Nachrichten 20.04.2022

Licht und Schatten in der Sekundärprävention nach Herzinfarkt

Wie steht es in Deutschland um die längerfristige leitliniengerechte Sekundärprävention nach einem Herzinfarkt. Aktuelle Informationen dazu liefert ein GULLIVE-R benanntes Großprojekt des DGK-Zentrums für kardiologische Versorgungsforschung.

Die koronare Herzerkrankung ist eine fortschreitende Krankheit, deren Progredienz allein durch eine Stentimplantation nach Herzinfarkt sicher nicht gestoppt wird – auch wenn viele Betroffene und selbst manche Ärztinnen und Ärzte das leider zu glauben scheinen. Um weitere kardiovaskuläre Ereignisse zu verhindern, bedarf es einer leitliniengerechten Sekundärprävention, die mehr als eine nur kurzfristige Behandlungsstrategie sein sollte.

Dazu, wie es in der „realen Welt“ in Deutschland um die Versorgung von Patientinnen und Patienten mehr als zwölf Monate nach einem Infarktereignis bestellt ist, gab es bislang kaum Daten. Aus diesem Grund hat das DGK-Zentrums für kardiologische Versorgungsforschung gemeinsam mit dem Bundesverband Niedergelassener Kardiologen (BNK) und dem Institut für Herzinfarktforschung das Projekt GULLIVE-R initiiert. Erste Ergebnisse hat Prof. Uwe Zeymer, Leitender Oberarzt an der Medizinische Klinik B des Klinikums Ludwigshafen, jetzt auf einer Pressekonferenz bei der DGK-Tagung 2022 in Mannheim vorgestellt.

Daten von rund 2.500 Infarktpatienten ausgewertet

An 150 Zentren in Deutschland sind zwischen Juli 2019 und Juni 2021 insgesamt 2.503 Patientinnen und Patienten mit Herzinfarkt (STEMI oder NSTEMI) in das Register aufgenommen worden. Mittels standardisierter Fragebögen wurden alle Teilnehmer hinsichtlich ihrer Therapie, der Lebensstilveränderungen, ihrer subjektiven Risikoeinschätzungen und ihrer Kenntnisse über die koronare Herzkrankheit befragen. Sechs Monate nach Studienaufnahme konnte die entsprechende Befragung bei 2.243 Teilnehmern (90%) wiederholt werden.

Als erfreuliches Ergebnis wertet Zeymer die hohe Rate an vorgenommenen Revaskularisationen mittels perkutaner Koronarintervention (92,9% bei STEMI, 80,6% bei NSTEMI) oder koronarer Bypass-OP (5,2% bei STEMI, 12,5% bei NSTEMI).

Positives zur medikamentösen Sekundärprävention

Zum Zeitpunkt der Aufnahme in die Studie sah es auch im Hinblick auf die medikamentöse Sekundärprävention recht gut aus. Maßstab war hier die Häufigkeit der Einnahme von fünf medikamentösen „Zielbausteinen“ (ASS, P2Y12-Hemmer, Statin, Betablocker und RAS-Blocker wie ACE-Hemmer, AT1-Blocker oder ARNI). Wie Zeymer berichtete, erhielten bei der ersten Erhebung immerhin rund 80% der Befragten vier oder fünf dieser prognoseverbessernden Medikamente.

Leider war dieser Anteil bei der zweiten Erhebung nach weiteren sechs Monaten auf nur noch etwas mehr als 50% geschrumpft. Bei 31% der Patienten bestand die Medikation nur noch aus drei, bei etwa 15% nur noch aus zwei Wirkstoffen. 

Zur Effektivität der Lipidkontrolle präsentierte Zeymer folgende Zahlen: Einen LDL-Zielwert von unter 70 mg/dl wiesen bei Studieneinschluss 36% der Teilnehmer auf, den neuen und noch strikteren LDL-Zielwert von unter 55 mg/dl erreichten nur 16%.

Der systolische Blutdruck lag bei 36,8% der Teilnehmer unter dem Zielwert von 130 mmHg und bei 22,8% im Bereich zwischen 130 bis 139 mmHg. Der Blutdruck wurde von der Mehrheit (rund 70%) regelmäßig selbst gemessen. Ein Drittel gab an, mindestens drei Mal 30 Minuten pro Woche sportlich aktiv zu sein. Etwa die Hälfte berichtete, Umstellungen in der Ernährung vorgenommen zu haben.

Bedenkliche Fehleinschätzungen bzgl. des Rezidivrisikos

Bedenklichere Diskrepanzen zeigten sich, so Zeymer, allerdings beim Vergleich der eigenen Risikoeinschätzung durch die Patienten mit dem tatsächlichen, anhand des TRS2P-Scores (TIMI Risk Score for secondary Prevention) ermittelten objektiven Risiko. So waren 36,9% aller befragten Infarktpatienten der Meinung, dass ihr Risiko für einen erneuten Herzinfarkt gering sei. Immerhin 32,1% der behandelnden Ärztinnen und Ärzte teilten diese Einschätzung. Legt man jedoch den TRS2P-Score zugrunde, war de facto nur bei 7,1% von einem niedrigen Risiko auszugehen.

Als hoch schätzten nur 7,1% der befragten Patienten und 11,4% ihrer Ärzte das Rezidivrisiko ein. Der TRS2P-Scores korrigiert diese Einschätzung allerdings in erheblichem Maß: Denn danach hatten in Wahrheit 34% ein hohes Risiko.

Plädoyer für bessere Aufklärung

Defizite sieht Zeymer auch bei den Kenntnissen der Betroffenen über ihre Erkrankung. So fühlten sich 87,7% ausreichend über die koronare Herzkrankheit informiert. Allerdings kannten nur 15,7% den richtigen LDL-Zielwert und 38,5% den richtigen Zielblutdruck. Auch war nur 21% ihr eigener LDL-Cholesterinwert bekannt, während 72,4% meinte, dieser liege im empfohlenen Bereich.

Nach Ansicht von Zeymer zeigen diese Ergebnisse, dass „unbedingt zielgerichtete und breit angelegte Kampagnen zur Aufklärung der von koronarer Herzkrankheit betroffenen Menschen dringend notwendig sind. Gleichzeitig müssen wir die Informationen und Ausbildungsangebote für Ärztinnen und Ärzte verbessern, die diese Menschen versorgen“.

Literatur

Eröffnungspressekonferenz zur 88. DGK-Jahrestagung 2022, 20. – 23. April 2022, Mannheim

Highlights

Myokarditis – eine tödliche Gefahr

In der vierten Ausgabe mit Prof. Andreas Zeiher geht es um die Myokarditis. Der Kardiologe spricht über Zusammenhänge mit SARS-CoV-2-Infektionen und COVID-19-Impfungen und darüber, welche Faktoren über die Prognose entscheiden.

Podcast: Plötzlicher Herztod im Sport

In der dritten Ausgabe mit Prof. Martin Halle geht es um den Plötzlichen Herztod im Sport. Warum trifft es ausgerechnet Leistungssportler, warum überwiegend Männer? Und gibt es einen Zusammenhang mit SARS-CoV-2-Infektionen?

Aktuelles und Neues aus der Kardiologie

Familiäre Hypercholesterinämie: Guter Lebensstil kann „schlechte“ Gene kompensieren

Auch für Menschen mit einer familiären Hypercholesterinämie lohnen sich Lebensstilmaßnahmen, bekräftigt eine aktuelle Analyse. Denn das erhöhte Herzrisiko durch „schlechte Gene“ kann offenbar durch einen guten Lebensstil abgeschwächt werden.

Hilft eine Ablation auch gegen Reflexsynkopen?

Es gibt kaum wirksame Therapien gegen vasovagale Synkopen. Jetzt hat eine spezielle Ablationsprozedur in einer randomisierten Studie Wirkung gezeigt, das macht Hoffnung – zumindest für eine gewisse Patientenpopulation.

Vorhofflimmern: Ablation hilft Männern und Frauen gleichermaßen

Im Fall von Vorhofflimmern machen die Symptome Frauen zumeist mehr zu schaffen als Männern. Wie bei Männern verbessert eine Katheterablation auch bei Frauen die Lebensqualität in stärkerem Maß als eine medikamentöse Therapie, zeigt eine neue Analyse der CABANA-Studie.

Aus der Kardiothek

Therapie der akuten Herzinsuffizienz – Wann und womit starten

Nach Dekaden des Stillstandes wurden in der letzten Zeit einige Fortschritte in der Therapie der Herzinsuffizienz gemacht. Welche das sind, und wie diese in der Praxis umgesetzt werden sollten, erläutert Prof. Christine Angermann in diesem Video.

Hypertonie und Dyslipidämie - einfach gemeinsam behandeln

Hypertonie und Hypercholesterinämie treten oft gemeinsam auf. Prof. Ralf Dechend stellt in diesem Video neue Strategien zum Umfang mit diesen kardiovaskulären Risikofaktoren vor.

Systematisches Vorhofflimmern-Screening in Risikopopulation: sinnvoll und machbar

Wearables eröffnen ganz neue Perspektiven für das Vorhofflimmern-Screening. Doch wie sinnvoll ist der Einsatz eines solchen Screenings? Und inwiefern können Patienten davon tatsächlich profitieren? Prof. Ralf Birkemeyer gibt Antworten.

Podcast-Logo/© Springer Medizin Verlag GmbH (M)
Podcast-Logo
kardiologie @ home/© BNK | Kardiologie.org