Nachrichten 09.04.2021

Katheterverfahren an immer mehr Herzklappen

Mit der TAVI begann die Erfolgsserie interventioneller Verfahren zur Behandlung von Herzklappenerkrankungen. Nun sind weitere Klappen in den Fokus gerückt. Und die ersten Daten können sich sehen lassen, wie ein Experte auf der DGK-Jahrestagung ausführte. 

Über die neuesten Daten und Entwicklungen der interventionellen Therapie bei Herzklappenerkrankungen berichtete Prof. Stephan Baldus, Direktor der Klinik III für Innere Medizin der Universität Köln, bei einer Presskonferenz auf der Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie.

Aktuelle Empfehlungen für die Aortenklappenstenose

Die Abwägung für eine katheterbasierte oder operative Therapie stütze sich heute vor allem auf das Alter und die Lebenserwartung des Patienten und nicht mehr, wie früher, auf das Risiko des Patienten, so Baldus. Studien zeigten, dass die Sterblichkeit nach einer TAVI mindestens so gering wie nach einer Operation sei, unabhängig von Risikoscore und Komorbiditäten.

Die aktuellen US-Leitlinien von ACC und AHA machen ihre Empfehlungen zum Klappenersatz bei schwerer Aortenstenose vor allem vom Alter abhängig: Bei unter 65-Jährigen sowie Patienten mit einer Lebenserwartung von mehr als 20 Jahren empfehlen sie eine Operation. Bei Patienten zwischen 65 und 80 Jahren, für die beide Verfahren infrage kommen, soll das Heart Team entscheiden und sich dabei an der Lebenserwartung und der Klappenhaltbarkeit orientieren. Bei über 80-Jährigen sowie jüngeren Patienten mit einer Lebenserwartung von weniger als 10 Jahren wird eine Transkatheter-Aortenklappenimplantation (TAVI) empfohlen.

Mitralklappeninsuffizienz noch unterbehandelt

Die schwere Mitralklappeninsuffizienz ist unterbehandelt. Nur 4% der Patienten mit funktioneller Mitralinsuffizienz sowie ein gutes Drittel der Patienten mit degenerativen Klappen wird laut Baldus überhaupt operiert. Entsprechend groß ist der Bedarf an interventionellen Therapien. Derzeit werden jährlich ca. 6.000 MitraClip-Prozeduren sowie weitere Eingriffe mit anderen Katheterverfahren durchgeführt.

Relativ neu ist die Erkenntnis, dass die Mitralklappen-Rekonstruktion nicht nur bei Klappendefekten die Prognose über drei Jahre verbessern, sondern auch im Falle einer funktionellen Undichtigkeit, die auf einer Herzschwäche beruht. Allerdings ist dies an bestimmte Kriterien gebunden, so Baldus: Die Klappe muss rekonstruierbar sein, die Ventrikeldilatation sollte nicht zu ausgeprägt sein, bestimmte Komorbiditäten der Lunge und des rechten Herzens sprechen gegen den Eingriff.

Bei gut ausgesuchten Patienten mit funktioneller Mitralinsuffizienz sei das Clip-Verfahren nicht minder effektiv als andere Therapien der Herzinsuffizienz, so Baldus. Die US-Leitlinien haben das Verfahren kürzlich zu einer Soll-Empfehlung (IIA) aufgewertet.

In naher Zukunft wird es auch ein Katheterverfahren zum Mitralklappen-Ersatz geben. Dieser gestalte sich komplizierter als bei der Aortenklappe, da die Klappe größer und die Verankerung schwieriger sei, erläuterte Baldus die Herausforderungen. Eine CE-zertifizierte Prothese habe gute 12-Monatsdaten bezüglich Reduktion der Insuffizienz und der NYHA-Klasse gezeigt. Nachteilig sei der transapikale Zugangsweg. Baldus zeigte sich optimistisch, dass bald eine Alternative mit transseptalem Zugangsweg entwickelt wird.  

Neue Optionen für die Trikuspidalklappe 

Die Trikuspidalklappeninsuffizienz wurde bisher wenig beachtet. Dabei hat sie eine „erschreckend schlechte Prognose“, weniger als 40% der Patienten überlebe die nächsten 10 Jahre, berichtete Baldus. Die Sterblichkeit der chirurgischen Therapie bei isoliertem Klappendefekt liegt bei 8% bis 10%, sodass kathetergestützte Techniken auch hier dringend benötigt werden.

Derzeit werden in Deutschland ca. 1.000 derartige Eingriffe im Jahr durchgeführt. Im Einsatz sind unter anderem das Cardioband-Verfahren, welches den Klappenring rafft, sowie die Clip-Therapie, mit der die Insuffizienz zumindest deutlich reduziert werden kann. Erste Registerdaten deuten an, dass die interventionellen Therapien auch prognostisch wirksam sein könnten. In naher Zukunft werden randomisierte Vergleiche zwischen Klappenrekonstruktion und medikamentöser Therapie erwartet.

Literatur

Pressekonferenz der 87. Jahrestagung der DGK: Hot-Topics in der Kardiologie, 8. April 2021.

Otto CM, et al. 2020 ACC/AHA Guideline for the Management of Patients with Valvular Heart Disease: A Report of the American College of Cardiology/American Heart Association Joint Committee on Clinical Practice Guidelines. Circulation. 2021;143:e72–e227


Highlights

Kardiothek

Alle Videos der Kongressberichte, Interviews und Expertenvorträge zu kardiologischen Themen. 

Corona, COVID-19 & Co.

Aktuelle Meldungen zu SARS-CoV-2 bzw. zu der Lungenkrankheit COVID-19 finden Sie in diesem Dossier.

Aktuelles und Neues aus der Kardiologie

Bodenverschmutzung mit Herzerkrankungen assoziiert

Während Luftverschmutzung sich leichter beobachten und erforschen lässt, gibt es zu den gesundheitlichen Folgen von Bodenkontamination weniger Daten. Eine deutsche Übersichtsarbeit zeigt, wie Schadstoffe im Boden das Herz schädigen können.

So sicher und effektiv sind Sondenextraktionen in Deutschland

Die Entfernung von Schrittmacher- oder ICD-Elektroden kann eine große Herausforderung sein. Auskunft darüber, wie sicher und effektiv Eingriffe zur Sondenextraktion in Deutschland sind, geben Daten des nationalen GALLERY-Registers.

Sternotomie: Optimaler Start der kardiologischen Reha

Bedeutet ein früher Beginn des Rehabilitationstrainings nach einer Sternotomie ein Risiko für die Heilung oder eine schnellere Genesung, die Muskelabbau und Stürze verhindert? Eine kleine, randomisierte Studie liefert neue Daten dazu.

Aus der Kardiothek

Hätten Sie es erkannt?

Echokardiographischer Zufallsbefund. Was fällt auf?

Interventionelle Techniken bei Herzinsuffizienz: Bei wem, was und wann?

Für das Management von Herzinsuffizienz-Patienten stehen inzwischen auch interventionelle Techniken zur Verfügung, etwa ein intratrialer Shunt zur HFpEF-Therapie oder invasive Devices für die Fernüberwachung. Dr. Sebastian Winkler erklärt in diesem Video, wann der Einsatz solcher Techniken sinnvoll sein könnte, und was es dabei zu beachten gilt.

SGLT2-Hemmung bei Herzinsuffizienz: Mechanismen und pleiotrope Effekte

Inzwischen ist bekannt, dass SGLT2-Inhibitoren über die blutzuckersenkende Wirkung hinaus andere günstige Effekte auf das Herz und die Niere entfalten. Prof. Norbert Frey wirft einen kritischen Blick auf die Studienlage und erläutert daran, was über die Mechanismen der SGLT2-Hemmung tatsächlich bekannt ist.

Kardiothek/© kardiologie.org
Corona/© Naeblys / Getty images / iStock
Kardio-Quiz Juni 2022/© Stephan Achenbach, Friedrich-Alexander-Universität Erlangen
Vortrag vom BNK/© BNK | Kardiologie.org