dass die häufig relativ gesunden Patienten mit dieser Form des Vorhofflimmerns unzufrieden mit der Einnahme von Antiarrhythmika gewesen sein könnten und deshalb auf eine Reablation gedrängt haben, um von der Medikamenteneinnahme wieder loszukommen. Noch sei das aber reine Spekulation, räumte Schleberger ein, der zudem auf die Limitierungen der Studie aufgrund ihres retrospektiven Designs hinwies und weitere Studien für erforderlich hält.

Literatur

Schleberger R: Antiarrhythmic Drug Therapy after Catheter Ablation for Atrial Fibrillation – Insights from the German Ablation Registry, DGK Herztage 2021, 30. September bis 2. Oktober 2021, Bonn

Wissenschaftliche Pressemitteilung der DGK vom 30. September 2021


Neueste Kongressmeldungen

Plötzlicher Herztod bei jungen Menschen: Ursache bleibt häufig unklar

Wenn junge Menschen einen plötzlichen Herztod erleiden, bleibt die Ursache in vielen Fällen unklar – selbst nach umfassender Diagnostik, wie eine neue Analyse aus Ulm deutlich macht.

Störeinflüsse des iPhone 12 auf Schrittmacher & ICDs – wirklich ein Risiko?

Berichte über Interaktionen des iPhone 12 mit Schrittmacher- und ICD-Funktionen haben für Aufsehen gesorgt. Nun haben Kardiologen aus Gießen eine umfassende Untersuchung vorgenommen – und können Entwarnung geben.

Long Covid: Wie häufig sind Organschäden schuld?

Noch immer ist unklar, was genau hinter „Long Covid“ steckt. Ärzte aus Ulm haben deshalb systematisch nach Organschäden gefahndet – und haben recht häufig eine Diskrepanz zwischen Beschwerden und pathologischen Befunden feststellen können.

Neueste Kongresse

ESC-Kongress 2021

Der diesjährige Kongress der Europäischen Gesellschaft für Kardiologie (ESC) findet erneut als digitales Event statt vom 27. bis 30. August 2021. Vier neue Leitlinien werden präsentiert, 19 Hotline-Sessions könnten ebenfalls die Praxis verändern. In diesem Dossier berichten wir über diese und weitere Highlights.

HRS-Kongress 2021

Der diesjährige Kongress der Heart Rhythm Society (HRS) hatte rhythmologisch einige zu bieten: neue Pacing-Methoden, provokative Ergebnisse in puncto Alkohol und Vorhofflimmern und vieles mehr. Seit langem fand ein Kongress mal wieder als Vor-Ort-Event statt, in diesem Fall trafen sich die Experten in Boston. Alle Sessions konnten aber auch virtuell verfolgt werden. Ausgewählte Highlights finden Sie in diesem Dossier.

EuroPCR-Kongress 2021

Einer der weltweit führenden Kongresse für interventionelle kardiovaskuläre Medizin – der EuroPCR – fand in diesem Jahr vom 17. bis 20. Mai 2021 virtuell statt. Die wichtigsten Studienergebnisse sind für Sie in diesem Dossier zusammengetragen. 

Highlights

Das Live-Kongress-Angebot der DGK

Zurück aus der Sommerpause: Sichern Sie sich den Zugang zu allen zertifizierten Vorträgen von DGK.Online 2021.

Corona, COVID-19 & Co.

Aktuelle Meldungen zu SARS-CoV-2 bzw. zu der Lungenkrankheit COVID-19 finden Sie in diesem Dossier.

Aktuelles und Neues aus der Kardiologie

Nach Vorhofohrverschluss: Halbe NOAK-Dosis evtl. besser als Standard

Damit sich nach einem Verschluss des linken Vorhofohrs keine Thromben auf dem Device bilden, ist eine zeitweise antithrombotische Therapie vonnöten. Im Falle des Watchman-Devices wird hierfür ein Plättchenhemmer-basiertes Regime empfohlen. Doch es könnte eine bessere Strategie geben.  

Schwangere mit Herzfehler: Bessere Prognose als gedacht

Eine Schwangerschaft kann für Frauen mit angeborenen Herzfehlern Risiken bergen. Diese lassen sich aber relativ gut in den Griff bekommen, wenn die Betroffenen medizinisch begleitet werden, zeigt die bisher größte Studie zum Thema.

Fortschritt durch optimierte PCI-Strategie bei koronarer 3-Gefäßerkrankung

Eine durch technische Neuerungen optimierte PCI-Strategie führt bei koronarer 3-Gefäßerkrankung augenscheinlich zu deutlich besseren Behandlungsergebnissen, legen die finalen 5-Jahres-Ergebnisse der SYNTAX-II-Studie nahe.

Aus der Kardiothek

Hätten Sie es erkannt?

Ausschnitt einer Ergometrie eines 40-Jährigen Patienten mit gelegentlichem thorakalem Stechen. Was ist zu sehen?

Raumforderung im rechten Vorhof – was war die Ursache?

Echokardiographie einer 65-jährigen Patientin, die sich wegen Luftnot vorstellt. Im apikalen 4-Kammerblick zeigt sich eine Raumforderung im rechten Vorhof.

Fehlbildung am Herzen – was sehen Sie im CT?

3-D Rekonstruktion einer kardialen Computertomographie. Welche kardiale Fehlbildung ist zu sehen?

ESC-Kongress (virtuell)/© everythingpossible / stock.adobe.com
Digitaler HRS-Kongress 2021/© mandritoiu / stock.adobe.com
EuroPCR-Kongress 2021
DGK.Online 2021/© DGK
Corona/© Naeblys / Getty images / iStock
Kardio-Quiz September 2021/© L. Anneken, Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg
Kardio-Quiz August 2021/© F. Ammon, Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg
Computertomographie/© S. Achenbach, Friedrich-Alexander-Universität Erlanen-Nürnberg