Nachrichten 27.10.2020

Was gibt’s Neues bei der KHK?

Therapieoptionen gegen den Radialisverschluss, neue Konzepte für die FFR-Messung, Grenzwerte für hochsensitives Troponin nach Herz-OPs, Relevanz von Plaque-Ulzerationen – im Rahmen einer Young Investigator Award-Sitzung wurden neueste Erkenntnisse zum KHK-Management vorgestellt, durchaus mit praktischen Konsequenzen.

Mit dem DGK Young Investigator Award werden die Arbeiten junger Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen gewürdigt. Bei dem Themenkomplex koronare Herzerkrankung gab es insgesamt vier Preisträger, die bei der DGK-Jahrestagung/Herztage ihre Arbeiten vorgestellt haben.

1. Diagnostische Genauigkeit der FFRangio (1. Preis)

Aktueller Goldstandard bei der hämodynamischen Beurteilung von Koronarstenosen ist die invasive Messung der fraktionellen Flussreserve (FFR). Dr. Fabian Ammon aus Erlangen stellte bei seinem Vortrag ein neues Konzept vor, bei dem sich die FFR durch eine 3D-Rekonstruktion angiografischer Bilder simulieren lässt, kurz FFRangio genannt. Die Diagnostik-Methode kann also während einer routinemäßigen Angiografie zum Einsatz kommen, ohne dass eine zusätzliche Druckdrahtmessung notwendig ist.

In der von Ammon vorgestellten Studie ist die diagnostische Genauigkeit der neuen Methode an 140 Gefäßen evaluiert worden. Die FFRangio wurde zum einen anhand enddiastolischer Aufnahmen (diastolische FFRangio) bestimmt – so wie es aktuell empfohlen wird – und deren Genauigkeit mit einer üblichen FFR-Messung verglichen. Zum anderen gab es einen Vergleich zwischen Standard-FFR und FFRangio, deren Befunde auf endsystolischen Angiogrammen basierte (systolische FFRangio).

Im Vergleich zur üblichen invasiven FFR-Messung schlug sich die diastolische FFRangio mit einer Sensitivität von 72,5% und einer Spezifität von 93% gut. Dagegen lag die Sensitivität der systolischen FFRangio gerade mal bei 45%, bei einer Spezifität von 94%. „Bei der simulierten FFR ist es somit wichtig, enddiastolische Angiogramme zu verwenden, um eine möglichst hohe diagnostische Genauigkeit zu gewährleisten“, fasste Ammon die praktische Konsequenz der Ergebnisse zusammen.

2. Was hochsensitives Troponin nach Herz-OPs aussagt (2. Preis)

Während einer Herz-Operation steigt das hochsensitive Troponin an, das ist normal. Doch ab welchen Werten ist der Anstieg bedenklich und eine Intervention angebracht? Dr. Hazem Omran und sein Team haben retrospektiv über 14.000 Patientendaten ausgewertet und auf deren Basis nach geeigneten Grenzwerten gesucht. Die optimalen Cutoff-Werte für ein erforderliches Eingreifen mit invasiver Angiografie seien beträchtlich höher gewesen, als diese von den aktuellen Leitlinien angegeben werden, resümierte der Kardiologe aus Bad Oeynhausen. Wahrscheinlich deshalb, weil die damals festgelegten Cutoff-Werte auf früheren Troponinmessungen basierten bzw. oder recht willkürlich festgelegt worden seien.

Konkret hat bei isolierten Bypass-Operationen ein hs-cTnI-Wert über dem 460-Fachen des oberen Referenzwertes (12.000 ng/L) die beste diagnostische Aussagekraft geliefert mit Blick auf die Notwendigkeit einer Intervention. Bei anderen Operationen am Herzen hat sich das 900-Fache des oberen Referenzwertes als geeigneter Grenzwert herauskristallisiert (ausgenommen Eingriffe mit Kryoablationen, weil es hier zu extrem hohen Troponin-Anstiegen kam). Die negativen prädiktiven Werte waren in beiden Fällen sehr gut (99,7% und 99,8%). Deshalb könnten sich diese Cutoff-Werte Omran zufolge für das Rule-Out von Patienten eignen. Sprich, wenn der hs-cTnI-Wert unterhalb des Cutoffs liegt, ist eine invasive Angiografie ziemlich sicher nicht erforderlich. Für die Indikationsstellung zur Koronarangiografie reiche der Troponin-Wert allein aufgrund seines niedrigen positiven prädiktiven Werts allerdings nicht aus, gab Omran zu bedenken. Bei dieser Entscheidung sollten noch weitere Diagnostik-Befunde wie EKG und Bildgebung einbezogen werden.

Als „große Schwäche“ der Studie bezeichnete der Kardiologe die fehlende Kontrollgruppe, die Grenzwerte wurden also nicht an einer externen Kohorte validiert.

3. Antithrombotische Strategie bei Radialisverschlüssen (2. Preis)

Wie häufig kommt es im Rahmen einer perkutanen Koronarintervention (PC) zu einem Verschluss der A. radialis? Eine neue Studie, die Dr. Julia Schlosser bei der Session präsentierte, legt nahe, dass sich in dieser Hinsicht in Deutschland in den letzten Jahren einiges verbessert hat. Denn: Mit einer Rate von 4,6% kam ein Radialisverschluss deutlich seltener vor als in früheren Studien und als die Wissenschaftler erwartet hatten.

Von einem Radialisverschluss betroffen waren vor allem jüngere, schlankere Frauen, die rauchen, berichtete Schlosser, weshalb auf diese Patientenpopulation besonders zu achten sei. Im Rahmen der Studie, an der gut 2.000 Patienten teilgenommen haben, haben die Wissenschaftler vom Universitäts-Herzzentrum Freiburg-Bad Krozingen darüber hinaus evaluiert, wie gut antithrombotische Behandlungsstrategien bei einem A. radialis-Verschluss wirken.

Wie Schlosser berichtete, ist die Wiederöffnungsrate prinzipiell „schlecht“ gewesen: Nach 30 Tagen kam es bei knapp einem Drittel der Patienten, bei denen nach der PCI ein Radialisverschluss festgestellt worden war, zu einer Reperfusion des Gefäßes. Etwas besser war die Wiederöffnungsrate mit 32% tatsächlich, wenn man nur die Patienten betrachtet, die im Anschluss an die PCI eine orale Antikoagulation (OAK) erhalten haben. Ohne OAK lag die Rate bei gerade mal 13%. 

Aufgrund des nicht-randomisierten Designs und der geringen Ereignisraten ist die Aussagekraft der Studie bzgl. der Effektivität einer oralen Antikoagulation bei Radialisverschlüssen allerdings eingeschränkt.

4. Bedeutung von Plaque-Ulzerationen (2. Preis)

Plaque-Ulzerationen, also sichtbare Aussackungen der Läsionen in die Gefäße, sind bei einem Viertel alle Patienten mit akutem Koronarsyndrom (ACS) in der optischen Kohärenztomografie (OCT) festzustellen, wie Claudio Seppelt aus Berlin bei der Session berichtete. Ziel der von ihm vorgestellten OPTICO-ACS-Studie war es, dieses Plaque-Feature und damit einhergehende Zusammenhänge genauer zu charakterisieren.

Dabei stellte sich heraus, dass Plaque-Ulzerationen vor allem bei den Läsionen vorzufinden waren, die durch eine Plaque-Erosion ein ACS verursacht haben (in 63% der Fälle). Zudem fanden sich solche Aussackungen prinzipiell fast ausschließlich in Culprit-Lesions, also in den infarktverantwortlichen Arterien. In den sog. nicht-Culprit-Lesions fanden die Wissenschaftler nur in 4,5% der Fälle Plaque-Ulzerationen im OCT vor.

Eine Plaque-Ulzeration stelle somit einen potenziellen Marker für die Vulnerabilität einer Plaque-Erosion dar, lautete das Fazit Seppelts. Die Einbindung dieses Faktors zu anderen Vulnerabilitäts-Markern wie fibröse Kappe, Lipidkern, Makrophagen und Mikrokalzifikationen könnte seiner Ansicht nach die Vorhersagekraft für ein durch Plaque-Erosion entstehendes ACS verbessern. Was generell die Identifikation von Culprit-Lesions betrifft, hatte die zusätzliche Einbeziehung der Plaque-Ulzeration allerdings kaum Auswirkungen auf den prädiktiven Wert. Sprich, typische Charakteristika wie Lipidkern und Co sind bereits gute Prädiktoren für eine vulnerable Plaque, sodass die Plaque-Ulzeration die Vorhersagekraft kaum mehr beeinflussen kann.


Info 

Alle Vorträge von der DGK-Jahrestagung/Herztagen können Sie unter folgendem Link weiterhin on demand anschauen: https://dgk.meta-dcr.com/jtht2020/

Literatur

Young Investigator Award Sitzungen: Koronare Herzerkrankung, 15. Oktober bei der 86. Jahrestagung und Herztage 2020

Neueste Kongressmeldungen

Reanimation bei Herzstillstand: Frühe ECMO erhöht Überlebensrate

Durch frühe Einbindung der extrakorporalen Membranoxygenierung (ECMO) in die kardiopulmonale Reanimation bei Patienten mit Herzstillstand und refraktärem Kammerflimmern werden deren Überlebenschancen deutlich verbessert, legen Daten einer randomisierten Studie nahe.

Expertenstreit: Ist positive Fischöl-Studie in Wirklichkeit „falsch positiv“?

Die Supplementierung von Omega-3-Fettsäuren (“Fischöl”) hat als kardiovaskuläre Präventionsstrategie in Studien erneut enttäuscht. Daran hat sich eine Kontroverse über eine Ausnahme-Studie entzündet, der zufolge diese Strategie von hohem kardioprotektiven Nutzen ist.

Neuer Lipidsenker wirkt, wenn nichts mehr zu wirken scheint

Was tun, wenn das LDL-Cholesterin selbst unter PCSK9-Inhibitoren nicht den Zielwert erreicht? Ein neuer Lipidsenker könnte bei einer solchen refraktären Hypercholesterinämie womöglich die letzte Option sein.   

AHA-Kongress 2020

Ein virtueller Kongress ist mittlerweile schon fast nichts ungewöhnliches mehr. Von der diesjährigen Tagung der American Heart Association (AHA) gibt es aber trotz allem einiges ungewöhnliches und spannendes zu berichten. 

Neueste Kongresse

AHA-Kongress 2020

Ein virtueller Kongress ist mittlerweile schon fast nichts ungewöhnliches mehr. Von der diesjährigen Tagung der American Heart Association (AHA) gibt es aber trotz allem einiges Ungewöhnliches und Spannendes zu berichten. 

DGK Jahrestagung und Herztage 2020

Alle Vorträge der DGK Jahrestagung und Herztage 2020 sind weiterhin on demand für DGK-Mitglieder kostenfrei zugänglich. Auch mit Ihrem Online-Ticket können Sie weiterhin auf alle Vorträge unbeschränkt zugreifen. 
Und wir haben für Sie die wichtigsten Studien und Neuigkeiten redaktionell zusammengefasst. 

TCT-Kongress 2020

Die weltgrößte Fortbildungsveranstaltung für interventionelle Kardiologie fand dieses Jahr virtuell vom 14.–18.10. 2020 statt. Ausgewählte Highlights finden Sie in diesem Kongressdossier. 

Live-Quiz EKG – melden Sie sich jetzt kostenlos an

Wie gut kennen Sie sich mit dem EKG aus? Und was machen Sie, wenn Sie einen auffälligen Befund vor sich haben? Testen Sie Ihr Wissen in unserem interaktiven Live-Quiz EKG am Mittwoch, 09.12.2020, um 17:00 Uhr auf Kardiologie.org. 
Dr. Martin Neef vom Universitätsklinikum Leipzig stellt Ihnen verschiedene EKG-Befunde vor. Stimmen Sie live für die richtige Antwort ab oder stellen Sie Ihre Fragen im Chat – alles natürlich anonym. Melden Sie sich jetzt kostenlos an, die Plätze sind begrenzt!

Highlights

DGK-Kongress to go

DGK.Online 2020 – der Online-Kongress der DGK: Damit Sie auch in Zeiten eingeschränkter Versammlungs- und Reiseaktivitäten immer auf dem aktuellen Stand sind. Sehen Sie Vorträge zu aktuellen Themen von führenden Experten - wann und wo immer Sie wollen.  

Corona, COVID-19 & Co.

Die Ausbreitung des Coronavirus hat einschneidende Folgen auch für die Herzmedizin. Aktuelle Meldungen zu SARS-CoV-2 bzw. zu der Lungenkrankheit COVID-19 finden Sie in diesem Dossier.

Aktuelles und Neues aus der Kardiologie

Herzstillstand beim Fußballschauen – wenn's nicht der Herzfehler war, was dann?

Ein 55-jähriger Mann erleidet einen Herzstillstand, während er ein aufregendes WM-Spiel verfolgt. Die Ärzte verdächtigen zunächst einen zufällig entdeckten seltenen Herzfehler – doch die wahre Ursache liegt wo ganz anders.

Neuer Risikofaktor für Herzinsuffizienz entdeckt

Eine ATTR-Kardiomyopathie wird häufig spät erkannt, obwohl eine frühe Diagnose essenziell für die Prognose der Patienten ist. Wissenschaftler haben nun einen Biomarker gefunden, der eine frühe Diagnostik erleichtern könnte.

Reanimation bei Herzstillstand: Frühe ECMO erhöht Überlebensrate

Durch frühe Einbindung der extrakorporalen Membranoxygenierung (ECMO) in die kardiopulmonale Reanimation bei Patienten mit Herzstillstand und refraktärem Kammerflimmern werden deren Überlebenschancen deutlich verbessert, legen Daten einer randomisierten Studie nahe.

Aus der Kardiothek

Neue Vorhofflimmern-Leitlinie und ihre Implikationen für die Praxis

Erst kürzlich sind die ESC-Leitlinien zum Management von Vorhofflimmern aktualisiert worden. Prof. Christian Meyer vom Evangelisches Krankenhaus Düsseldorf gibt in diesem Webinar einen kurzen Überblick über die wichtigsten Aspekte.

Zepter und Krone – oder was sehen Sie auf dem Bild?

Kardiale Computertomographie, 3-dimensionale Rekonstruktion im „Metallfenster“. Was ist zu sehen?

Kardio-MRT bei 70-Jährigem – was hat der Patient?

Kardio-MRT bei 70-jährigem Patienten mit Darstellung einer kurzen Achse im mittventrikulären Bereich. Was ist zu sehen?

Bildnachweise
AHA-Kongress 2020
AHA-Kongress 2020 virtuell
Jahrestagung und Herztage (virtuell)/© DGK
TCT 2020 virtuell
EKG-Quiz/© [M] Syda Productions / stock.adobe.com
DGK.Online 2020/© DGK
Corona/© Naeblys / Getty images / iStock
Webinar Prof. Christian Meyer/© Springer Medizin Verlag GmbH
Kardiale Computertomographie/© Stephan Achenbach, Friedrich-Alexander-Universität Erlangen
Kardio-MRT (CMR, Late Gadolinium Enhancement PSIR)/© Mohamed Marwan, Friedrich-Alexander-Universität Erlangen