Nachrichten 06.09.2016

NOAC: Antidot bei schweren Blutungen erfolgreich getestet

Andexanet alfa, ein speziell zur raschen Aufhebung der gerinnungshemmenden Wirkung von Faktor-Xa-Hemmern entwickeltes Antidot, ist nach Studien an gesunden Probanden nun erstmals auch bei Patienten mit schwerwiegenden Blutungen erfolgreich getestet worden.

In der noch laufenden ANNEXA-4-Studie wird Andexanet alfa derzeit als spezifisches Antidot gegen direkte und indirekte Faktor-Xa-Hemmer bei Patienten mit schwere akuten Blutungen auf Wirksamkeit und Sicherheit klinisch geprüft. Ergebnisse einer vorläufigen Analyse von Daten der ersten 67 Patienten hat der kanadische Studienleiter Dr. Stuart Connolly aus Hamilton bei ESC-Kongress in Rom vorgestellt.

Danach nahm die Anti-Faktor-Xa-Aktivität im Blut der Patienten nach Bolusgabe von Andexanet alfa innerhalb kurzer Zeit deutlich ab: Bei mit Rivaroxaban oder Apixaban behandelten Patienten war eine rasche Reduktion dieser Aktivität um 89 respektive 93 % in Relation zu den Ausgangswerten zu verzeichnen, berichtete Connolly. An die Bolusgabe schloss sich eine Infusion für die Dauer von zwei Stunden an.

Klinische Hämostase meist sehr gut bis gut

Die Untersucher beließen es nicht beim Nachweis der pharmakodynamischen Wirksamkeit im Labor, sondern bewerteten die gerinnungshemmende Wirkung zudem anhand von definierten klinischen Kriterien. Bei 79 % der Patienten wurde die klinische Hämostase in den ersten 12 Stunden als „sehr gut bis gut“ beurteilt.

Von den Studienteilnehmern (Durchschnittsalter: 77 Jahre), die aufgrund häufiger kardiovaskulärer Begleiterkrankungen einem hohen Risiko unterlagen, waren 32 mit Rivaroxaban, 31 mit Apixaban und vier mit dem niedermolekularen Heparin Enoxaparin behandelt worden. Grund für die Behandlung mit Andexanet alfa waren vorwiegend gastrointestinale (49%) und intrakranielle Blutungen (42%).

In einem Follow-up-Zeitraum von 30 Tagen wurden bei 12 der 67 Studienteilnehmer (18 %) thrombotische Ereignisse registriert. Nach Einschätzung von Connolly entspricht diese „nicht unerwartete“ Thromboserate dem hohen Risiko der Studienteilnehmer infolge ausgeprägter Komorbidität.

Nur bei 18 Patienten (27 %) wurde innerhalb von 30 Tagen eine orale Antikoagulation erneut eingeleitet. Unter den 12 Patienten, die innerhalb dieser Zeit Thrombosen entwickelt hatten, war nur einer, bei dem zuvor mit dieser Behandlung wieder begonnen worden war.

„Köder“ für Faktor-Xa-Hemmer

Andexanet alfa wird vom US-Unternehmen Portola Pharmaceuticals mit dem Ziel entwickelt, als „Universal-Antidot" zur raschen Aufhebung der gerinnungshemmende Wirkung von Faktor-Xa-Hemmer dienen zu können.

Das rekombinante Molekül ähnelt dem menschlichen Faktor Xa (FXa), ohne dessen für die Wirkung auf die Gerinnung nötige GLA-Domäne zu besitzen. Andexanet alfa wirkt als eine Art Köder (decoy) und bindet mit hoher Affinität und kompetitiv zu humanem FXa im Blut vorhandene Faktor-Xa-Hemmer. Seine Wirkung richtet sich sowohl gegen direkte Faktor-Xa-Hemmer (Apixaban, Edoxaban, Rivaroxaban) als auch gegen indirekte Faktor-Xa-Hemmer wie Enoxparin aus der Gruppe der niedermolekularen Heparine.

US-Zulassung lässt auf sich warten

Die US-Gesundheitsbehörde hat kürzlich die eigentlich erwartete Zulassung von Andexanet alfa vorläufig zurückgestellt. Die Behörde verlangt zunächst vom Hersteller noch zusätzliche Informationen zum Herstellungsprozess (manufacturing) sowie weitere zulassungsrelevante Daten hinsichtlich der Wirksamkeit und Sicherheit im Fall einer Behandlung mit Edoxaban und Enoxaparin.

Die europäische Arzneimittelbehörde EMA hat den eingereichten Zulassungsantrag für Andexanet alfa jüngst zur Prüfung akzeptiert. In Europa soll Andexanet alfa unter dem Warenzeichen IndexXa und in den USA als AndaxXa auf den Markt kommen.

Literatur

Hot Line „Preventive Strategies 2”: ANNEXA-4 - Andexanet alfa for reversal of Factor Xa inhibitors in patients with acute major bleeding, Kongress der European Society of Cardiology (ESC) 2016, 27.–31.August 2016, Rom

Connolly SJ et al. Andexanet Alfa for Acute Major Bleeding Associated with Factor Xa Inhibitors. N Engl J Med. 2016, online 30. August; DOI: 10.1056/NEJMoa1607887

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