Nachrichten 29.04.2019

Rockender Notarzt bekommt DGK-Preis für Wissenschaftsjournalismus

Er lässt sich den Bauch vereisen, durchschwimmt den Rhein und lässt sich hypnotisieren – Dr. Heinz-Wilhelm Esser nimmt einiges auf sich, um Medizin in seinem TV-Gesundheitsmagazin greifbar zu machen. Jetzt bekommt der Oberarzt und ehemalige Berufsmusiker dafür den DGK-Preis für Wissenschaftsjournalismus.

Sie werden dieses Jahr für Ihr TV-Magazin „Doc Esser: Der Gesundheitscheck“ mit dem Preis für Wissenschaftsjournalismus der DGK ausgezeichnet – was bedeutet das für Sie?

Dr. Esser: Das bedeutet mir unfassbar viel, weil es von den Kollegen kommt. Das Format kommt sehr gut bei Laien an, für die wir versuchen Medizin und Gesundheitsvorsorge anschaulich zu machen, teilweise mit einfachen oder drastischen Mitteln. Das hat auch zur Folge, dass wir sehr kritisch beäugt werden. Dass dann die Deutsche Gesellschaft für Kardiologie sagt, dieses Format und dieser Moderator bekommen den Journalismuspreis im Rahmen der Aufklärung, das ging runter wie Öl.

Wie ist Ihr Gesundheitsmagazin eigentlich entstanden?

Dr. Esser: Bevor ich Mediziner wurde, war ich Musiker. Eine Agentur, für die ich früher gearbeitet habe, hatte sich inzwischen auf Fernsehärzte spezialisiert. Als sie jemanden fürs WDR suchten, fragten sie, ob ich nicht zum Casting kommen will. Danach wollten sie einen Pilotfilm mit mir drehen. Der WDR war selber aufgeregt, weil sie sich mit mir ja einen sehr untypischen Arzt in Haus geholt hatten, mit meinem Vorleben, den Tätowierungen usw. Der Pilotfilm lief nicht gut und wir haben das Ganze ad acta gelegt. Dann hat mich der WDR aber doch wieder angefragt, weil immer wieder Zuschauer angerufen hatten, wer denn dieser untypische Arzt sei. Mittlerweile gibt es drei Formate mit mir, die für ein Gesundheitsmagazin alle sehr gut laufen.

Warum sollte man sich die Sendung anschauen?

Dr. Esser: Weil ich glaube, das man Gesundheitsvorsorge, Krankheiten und Medizin für jeden verständlich machen sollte: Wie kann man auf einfache Art gesünder leben? Wie kann man Krankheiten verhindern oder ihren Verlauf verlangsamen? Man muss sich dafür nie um 180 Grad drehen. Man sieht das an mir, ich bin alles andere als ohne Fehler. Ich lerne auch immer wieder dazu und bin begeistert, was Vorsorge und Medizin für Möglichkeiten bieten – und das möchte ich anderen Menschen zeigen.

Was sind denn Ihre Tipps für ein (herz-)gesundes Leben?

Dr. Esser: Meine Empfehlung ist, sich mindestens drei Stunden pro Woche zu bewegen und auf Alkohol und Nikotin zu verzichten. Ich persönlich bin ein großer Fan des 16:8-Essens: Einfach mal 16 Stunden die Bauchspeicheldrüse in Ruhe lassen und dann acht Stunden vernünftig essen. So kann man nicht dick werden und es reduziert das Atheroskleroserisiko. Ich versuche auch Süßigkeiten und Lebensmittel mit hohem glykämischen Index zu meiden: Viele wissen gar nicht, dass Kartoffeln, wenn man sie regelmäßig isst, genauso dick machen wie eine Tüte Gummibärchen. Achtet man auf diese Dinge, behält man über lange Zeit ein gesundes und leistungsstarkes Herz.

Wie kamen Sie selbst zur Kardiologie?

Dr. Esser: Ich habe den Facharzt in Lungenheilkunde gemacht und dann eine Oberarztstelle gesucht. Am Klinikum Remscheid hat mich der dortige Chefarzt so mitgerissen mit seiner Begeisterung, dass ich die Stelle als Sektionsleiter der Pneumologie sofort angenommen und die Gelegenheit genutzt habe, noch den Kardiologen in oberärztlicher Stellung zu machen. Das ist natürlich ein Luxus, dementsprechend habe ich das Herz lieben gelernt.

Was interessiert Sie am meisten an der Kardiologie?

Dr. Esser: Ich finde die Patientenklientel spannend. Ich bin im Lungenkrankenhaus groß geworden, mit COPDlern und Langzeitbeatmung. Da braucht man quasi einen langen Atem. Kardiologie ist schneller, besonders die interventionelle Kardiologie: Man kann etwas an den Herzkranzgefäßen machen und der Patient geht am nächsten Tag deutlich gebessert nach Hause. Natürlich beeindruckt mich auch das Herz als Organ, weil es unfassbar ist, wie viel tausend Mal es pro Tag schlägt, autonom. Eigentlich eine Schande, wie man so eine geniale Pumpe durch einen schlechten Lebensstil zugrunde richten kann. Aber faszinierend, was man dann medikamentös noch reißen kann: Auch wenn jemand 40 Jahre nicht so gut gelebt hat, kann man es bei entsprechender Adhärenz noch lange erhalten.

In Ihrem Buch „Kittel, Keime, Katastrophen: Wie Sie einen Krankenhausaufenthalt überleben“ geht es auch um die Zusammenarbeit von Arzt und Patient. Was ist die Botschaft?

Dr. Esser: Ich wollte für eine gelassene Kommunikation werben. Manche Ärzte sind überlastet oder nicht die Kommunikationsstärksten. Der Patient wiederum ist krank und hat Ängste, klar ist der nicht immer der einfachste Mensch. Manche verwechseln auch einen Krankenhausaufenthalt mit einer Wellnesskur. Unser Ziel ist es, den Patienten gesünder zu machen. Wenn ich ein Auto 50 Jahre lang mies behandle und es dann zum Mechaniker bringe, darf ich nicht erwarten, dass er mir einen Formel-1-Rennwagen draus macht. Ein Patient muss auch an sich arbeiten und sagen: Ok, ich habe hier und da über das Maß hinausgelebt und jetzt versuchen wir eben gemeinsam, noch das Beste rauszuholen. Die Botschaft des Buches: Bleibt gelassen, redet miteinander. Das führt oft zu einem schnelleren Therapieerfolg als alles andere. Wer es liest, versteht die Perspektive des Anderen und weiß dann wie er da reingrätschen kann, sei es als Arzt oder Patient.

Andere Perspektiven hatten Sie auch als erfolgreicher Berufsmusiker – warum haben Sie sich dann doch für die Medizin entschieden?

Dr. Esser: Ich war damals etwa sechs Jahre mit meiner Metal-Band unterwegs. Wir hatten einen Plattenvertrag und viele Videos auf VIVA und MTV, es war eine tolle Zeit. Irgendwann stand ich vor der Entscheidung: Werde ich Berufsjugendlicher? Oder werde ich nochmal etwas seriöser? Ich habe den Spaß an der Sache verloren, weil es mir so ohne Tiefe vorkam, so läpsch. Ich dachte es muss noch etwas anderes geben. Als ich dann in den Medizinberuf eingestiegen bin, habe ich Vollgas gegeben. Ich hatte teilweise anderthalb Jobs. Tagsüber habe ich im Krankenhaus gearbeitet und nachts bin ich Notarzt gefahren. Aber ich hab‘s geliebt, es ist wirklich toll, Menschen helfen zu dürfen.

Das waren zwei ganz unterschiedliche Welten – wie haben Sie den Wechsel vom Tourbus zum Klinikalltag erlebt?

Dr. Esser: Ich habe mich wieder richtig reingehängt in die Medizin, ich war ja einige Jahre komplett raus. Da habe ich Blut und Wasser geschwitzt, bis ich mich wieder auf das Niveau der Kollegen hochgearbeitet hatte. Das ist mir aber zum Glück gelungen. Die Umstellung ist mir nicht schwer gefallen, weil ich jetzt auch wieder mit Menschen zu tun habe. Im Gegensatz zu meinen deutlich jüngeren Kollegen – ich war so Anfang dreißig als ich anfing – hatte ich ja schon viel von der Welt gesehen, auf Tournee viele verschiedene Milieus, Menschen und Charaktere kennengelernt. Deshalb liegt meine Stärke darin, dass ich fast jeden Menschen abholen kann. Und das merken die Leute und spiegeln das natürlich auch zurück.

Sie selbst haben auch viele Facetten: Oberarzt, Familienvater, Musiker, Autor, Moderator, App-Entwickler, Verfechter eines gesunden Lebensstils – wie schaffen Sie das alles?

Dr. Esser: Auch wenn man es mir nicht sofort ansieht, ich lebe extrem diszipliniert. Ich stehe fast jeden Tag, auch am Wochenende, vor sechs auf. Ich bin meistens vor der Arbeit schon im Schwimmbad und trainiere ein bisschen. Am Wochenende gehe ich viel laufen. Außerdem mache ich alles mit Leidenschaft und Herzblut. Dann wird daraus nie negativer Stress, ich fühle mich eher von den meisten Sachen beflügelt. Viele Väter kommen nach Hause und brauchen erstmal ihre Zeit. Ich steh dann sofort da und kann was mit den Kids machen. Alles, woran ich keinen Spaß mehr habe, schaffe ich sofort ab. Das war immer meine Lebensdevise. Ich mache nur Dinge, auf die ich wirklich Bock habe, die ich vertreten kann, wo ich in den Spiegel gucken kann und ich glaube das ist das Geheimnis. Wenn man die Sachen macht, die einem wirklich Spaß machen, dann läuft das von alleine.

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