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30.04.2019 | DGK-Jahrestagung 2019 | Nachrichten

Hindernisse und Lösungen

Herzgesunde Ernährung besser in den Alltag integrieren

Autor:
Joana Schmidt

Eine mediterrane Ernährung mit viel Gemüse, Obst, Nüssen, Olivenöl, Fisch, Ballaststoffen und wenig Fleisch verringert nachweislich das kardiovaskuläre Risiko. Trotzdem wird sie noch viel zu selten umgesetzt. Woran liegt das und was muss sich ändern?

Obwohl Informationen über herzgesunde Ernährung heute besser zugänglich sind denn je, werden sie im Alltag von Privathaushalten und öffentlichen Einrichtungen nicht konsequent umgesetzt. Dr. Elisabeth Schieffer der Medizinischen Hochschule Hannover beschäftigte sich in ihrem Vortrag im Rahmen der DGK-Jahrestagung 2019 damit, warum die Umsetzung so schwierig ist und wie sie verbessert werden könnte.

Nur rund ein Drittel der Deutschen ernährt sich gesund

Die Ärztin für Kardiologie, Innere Medizin, Sportmedizin und Ernährungsmedizin unterscheidet dabei vier Faktoren, die unsere Ernährung beeinflussen. Erstens hindern uns Emotionen: Essen bedeutet auch Genuss und soziales Miteinander, wodurch die gesundheitliche Komponente schnell in den Hintergrund rücken kann. Zweitens zählt die Verfügbarkeit, etwa die Auswahl in der Kantine oder die Einkaufsmöglichkeiten in der Nachbarschaft: Gibt es einen Bioladen oder vor allem Fast-Food-Anbieter? Drittens spielt das Wissen eine große Rolle: Wie gut kennt sich jemand mit gesunder Ernährung aus? Gelingt es ihm, diese Kenntnisse beim Kochen im Alltag umzusetzen? Laut Schieffer ist etwa ein Drittel der Deutschen diesbezüglich gut informiert und motiviert, beim Rest gibt es großen Nachholbedarf, was eine herzgesunde Ernährung betrifft. Viertens geht es schlicht um die Kosten: Ungesunde Nahrungsmittel sind billiger.

Ein Problem ist auch der Entscheidungsprozess: Essen ist eher eine intuitive Entscheidung als eine rationale. Appetit und Nahrungsangebot führen oft zu schnellen, automatisierten statt zu langsamen, kontrollierten Entscheidungen. Worauf kommt es dabei an? Einer Studie des Bundesministeriums für Ernährung zufolge achten 99% der Deutschen vor allem auf den Geschmack. 91% ist es wichtig, dass das Essen gesund ist. 48% legen Wert auf eine einfache Zubereitung, 36% achten auf die Kalorien und für 32% ist der Preis ausschlaggebend. In starkem Kontrast dazu steht jedoch die Frage nach dem Lieblingsessen der Deutschen: Hier stimmen 33% für „Braten, Schnitzel, Gulasch“, 17% für „Spaghetti, Lasagne, Spätzle“ und lediglich 10% für Salate und Gemüsegerichte.

Zeitmangel ist das größte Hindernis

Der Report des Bundesministeriums für Ernährung und eine Ernährungsstudie der Techniker Krankenkasse zeigen, dass die Deutschen seit 2013 immer mehr Wert darauf legen, dass ihr Essen gesund ist. Die wichtigste Voraussetzung dafür wäre selbst zu kochen, um alle Inhaltsstoffe zu kennen. Genau das machen aber immer weniger Menschen: 2017 waren es noch etwa 53%, 2019 sind es nur 40%. In der zweiten Studie ging es auch darum, was Menschen konkret daran hindert, sich gesund zu ernähren: 56% der Befragten gaben an, ihnen fehle die Zeit. 46% mangelte es an Durchhaltevermögen. Bei 29% lag es an den Kosten und 26% nannten fehlende Kochkenntnisse als Begründung.

Das Problem ist demnach die Kluft zwischen Wunsch und Wirklichkeit: Essen soll gut schmecken, schnell zubereitet und nicht teuer sein. Doch Ungesundes schmeckt oft besser, ist schneller verfügbar und kostengünstiger. Studien zeigen, dass der Konsum von hochverarbeiteten Lebensmitteln signifikant mit einem erhöhten Risiko für chronische, nicht übertragbare Krankheiten assoziiert ist. Schieffer sieht deshalb dringenden Handlungsbedarf.

Strengere Regulierungen erforderlich

Damit eine herzgesunde Ernährung konsequenter umgesetzt wird, muss sich laut Schieffer einiges ändern. Jeder Einzelne kann mit mehr Selbstkontrolle beginnen: Über ausgewogene Rezepte informieren, Mahlzeiten im Voraus planen, Einkaufslisten erstellen, um ungesunde Spontankäufe zu vermeiden. Gesundheitsapps, Selbsthilfegruppen oder ein regelmäßiges Sportprogramm können dabei helfen, sich besser zu disziplinieren.

Verbindliche Empfehlungen seien erforderlich, um die Ernährungsqualität in öffentlichen Einrichtungen zu verbessern. Möglich sei etwa eine Restriktion von süßen Snacks, zum Beispiel in Schulen. Denkbar sei auch ein Verbot von Transfettsäuren, wie es Dänemark bereits 2003 eingeführt hat. Enthält ein Produkt eine kritische Menge davon, darf es dort nicht mehr verkauft werden (Höchstwert: 2g Transfettsäuren pro 100g Fett). Innerhalb von 10 Jahren reduzierte sich die dadurch die Aufnahme von Transfettsäuren auf ein Zehntel des vorherigen Niveaus. Das könnte zum Teil den signifikanten Rückgang der Sterblichkeit aufgrund von Herz-Kreislauf-Erkrankungen erklären, der zeitgleich zu beobachten war.

Hilfe durch Kochunterricht und Steuererleichterungen

Die Fachgesellschaften für Ernährung sollten sich nach Ansicht der Referentin für das Verbreiten von Wissen über herzgesundes Essen einsetzen. Öffentliche Kampagnen seien eine Möglichkeit. Auch Kochunterricht in Schulen verbunden mit Lebensmittelkunde würde eine bewusstere Ernährung fördern.

Bezüglich der Kosten sei es hilfreich, Gemüse und Obst nicht zu besteuern und die Anbieter mithilfe von Zuschüssen zu unterstützen. So würden beispielsweise auch Kantinenchefs nicht mehr aus wirtschaftlichen Gründen daran gehindert, gesundes Essen anzubieten, was sich wiederum positiv auf die Herzgesundheit der Bevölkerung auswirken würde.

Literatur

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