Nachrichten 09.04.2021

Wie der Lockdown die kardiovaskuläre Versorgung beeinflusst

Weltweit scheinen während des COVID-19-bedingten Lockdowns weniger Herzinfarktpatienten Kliniken aufzusuchen und viele kommen erst in letzter Minute. Neue Daten aus Deutschland bestätigen diese Tendenz und liefern Hinweise auf mögliche Ursachen.

Wie wirkt sich die Lockdownpolitik auf Inzidenz, Charakteristika und Versorgungsqualität des akuten Koronarsyndroms (ACS) aus? Das fragten sich Forscher um Dr. Sylvia Otto vom Universitätsklinikum Jena. In einer Studie verglichen sie deshalb die Zeit des ersten Lockdowns im März und April 2020 mit der anschließenden Aufhebung im Mai und Juni 2020 und denselben Monaten des Jahres 2019. Die Ergebnisse stellte die Kardiologin aktuell bei der DGK-Jahrestagung vor.

Bezüglich klinischer Merkmale unterschieden sich die 418 Patienten, die während des Beobachtungszeitraums wegen eines Akuten Koronarsyndroms ins Universitätsklinikum Jena eingeliefert wurden, nicht: Es waren überwiegend ältere Männer mit einem hohen Anteil an kardiovaskulären Komorbiditäten.

Nur halb so viele STEMI-Patienten wie vor dem Lockdown

Was das Patientenvolumen anging, zeigte sich – ähnlich wie international berichtet – während des Lockdowns ein signifikanter Rückgang von Patienten mit ACS. Besonders stark war dieser unter den STEMI-Patienten: Von ihnen stellten sich während der Einschränkungen nur halb so viele vor wie normalerweise. In den Folgemonaten relativierte sich die Abnahme jedoch wieder.

Insgesamt wurden 2020 10% weniger Patienten mit ACS im Klinikum Jena behandelt als 2019. Zudem beobachtete das Forscherteam, dass die Anzahl von Patienten mit schwerem STEMI, definiert als STEMI mit kardiogenem Schock, 2020 zugenommen hatte. Eine Verzerrung aufgrund der kleinen Kohorte sei hier jedoch nicht ausgeschlossen, ergänzte Otto.

Keine Veränderung bei diagnostischen Maßnahmen

Der Anteil der Patienten, die sich selbst mit ACS in der Notaufnahme vorstellten, gegenüber denjenigen, die von Rettungsdienst eingeliefert oder von einem kleineren Krankenhaus transferiert wurden, nahm während des Lockdowns signifikant ab. Ähnlich war es mit denjenigen, die zunächst den Hausarzt kontaktiert hatten. „Patienten vermieden den medizinischen Kontakt, das wirkte auch während der nachfolgenden Lockerungen noch nach“, resümierte Otto.

Bezüglich des Einsatzes von Invasivdiagnostik stellten die Forscher keinen Unterschied zwischen der Zeit vor, während und nach dem Lockdown fest. Die Anzahl der CTs verdoppelte sich jedoch während der Einschränkungen. Diese seien oft durchgeführt worden, um eine COVID-19-Pneumonie differenzialdiagnostisch auszuschließen, erläuterte Otto. Aktuell werden die Ergebnisse mit Daten aus der zweiten und dritten Welle abgeglichen.

Patienten hörten auf die medialen Botschaften

Auch in einer neuen Studie des Universitätsklinikums Ulm wurde beobachtet, dass Patienten mit ACS während des Lockdowns zurückhaltend waren, medizinische Versorgung in Anspruch zu nehmen, und als Folge erst in der Klinik eintrafen, wenn es gar nicht mehr anders ging. Eine zugehörige Umfrage ergab, dass die meisten Patienten als Grund dafür Informationen aus den Medien angaben, die zum Zuhausebleiben rieten. Andere Gründe, wie Angst vor Ansteckung oder davor, die Klinik zu überlasten, schienen dagegen eine untergeordnete Rolle zu spielen.


Literatur

“Kardiovaskuläre Versorgung bei COVID-19“, 87. DGK-Jahrestagung, 9. April 2021

Highlights

Das Live-Kongress-Angebot der DGK

Zurück aus der Sommerpause: Sichern Sie sich den Zugang zu allen zertifizierten Vorträgen von DGK.Online 2021.

Corona, COVID-19 & Co.

Aktuelle Meldungen zu SARS-CoV-2 bzw. zu der Lungenkrankheit COVID-19 finden Sie in diesem Dossier.

Aktuelles und Neues aus der Kardiologie

Ausblick auf die DGK Herztage: „Endlich wieder ein persönlicher Austausch“

Die DGK Herztage finden vom 30.9 bis 02.10.2021 als Hybridkongress in Bonn und online statt. Es besteht somit seit Langem wieder die Möglichkeit eines persönlichen Austausches. Der Tagungspräsident für Kardiologie aktuell, Dr. Nobert Smetak, erzählt, worauf er sich besonders freut.

Bereits moderater Alkoholkonsum könnte Bluthochdruck begünstigen

Wie viel Alkohol pro Woche ist noch okay? Eine Frage, die für Ärzte aufgrund widersprüchlicher Ergebnisse schwierig zu beantworten ist. Was das Risiko für Bluthochdruck betrifft, scheint schon ein moderates Trinkverhalten problematisch zu sein.

TAVI: Zerebrale Thromboembolien nur direkt danach nachweisbar

Ischämische Schlaganfälle sind gefürchtete Komplikationen nach einer TAVI. Doch wann besteht ein erhöhtes Risiko? In MRT-Untersuchungen aus Deutschland ließen sich zerebale Thromboembolien nur in einer bestimmten Phase nachweisen.

Aus der Kardiothek

Raumforderung im rechten Vorhof – was war die Ursache?

Echokardiographie einer 65-jährigen Patientin, die sich wegen Luftnot vorstellt. Im apikalen 4-Kammerblick zeigt sich eine Raumforderung im rechten Vorhof.

Fehlbildung am Herzen – was sehen Sie im CT?

3-D Rekonstruktion einer kardialen Computertomographie. Welche kardiale Fehlbildung ist zu sehen?

Patientin mit einem thorakalen Schmerzereignis – wie lautet Ihre Diagnose?

Lävokardiografie (RAO 30°-Projektion) einer 54-jährigen Patientin nach einem thorakalen Schmerzereignis. Was ist zu sehen?

DGK.Online 2021/© DGK
Corona/© Naeblys / Getty images / iStock
Kardio-Quiz August 2021/© F. Ammon, Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg
Computertomographie/© S. Achenbach, Friedrich-Alexander-Universität Erlanen-Nürnberg
Laevokardiographie (RAO 30° Projektion)/© M. Marwan, Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg