Nachrichten 05.04.2018

Richtige Behandlung der akuten Herzinsuffizienz erfordert Zeit

Bei vielen stationär behandelten Erkrankungen geht der Trend in Richtung verkürzte Liegedauer. Im Fall von Patienten mit akuter Herzinsuffizienz könnte eine zu frühe Entlassung aus der Klinik allerdings schwerwiegende Folgen haben.

Im Verlauf der chronischen Herzinsuffizienz kann es immer wieder zu rezidivierenden Dekompensationen kommen, die häufig einen Krankenhausaufenthalt notwendig machen. In Deutschland ist „Herzinsuffizienz“ die häufigste zur stationären Aufnahme führende Diagnose. 

Das erhöht den Druck, nicht zuletzt aus Kostengründen gerade bei Herzinsuffizienz  die stationäre Verweildauer zu verkürzen – was wiederum  aus medizinischen Gründen problematisch sein kann. „Patienten mit dekompensierter Herzinsuffizienz müssen vor der Entlassung rekompensiert sein. Es ist nötig, sie bis zur vollständigen Rekompensation im Krankenhaus zu behalten“, betonte Professor Michael Böhm aus Homburg/Saar auf einer Pressekonferenz bei der DGK-Jahrestagung 2018 in Mannheim. 

Dekompensationen sind mit einem hohen  Sterberisiko assoziiert. Dieses Risiko ist umso höher, je unvollständiger die Rekompensation ist.  Böhm verwies in diesem Zusammenhang auf eine Studie bei Patienten mit Herzinsuffizienz im NYHA-Stadium IV, bei denen die Mortalität in Abhängigkeit von nach der Klinikentlassung noch vorhandenen Stauungszeichen analysiert worden ist. 

Bei Patienten die frei von Stauung waren, war die 2-Jahre-Überlebensrate vergleichsweise hoch. Je mehr Stauungskriterien wie Gewichtszunahme, Ödeme oder positiver Jugularvenenpuls bei einer mehrere Wochen nach der Klinikentlassung vorgenommenen Nachuntersuchung zusammenkamen, desto höher war die Mortalität nach zwei Jahren. 

Längere Verweildauer, weniger Wiederaufnahmen 

Aufschlussreich ist auch eine von Böhm vorgestellte Subanalyse von Daten der ASCEND-HF-Studie. Deren Autoren haben in 27 Ländern die jeweilige stationäre Verweildauer bei akuter Herzinsuffizienz  ermittelt und in Beziehung zur  Häufigkeit von Wiedereinweisungen wegen Herzinsuffizienz gesetzt. Ergebnis war, dass in den Ländern mit längerer Verweildauer von Patienten mit akuter Herzinsuffizienz die Raten für Wiedereinweisungen signifikant niedriger waren.

Böhm erinnerte auch an Erfahrungen aus dem US-Gesundheitssystem. In den USA ist vor einiger Zeit das „Hospital Readmissions Reduction Program“ (HRRP) initiiert worden, das darauf zielte,  durch Androhung  von möglichen Strafzahlungen an US-Kliniken die Zahl der Wiedereinweisungen etwa wegen Herzinsuffizienz zu senken. Das Programm zeigte Wirkung: Die zum Zeitpunkt nach 30 Tagen und nach einem Jahr festgestellte Häufigkeit von Wiedereinweisungen verringerte sich.

Leider hatte dieser Erfolg eine unerwartete Kehrseite: Die Reduktion von erneuten Krankenhausaufnahmen ging nämlich mit einer signifikanten Zunahme der Mortalität einher. Eine fixe Regulation des Managements bei akuter Herzinsuffizienz wirke sich offenbar negativ auf die Sterblichkeit aus, so Böhm.

Verbesserung der Versorgungsstrukturen als Ziel 

Die DGK hat es sich im Übrigen zur Aufgabe gemacht sicherzustellen, dass Diagnostik und Behandlung der  akuten Herzinsuffizienz bzw. der akut dekompensierten chronischen Herzinsuffizienz schnell und auf höchstem fachlichem erfolgen,  um künftige zu Krankenhausaufnahmen führende Dekompensationen zu vermeiden.  Dazu soll der  Aufbau qualitätsgesicherter integrierter Versorgungsstrukturen für herzinsuffiziente Patienten gefördert werden. Dem Ziel soll  unter anderem ein organisatorischer Zusammenschluss verschiedener Leistungserbringer in einem sektorenübergreifenden Herzinsuffizienz-Netzwerk (Heart Failure Network, HF-NET) dienen, berichtete Böhm.

Literatur

Pressekonferenz: Herzinsuffizienz – Therapie und Versorgungstrends bei einer neuen Volkskrankheit. 84. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie, 4.-7. April 2018, Mannheim

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