Nachrichten 09.04.2018

Auch „ein bisschen dick“ schadet dem Herzen

Auch nur ein „bisschen dicke“ Menschen haben bereits ein erhöhtes Risiko für Herzinfarkt und Schlaganfall, machen Experten auf der DGK-Jahrestagung deutlich. Schützen kann man sich bereits durch sieben bis acht Minuten intensiver Bewegung pro Tag.

Bereits bei einem Body-Mass-Index (BMI) von 24 kg/m² steigt das Risiko für Herzinfarkt und Schlaganfall leicht an, wie eine im aktuell im European Heart Journal erschienene Studie mit fast 30.000 Teilnehmern deutlich macht. „Mit dem in der Bevölkerung verbreiteten Glauben – ein ‚bisschen dick‘ sei nicht schlimm – muss aufgeräumt werden“,  kommentierte Prof. Nikolaus Marx die aktuellen Ergebnisse auf einer Pressekonferenz im Rahmen der DGK-Jahrestagung. Denn die Studie zeige, dass das kardiovaskuläre Risiko bereits bei einem Körpergewicht ansteigt, das bisher noch als „normal“ galt.

Risikoanstieg ab BMI von 24 kg/m²

Das niedrigste Risiko in der Studie hatten die Probanden, deren BMI zwischen 22 und 23 kg/m²  gelegen hatte. Mit jedem weiteren Anstieg von 5,2  kg/m² stieg das Risiko um 13% an. Marx glaubt deshalb, dass das sog. Obesity-Paradoxon, nach dem ein wenig Übergewicht sogar schützen soll, „zumindest auf gesunde Menschen nicht zutrifft“. Insgesamt wurden für die Analyse 296.535 gesunde Europäer in einem durchschnittlichen Alter von 55 Jahren rekrutiert und im Mittel über 5 Jahre lang nachbeobachtet.

Den BMI zur Beurteilung von Übergewicht heranzuziehen, wird unter Experten allerdings kritisiert, da er beispielsweise bei sportlich aktiven Menschen aufgrund der Muskelmasse höher ist. Marx pflichtig dieser Kritik zwar bei. Er macht aber auch deutlich, dass eine höhere Muskelmasse bei nur etwa 10 % der Bevölkerung die Ursache für einen erhöhten BMI darstelle. An der Grundaussage der Studie würde es aufgrund der hohen Teilnehmerzahl nichts ändern. „Übergewichtige Menschen sollten sich von einem Arzt hinsichtlich kardiovaskulärer Risikofaktoren wie Blutdruck und Diabetes untersuchen lassen“, empfiehlt der an der Universitätsklinik in Aachen tätige Kardiologe.

7 bis 8 Minuten täglich intensive Belastung reicht

Als Präventionsmaßnahme gilt: Bewegung, Bewegung, Bewegung – das ist den allermeisten wohl bekannt. Die in den Leitlinien propagierten 30 Minuten Bewegung pro Tag seien aber von der breiten Bevölkerung kaum zu bewerkstelligen, machte Prof. Martin Halle vom Zentrum für Prävention und Sportmedizin in München deutlich. Von diesem Credo müsse man wegkommen,

Seine Empfehlung: Wer wenig Zeit oder Motivation hat für längere Bewegungseinheiten, der sollte stattdessen 7 bis 8 Minuten hochintensive zügige Belastungen pro Tag absolvieren. Denn dadurch wird die Muskulatur beansprucht, gleichzeitig kommt es zu Aktivierung hormoneller Vorgänge, die das Herz-Kreislauf-System schützen. „Die Muskulatur ist ein ganz zentrales Organ“, betonte Halle. Wer Muskelmasse aufbaut, senkt sein kardiovaskuläres Risiko. 

Als intensive Belastung empfiehlt der Kardiologe und Sportmediziner beispielsweise eine Art „Triptrap-Lauf“, also das zügige Laufen auf Zehenspitzen. Zum Abnehmen reichen solche kurzer Bewegungseinheiten allein allerdings nicht aus, stellte Halle klar.

Literatur

Pressekonferenz: Übergewicht und Herzgesundheit, 84. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie, 4.-7. April 2018, Mannheim

Iliodromiti A, Celis-Morales CA, Lyall D et al. The impact of confounding on the associations of different adiposity measures with the incidence of cardiovascular disease: a cohort study of 296 535 adults of white European descent, European Heart Journal, , ehy057, https://doi.org/10.1093/eurheartj/ehy057

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