Nachrichten 02.05.2022

So kann die Digitalisierung im Gesundheitswesen gelingen

Wie lässt sich Versorgungsforschung mit den modernen digitalen Möglichkeiten in der Medizin realisieren? Zum Beispiel mit einer App, wie CardioCoach, in die Patienten ihre Daten selbst eingeben.

Strukturell gibt es zwei Digitalisierungsansätze im Gesundheitswesen: Einerseits die Digitalisierung, die im GKV-Bereich bzw. im deutschen Gesundheitswesen von Gesetz wegen stattfindet mit entsprechenden IT-Standards und Vorgaben, erläutert Dr. Simon Glück, Geschäftsführer BNK Service GmbH, München. Andererseits existiert eine parallel verlaufende Digitalisierung, die den zweiten und dritten Gesundheitsmarkt umfasst. Dieses Feld versuchen viele kleine und größere Player zu besetzen und zu gestalten. Hier orientieren sich die gesetzlichen IT-Standards eher am wirtschaftlichen Gestaltungsspielraum. Anwendungen aus beiden Bereichen finden sich sowohl in Praxen als auch in Kliniken.

Inhaltlich will die Digitalisierung im GKV-Bereich des Gesundheitswesens die verschiedenen Institutionen miteinander vernetzen, um Daten austauschen zu können – Stichwort Digitalisierung 3.0 / Sektorale oder institutionelle Integration. Hier wird es um Automatisierung gehen und um mehr interdisziplinäre digitale Zusammenarbeit.

Digitalisierung 4.0

Auf der anderen Seite sieht Glück die Digitalisierung 4.0 mit einer eher pfadabhängigen Vernetzung oder „Patient Journey“. Es werden digital gesteuerte Projekte entstehen ebenso wie mehr Monitoring und Support zwischen den einzelnen Sektoren und vermutlich wird sich die 1:1 Arzt-Patienten-Beziehung aufweichen. Ein Szenario ist, dass sich eine ganze Patientengruppe über ein digitales System steuern lässt, sowohl was medizinische Parameter und Grenzwerte angeht als auch die Edukation und das gesundheitsförderliche Verhalten. Es wird auch viel mehr Patientenbeteiligung geben.

Arztberichte, Labor- und Röntgenbefunde werden von der App erfasst

Diesem Szenario sind wir im Bundesverband Niedergelassener Kardiologen (BNK) gefolgt, schildert Glück, und haben die CardioCoach App (https://www.bnk-cardiocoach.de/#/) entwickelt.

Gesundheitsdaten wie Arztberichte, Labor- und Röntgenbefunde, Patientenausweise, Vitaldaten (Blutdruck, Puls, Körpergewicht) und Medikation werden vom Patienten in CardioCoach erfasst und stehen dann für den Arztbesuch stets aktuell zur Verfügung. Die Daten können aus verschiedenen Quellen stammen wie Klinikaufenthalten oder Fach-Arztuntersuchungen oder es werden Medikamente aus dem Selbstmedikationsbereich eingegeben. Das alles kann in der App durch den Patienten zentral gespeichert und erfasst werden. Die CardioCoach App steht allen Ärzten, allen Krankenhäusern und allen Patienten kostenfrei zur Verfügung.

Die Daten können auch für die Versorgungsforschung verwendet werden. In einigen Projekten wird das in der App enthaltene Forschungsmodul bereits genutzt. Es ermöglicht die Datenerhebung zu allen in der App gespeicherten Parametern und auch zusätzliche Patientenbefragungen zu patientenrelevanten Endpunkten, wie Symptome, Adhärenz, gesundheitsbezogene Lebensqualität, Therapiezufriedenheit oder psychosozialer Stress.

Ganz wichtig dabei ist, dass die Patientinnen und Patienten diese Technologie auch nutzen wollen, denn schließlich sind sie die Datengeber. So gedacht, bietet die Digitalisierung neue Wege, Versorgungsforschung anders und neu zu gestalten.

Literatur

Glück S: Digitale Perspektive der BNK Versorgungsforschung; DGK-Jahrestagung 2022, 20. – 23. April, Mannheim

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