Nachrichten 06.10.2020

Wie Kardiologen Twitter nutzen können

Soziale Medien verändern auch die Medizin. Welche Vorteile Twitter für Kardiologen bieten kann, darüber wurde beim DGK.Online2020-Kongress diskutiert, die Schattenseiten dieser Kommunikationsart nicht ausgelassen.

„Soziale Medien sind in unserer modernen Gesellschaft nicht mehr wegzudenken“, darauf machte der aktuelle ESC-Präsident, Prof. Stephan Achenbach (auf Twitter aktiv über @Steph_Achenbach), in einem Grußwort beim DGK.Online-Kongress aufmerksam. Die Hälfte der Weltbevölkerung nutze sie. Doch warum sollten ausgerechnet Kardiologen sich bei solchen Plattformen anmelden?

Speziell Twitter kann für Kardiologen in vielerlei Hinsicht Vorteile bieten – wie genau, wurde in einer eigens dafür konzipierten Sitzung beim DGK.Online-Kongress erörtert.

Falldiskussionen mit schnellen Antworten

So wies Dr. Karsten Schenke (@kaschenke) in seinem Vortrag darauf hin, dass viele seiner Kollegen fallbasierte Diskussionen in einer Umfrage als Grund angaben, sich bei Twitter angemeldet zu haben. Tatsächlich werden bei Twitter häufig Patientenfälle mit Bildmaterial veröffentlicht, mit einer kurzen Erläuterung des Falles, der verwendeten Technik und möglichen Lernaspekten, alles selbstverständlich anonymisiert (Beispiel s. Bild). Es gibt bei Twitter sogar die Möglichkeit, eine Umfrage zu erstellen, falls der behandelte Arzt Reaktionen seiner Kollegen einholen möchte (Beispiel s. Bild). Schenke selbst ist genau deshalb bei Twitter aktiv. „Ich lerne dadurch, weil ich Antworten erhalte, auf die ich selbst womöglich nicht gekommen wäre“, erläuterte der in Hamburg tätige Kardiologe den für ihn persönlichen Mehrwert von Twitter.

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Auch Erik Rafflenbeul (@KardiologieHH) nutzt Twitter als Fortbildungsmöglichkeit: „Für mich ist es ein essenzieller Bestandteil, wie ich mich fortbilde, andere Kollegen fortbilde und Wissen verbreite.“ Beim DGK.Online wies der ebenfalls in Hamburg tätige Kardiologe aber auch auf die Gefahren dieser Kommunikationsart hin. Es handele sich um patientensensible Daten, betonte er. „Wenn Fälle veröffentlicht werden, sollte man deshalb vorher immer den Patienten um Einverständnis fragen.“ Darüber hinaus empfiehlt er, entsprechende Berichte immer etwas zeitversetzt zu posten, damit der Bezug zum Patienten nicht mehr hergestellt werden kann.  

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Über Hashtags Innovationen promoten und kanalisieren

Um solche Fälle gewissen Kardio-Kategorien zuordnen bzw. diese kanalisieren zu können, werden Hashtags verwendet. Sehr verbreitete in der Kardio-Szene sind beispielsweise

  • #CardioTwitter (für alle kardiologischen Inhalte)
  • #Radialfirst
  • #Echofirst
  • #PCICase
  • #TAVR
  • #PCITwitter

Über solche Hashtags könne auch neue Techniken oder Innovationen schnell über den gesamten Globus weiterverbreitet werden.

#dTRA beispielsweise hat einen neuen Zugangsweg über Social Media bekannt gemacht, die Abkürzung steht für „distal transradial coronary angiography“, der Zugang erfolgt dabei über einen weiter distal gelegenen Abschnitt der A. radialis.

Über #dontdisthehis wurde das His-bundle-Pacing promoted. Dadurch sei die etwas in Vergessenheit geratene Methode stark unterstützt worden, berichtete PD Dr. David Duncker (@DavidDuncker) in seinem Vortrag. Geteilt wurden dazu neue Publikationen, neue Devices, Röntgen-Bilder von der Implantation, aber auch seltene Bilder wie ein His-Verletzungs-Potenzial direkt während der Ablation, erläuterte der Kardiologe aus Hannover die Möglichkeiten solcher Hashtags.

Wie hilfreich Twitter für die Weiterverbreitung wissenschaftlicher Kenntnisse sein kann, macht eine Publikation im „European Heart Journal“ deutlich, in der die Häufigkeit von Zitierungen in Abhängigkeit der Social Media-Präsenz ausgewertet wurde. Wurden in der Fachzeitschrift publizierte Artikel getweetet, erhöhte sich die Zitierrate um 40% im Vergleich zu nicht auf diese Weise weiterverbreiteten Papers.

ESC-Kongress erreicht 300 Millionen Impressionen

Extreme Reichweiten-Dimensionen hat der diesjährige ESC-Kongress mit #ESCCongress bei Twitter erreicht: 300 Millionen Impressionen bekam die Tagung laut Rafflenbeul, es seien also Artikel geteilt worden, die 300 Millionen Menschen gesehen hätten. Die vielen Twitter-Aktivitäten beim ESC sind auch Prof. Holger Thiele (@thiele_holger) aufgefallen, der aufgrund seiner Rolle als NSTEMI-Leitlinien-Vorsitzender in Amsterdam war. Parallel zu den Sessions seien schon die ersten Slides gepostet worden, berichtet der Kardiologe aus Leipzig. Dadurch bekomme man vieles vom Kongress mit, was gleichzeitig geschehe, und man sonst vielleicht gar nicht mit bekommen hätte.

Ein Vorteil von Twitter ist zudem, dass dadurch eine Art Vorselektion ermöglicht wird: Folgt man den für einen persönlich relevanten Personen und entsprechenden Hashtags, erhält man schnell und komprimiert einen Überblick über die für einen persönlich wichtigen und interessanten Themen.

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Vorselektion: Was für mich wirklich wichtig ist

Eine solche Orientierungshilfe kann Twitter auch für andere Aspekte der Kardiologie bieten, beispielsweise wenn ein Kardiologe seine persönliche Highlights bzw. Kernpunkte einer neuen Leitlinie postet, das Fazit einer Studie herausarbeitet, eine Übersichts-Folie mit den wichtigsten Techniken erstellt und verbreitet usw.

Networking mit Kollegen

Eine weitere Möglichkeit von Twitter ist die Vernetzung unter Kollegen und Kliniken oder anderer Institutionen. Mit TRIANGLE (Twitter initiated Registry for coronary ANgiografie in Germany via distal radial accEss) ist mittlerweile sogar ein Register entstanden. Drei nicht-universitäre Kliniken haben sich zusammengefunden, um Daten zum distalen radialen Zugangsweg zu sammeln und auszuwerten.

Von einem solchen Networking könnten gerade junge Kardiologen und Kardiologinnen profitieren, machte Dr. Philipp Breitbart (@Kardiophil) beim DGK.Online aufmerksam. Twitter ermöglicht eine einfache und schnelle Kontaktaufnahme, junge Ärzte könnten sich über Weiterbildungsmöglichkeiten austauschen usw.. Es sei sogar möglich, sich über Twitter auf einen Job zu bewerben, indem man z.B. die Chefärzte über Twitter kontaktiere, erörterte der Kardiologe aus Bad Krozingen die speziellen Vorteile für junge Ärzte und Ärztinnen.

Social Media hat auch Schattenseiten

Trotz aller positiver Aspekte sollen die Schattenseiten der modernen Kommunikationswege nicht unerwähnt bleiben. „Natürlich sind Soziale Medien auch mit Problemen behaftet“, betonte Achenbach. Es gebe kein Peer Review, und jede/jeder kann schreiben, was er möchte. 

Und „Aus einer Menge von Selbstdarstellern und Selbstdarstellung muss man die wirklich nützlichen Informationen fast schon aktiv herausfiltern“, erläuterte der ESC-Präsident die Fallstricke dieses Mediums. Nicht zu vergessen der Bias, der damit verbunden ist. Beispielsweise werden in der Regel vor allem Fälle mit positivem Ausgang gepostet, und wenn von Fällen mit Komplikationen berichtet wird, dann in aller Regel nur, wenn diese durch „heldenhafte Manöver“ behoben wurden. Das größte Problem ist laut Achenbach der Filter-Bubble, also dass man zu den Informationen gelenkt wird, die einem vorher bereits gefallen haben, ein prinzipielles Problem von Internet-Medien.  

Wenn man als Kardiologe Twitter für medizinische Zwecke nutzen möchte, sollte man laut Rafflenbeul „professionell bleiben“. Man müsse immer beachten, welche Konsequenzen eine Veröffentlichung haben könne, gibt er mit auf den Weg. Zum besseren Verständnis der Situation verweist er auf einen vollgefüllten Fahrstuhl. „Dort würde ich auch keine medizinischen Informationen preisgeben.“

„In Deutschland gibt es Nachholbedarf“

Trotz der potenziellen Fallstricke Sozialer Medien sind alle Vortragenden auf Twitter aktiv und raten ihren Kollegen, diese Kommunikationsart zumindest einmal auszuprobieren. „Ich denke, dass wir hier in Deutschland einen gewissen Nachholbedarf haben“, kommentierte Thiele den aktuellen Status Quo. Mediziner in den USA beispielsweise haben zum Teil hunderttausende Follower, in Deutschland bewegt sich das eher um die tausend. Das Ziel von Twitter muss laut Breitbart aber auch nicht sein, zig tausende Follower zu haben. Wer sich einfach nur informieren möchte, könne – ohne selbst aktiv zu sein – ein paar Personen folgen und deren Informationen konsumieren, erörterte der Kardiologe einen möglichen Einstieg in das Medium.  

Auf Twitter folgen können Sie u.a. kardiologie.org  (@kardiologie_org), der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie (@DGK_org), der Young DGK (@YoungDgk), der AGEP (@AGEP_DGK) und AGIK (@AGIKinterv).

Literatur

Soziale Medien in der Kardiologie – DGK 2.0 (Digitalisierung, Twitter und Netzwerkmedizin); vorgestellt am 01.10.2020 beim DGK.Online 2020

Ladeiras-Lopes R et al. Twitter promotion predicts citation rates of cardiovascular articles: a preliminary analysis from the ESC Journals Randomized Study. Eur Heart J 2020;41(34):3222–5, DOI: https://doi.org/10.1093/eurheartj/ehaa211

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Bildnachweise
DGK.Herztage 2020/© DGK
Corona/© Naeblys / Getty images / iStock
ESC-Kongress (virtuell)/© [M] metamorworks / Getty Images / iStock | ESC
Kardio-MRT (CMR, Late Gadolinium Enhancement PSIR)/© Mohamed Marwan, Friedrich-Alexander-Universität Erlangen
Thorax-CT/© S. Achenbach (Friedrich-Alexander-Universität Erlangen)
Kardio-MRT (Late Gadolinium Enhancement)/© Stephan Achenbach, Friedrich-Alexander-Universität Erlangen