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02.10.2016 | Nachrichten

Pilze sammeln will gelernt sein

Die dunkle Seite des Mondes...

Autor:
Dr. med. Ronald D. Gerste

Um Magic Mushrooms dreht sich der verfilmte Roman „Die dunkle Seite des Mondes“ von Martin Suter. Diese Pilze sind jetzt auch Forschungsthema.

Wer einmal so richtig depressiv sein möchte, nach einem stressigen Tag in Praxis oder Klinik und möglichst vielen Telefonaten mit den Ressourcenverteilern im Gesundheitswesen (aber nicht zwischen 12 und 14 oder nach 16 Uhr!), der braucht abends nur die Tagesnachrichten einzuschalten. Eine Viertelstunde reicht meist, die volle Dosis von einer halben Stunde heute journal oder Tagesthemen kann das seelische Leid, das ein früheres Zeitalter die „Melancholia“ nannte, hochgradig manifestieren. Nun mag man daran denken, nach Betätigung der Ausschaltfunktion auf der Fernbedienung zur Flasche zu greifen, deren Inhalt womöglich zu einer relativ schnellen Stimmungsaufhellung führt, den Konsumenten aber am anderen Morgen nicht in Bestform zur Arbeit am Patienten gehen lässt.

Gegen nachhaltigere emotionale Niedergeschlagenheit, wie chronische und wirklich vital bedrohliche Depressionen, hält die Natur ein Hilfsmittel bereit. So deutet es wenigstens eine in „Lancet Psychiatry“ veröffentlichte Studie an, von Londoner Ärzten, die ein Antidepressivum auf dem Waldboden von Sherwood Forest und anderen Wäldern des Inselreiches fanden.

Die Süddeutsche Zeitung griff das Thema gern und mit dramatischem Duktus auf: „Ganz geheuer war den Ärzten ihr Experiment wohl selbst nicht. Jedenfalls trafen sie jede Menge Sicherheitsvorkehrungen, bevor sie ihre Patienten dem Drogenrausch überließen. Ein Psychiater an jeder Seite des Krankenbetts, das Licht heruntergedimmt und ständiges Nachfragen, ob noch alles okay ist: So sicherten sich die Ärzte am Imperial College London ab, als sie ihre Patienten mit der Kraft der Zauberpilze in eine Welt voller Halluzinationen hinüber schubsten.“

Psilocybin wirkt halluzinogen

Magic Mushrooms oder Zauberpilze gehören botanisch der Gattung der Kahlköpfe an (z. B. spitzkegliger oder kubanischer Kahlkopf) und enthalten den halluzinogenen Wirkstoff Psilocybin. Damit konnte bei 12 Patienten, die teilweise seit mehr als 20 Jahren an schweren Depressionen litten, laut Studienautoren eine oft deutliche Symptomlinderung erzielt werden. Indes für den magischen Pilz gilt das Gleiche wie für jedes Medikament – keine Wirkung ohne Nebenwirkung: „Zwar hätten manche auch Angst bekommen, als die Halluzinationen begannen, und einer habe Wahnvorstellungen gehabt. Aber letztlich hätten die Pilze die Wahrnehmung der Patienten zum Positiven verändert.“

Die Süddeutsche lässt den Studienleiter mit der verheißungsvollen Botschaft zur Wirkung der Pilze (die eine Randerscheinung in europäischen Drogenszenen sind und in indigenen Kulturen benutzt werden, um die Schamanen in exaltierten Rausch zu versetzen) zu Wort kommen: „Sie haben Licht in ihre dunkle Welt gebracht.“

Spiegel online zitiert dagegen mahnend den Autor: „Robin Carhart-Harris, der die Londoner Imperial College leitet, bezeichnete die Ergebnisse als eindrucksvoll, warnte aber auch: ‚Ich möchte nicht, dass die Leute jetzt denken, dass sie Depressionen behandeln können, indem sie ihre eigenen Magic Mushrooms sammeln. Dieser Ansatz könnte riskant sein.‘“

Ist er mit Sicherheit, vor allem wenn der depressive Wanderer an frischer Waldesluft die Magic Mushrooms mit dem Grünen Knollenblätterpilz oder dem orangefuchsigen Rauhkopf verwechselt und an Ort und Stelle schon mal ein Pröbchen goutiert. Nur wenige Gramm dieser Spezies reichen und man ist aller Sorgen und Depressionen dieser Welt für immer ledig.