Nachrichten 20.04.2022

Kardiologen fordern routinemäßiges Herz-Kreislauf-Screening

Routinemäßige Früherkennungsuntersuchungen für Krebserkrankungen sind in Deutschland fest etabliert. Für Herz-Kreislauf-Erkrankungen gibt es entsprechendes nicht. Der DGK-Präsident plädiert dafür, dieses Potenzial besser zu nutzen.

Zu viele Chancen sind in der Herz-Kreislauf-Versorgung noch ungenutzt – darauf machte Prof. Stephan Baldus, amtierender DGK-Präsident, in einer Pressekonferenz anlässlich der diesjährigen DGK-Jahrestagung aufmerksam.

Nationale Herz-Kreislauf-Strategie gefordert

Um die teils schon vorhandenen Strukturen bzw. Techniken besser nutzen zu können, setzt sich der Kardiologe von der Uniklinik Köln für die Umsetzung einer nationalen Herz-Kreislauf-Strategie ein. Deren Entwicklung habe man bereits während der Koalitionsgespräche begleitet (die DGK hat dazu ein Positionspapier publiziert). Jetzt sei es an der Zeit, aktiv zu werden, so Baldus. Denn noch immer stellen Herz-Kreislauf-Erkrankungen die Todesursache Nummer eins in Deutschland dar. Das Bewusstsein für die von diesen Erkrankungen ausgehenden Gefahren ist in der Bevölkerung allerdings gering. Eine gewisse Fehlwahrnehmung spiegelt sich auch in der Forschungsförderung wider. „Die kardiovaskuläre Forschung erhält nur einen Bruchteil - konkret ein Siebtel - von dem, was für die Krebsforschung ausgegeben wird“, führte Baldus aus.

Vorhandene Potenziale besser nutzen

Mit einer nationalen Herz-Kreislauf-Strategie, so das Ziel, soll die Herz-Kreislauf-Medizin mehr in den öffentlichen und politischen Fokus gerückt werden. Beim DGK-Kongress nannte Baldus vier Aspekte, die sich durch eine solche Strategie verbessern sollen:

  1. Forschungsförderung,
  2. Telemedizinische Versorgungsstruktur/Digitalisierung, 
  3. leitliniengerechte Behandlung,
  4. Prävention und Früherkennung.

Herz-Check ab 50 Jahren

Was die Früherkennung betrifft, verwies Baldus auf ein existentes Ungleichgewicht im Management von onkologischen Erkrankungen und Herz-Kreislauf-Erkrankungen. So sind Screeningmaßnahmen für Tumorerkrankungen in Deutschland inzwischen fester Bestandteil der Regelversorgung. Einen routinemäßigen Herz-Check gibt es aber nicht. Nicht verwunderlich also, dass beispielsweise die familiäre Hypercholesterinämie als wichtiger kardiovaskulärer Risikofaktor in Deutschland deutlich unterdiagnostiziert ist.

Baldus fordert deshalb ein Umdenken: „Wir sprechen uns für die Etablierung eines regelhaften Herz-Kreislauf-Check ab 50 Jahren aus“, konkretisiert der Kardiologe in einer DGK-Pressemitteilung eine Forderung der DGK. Das Potenzial solcher Screeningmaßnahmen sei höher als beispielsweise das eines Brustkrebs- oder Darmkrebs-Screenings, deren Sinnhaftigkeit niemand wirklich anzweifele. So liegt die Number Needed to Screen für ein Brustkrebs-Screening, um einen Todesfall innerhalb von fünf Jahren zu verhindern, bei 2.741. Im Falle eines Dyslipidämie-Screenings müssten nur 418 und beim Hypertonie-Screening 780 Patientinnen und Patienten untersucht werden, um einen Todesfall zu verhindern.

Impfquote bei Grippe viel zu niedrig

Mit Blick auf die Behandlung von Herzpatienten sieht Baldus großen Nachholbedarf in puncto Grippeschutzimpfung. Studien wie IAMI oder IVVE belegen den prognostischen Nutzen einer Influenza-Impfung bei Herzinfarkt- und Herzinsuffizienzpatienten. Die STIKO empfiehlt die Impfung für ältere Menschen sowie Patientinnen und Patienten, die an chronischen Erkrankungen leiden. Trotz allem ist die Impfquote in Deutschland in solchen Risikogruppen ziemlich schlecht. „Bestenfalls liegt sie bei 50 Prozent“, bemängelte Baldus.

Eine Unterbehandlung existiert auch bei Herzinsuffizienzpatienten, Studien zufolge stellt sie ein „globales Problem“ dar, wie Baldus erläuterte. Und auch die sekundärpräventive Therapie von Herzinfarktpatienten ist in Deutschland ausbaufähig, wie neueste Daten des GULLIVE-R-Projekts, die Prof. Uwe Zeymer im Anschluss an Baldus Präsentation vorstellte, offenlegen.

Telemonitoring besser etablieren

Ein weiteres, oft noch ungenutztes Potenzial liegt in der Telemedizin. Auch hier gibt es Studien, die den Nutzen entsprechender Techniken belegen: etwa die TIM-HF2-Studie von Köhler et al. die gezeigt hatte, dass ausgewählte Herzinsuffizienzpatienten von einer telemedizinischen Überwachung prognostisch profitieren. Oder die bereits 2014 publizierte IN-TIME-Studie von Hindricks et al., in der ein Implantat-basiertes Telemonitoring bei HFrEF-Patienten mit ICD/CRT-Implantaten das Sterberisiko deutlich reduzieren konnte. An der konkreten Umsetzung gehapert hat es bisher oftmals, weil Vergütungsoptionen fehlten. In dieser Hinsicht hat sich etwas getan: Seit diesem Jahr ist Telemonitoring bei Herzinsuffizienzpatienten abrechenbar.

Literatur

Eröffnungspressekonferenz zur 88. DGK-Jahrestagung 2022, 20. – 23. April 2022, Mannheim

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Kardio-Quiz September 2022/© Luise Gaede, Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg
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