Nachrichten 05.09.2016

Kardiologische Bildgebung im „Kopf an Kopf“-Rennen

In der PACIFIC-Studie ist in einem „Kopf-an-Kopf“-Rennen die komplette kardiale radiologische Diagnostik, welche mit ionisierenden Strahlen arbeitet, zur Prüfung ihrer Genauigkeit beim Nachweis koronarer Ischämien gegen die invasive Koronarangiografie inklusive FFR-Messungen angetreten.

Die Koronarangiografie ist nach wie vor eine der am häufigsten durchgeführten invasiven diagnostischen Maßnahmen. Die Rate der unauffälligen Ergebnisse variiert je nach Quelle, ist aber schlussendlich immer noch zu hoch. Deshalb sind in den letzten Jahren zunehmend nicht invasive bildgebende Stresstests in den Vordergrund gerückt, um die Anzahl rein diagnostischer invasiver Koronarangiografien, die ohne direkte therapeutische Konsequenz bleiben, zu reduzieren.

Angefangen mit dem Belastungs-EKG über Stressechokardiografie und Stress-Kardio-MRT stehen nicht invasive Funktionstest zur Verfügung, die ohne ionisierende Strahlung mit guter bis sehr guter Sensitivität und Spezifität eine relevante Myokardischämie nachweisen oder ausschließen können. Darüber hinaus sind radiologische Techniken wie die Single Photonen Emission Computertomografie (SPECT), die Positronen-Emissionstomografie (PET) und die CT-Koronarangiografie (CTCA) zur Funktionsdiagnostik bzw. koronaren Bildgebung verfügbar.

Vier Tests plus Hybridbildgebung im Vergleich

Während die CTCA aufgrund der rasanten technischen Verbesserung der Bildqualität und breiteren Verfügbarkeit in den letzten Jahren zunehmend an Stellenwert in der Koronardiagnostik gewonnen hat, haben Myokardszintigrafie und PET in der kardialen Ischämiediagnostik aufgrund der oben aufgelisteten Alternativen ohne ionisierende Strahlung an Bedeutung verloren.

Ziel der PACIFIC-Studie war, die Genauigkeit von CTCA, SPECT und PET im Vergleich zur Koronarangiografie mit FFR (fractional flow reserve)-Messung zu untersuchen. Ferner sollte überprüft werden, ob eine kardiale Hybridbildgebung einen Zusatznutzen bringt.

Eingeschlossen wurden Patienten mit Verdacht auf eine koronare Herzerkrankung und mittlerer Prä-Test-Wahrscheinlichkeit, die eine Indikation zur Koronarangiografie hatten. Bei allen Patienten wurde an Tag 1 ein CT-Kalzium-Score, eine CTCA, ein Ruhe- und Adenosin-Stress-PET und ein Adenosin-Stress-SPECT durchgeführt. An Tag 2 folgte dann die Ruhe-SPECT-Aufnahme und die invasive Koronarangiografie mit FFR-Messung. Bei einigen Patienten wurden zusätzliche Hybridbildgebungen durchgeführt.

PET an der Spitze

Von den 208 eingeschlossenen Patienten boten 44 % bei der Koronarangiografie plus FFR-Messung eine hämodynamisch relevante koronare Herzerkrankung. Im Vergleich zum Goldstandard Koronarangiografie zeigte von den nicht invasiven Tests das PET-Verfahren mit 85 % die größte Genauigkeit beim Nachweis einer KHK, gefolgt von SPECT (77 %; p < 0,01) und CTCA (74 %; p < 0,01). Die Sensitivität lag bei 87 % für PET, 90 % für CCTA, und 57 % für SPECT, wobei die Spezifität bei 60, 94 und 84 % lag. Die Hybridverfahren CCTA/SPECT oder CCTA/PET verbesserten die Genauigkeit nicht weiter, sondern führten zu einem Anstieg der falsch negativen und Abfall der falsch positiven Ergebnisse (p < 0,001).

Limitierungen der Studie

Insgesamt weist diese Studie einige erhebliche Probleme auf. Zum einen sind die präsentierten Ergebnisse bereits aus vielen, zum Teil schon Jahrzehnte alten Studien, bekannt. Des Weiteren sind an jedem Patienten mindestens vier verschiedene bildgebende Verfahren mit ionisierender Strahlung durchgeführt worden – und das in einem Zeitalter, in dem verlässliche Funktionstests ohne ionisierende Strahlung wie Stressechokardiografie und Stress-MRT zur Verfügung stehen. Abgesehen davon ist die PET-Diagnostik kaum verfügbar und daher eher von rein akademischem Interesse.


Der Autor, PD Dr. Stefan Perings, ist geschäftsführender Herausgeber von „kardiologie.org". Er arbeitet als niedergelassener Kardiologe und Partner im CardioCentrum Düsseldorf sowie in der Klinik für Kardiologie, Pneumologie und Angiologie des Universitätsklinikums Düsseldorf. Seit 2012 ist er stellvertretender Bundesvorsitzender des Bundesverbandes Niedergelassener Kardiologen (BNK) und Mitglied der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie. 

Literatur

Präsentation beim ESC Kongress, 27.–31. August 2016 in Rom
Ibrahim Danad für die PACIFIC-trial Investigators

Highlights

Das Live-Kongress-Angebot der DGK

Jetzt wieder da: Sichern Sie sich den Zugang zu allen zertifizierten Vorträgen von DGK.Online 2021.

Corona, COVID-19 & Co.

Aktuelle Meldungen zu SARS-CoV-2 bzw. zu der Lungenkrankheit COVID-19 finden Sie in diesem Dossier.

Aktuelles und Neues aus der Kardiologie

Kabelloser Herzschrittmacher auch längerfristig mit Vorteilen

Ein kabelloser VVI-Herzschrittmacher („leadless pacemaker“) war in einer großen „Real-World“-Studie auch nach zwei Jahren im Vergleich zu konventionellen transvenösen Einkammer-Schrittmachern mit einer deutlich niedrigeren Rate an Komplikationen assoziiert.

Kein erhöhtes Herzinfarkt-Risiko nach COVID-19-Impfung

Es werden Gerüchte verbreitet, dass die mRNA-Impfung gegen COVID-19 das Risiko für ein akutes Koronarsyndrom erhöhe, befeuert wird dies u.a. durch ein fragwürdiges Abstract. In einer großen Studie hat sich diese Vermutung nun erneut als falsch herausgestellt.

COVID-19-Patient erleidet Schlaganfall … doch schuld war nicht die Infektion

Ein 66-jähriger Mann entwickelt im Zuge einer milden SARS-CoV-2-Infektion eine Lungenembolie. Die Ärzte machen zunächst das Virus verantwortlich. Doch als der Mann einen Schlaganfall erleidet, intensiveren sie die Suche – und finden eine ganz andere Ursache.

Aus der Kardiothek

Hätten Sie es erkannt?

Koronarangiographie der linken Koronararterie (LAO 5°, CRAN 35°) bei einem Patienten mit NSTEMI nach biologischem Aortenklappenersatz am Vortag. Was ist zu sehen?

Hätten Sie es erkannt?

Ausschnitt einer Ergometrie eines 40-Jährigen Patienten mit gelegentlichem thorakalem Stechen. Was ist zu sehen?

Raumforderung im rechten Vorhof – was war die Ursache?

Echokardiographie einer 65-jährigen Patientin, die sich wegen Luftnot vorstellt. Im apikalen 4-Kammerblick zeigt sich eine Raumforderung im rechten Vorhof.

ESC Kongress 2016 Expertenblickpunkt
DGK.Online 2021/© DGK
Corona/© Naeblys / Getty images / iStock
Kardio-Quiz Oktober 2021/© L. Gaede, Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg
Kardio-Quiz September 2021/© L. Anneken, Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg
Kardio-Quiz August 2021/© F. Ammon, Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg