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03.04.2018 | EHRA-Kongress 2018 | Nachrichten

Vermeidbares Risiko

Plötzlicher Kindstod womöglich genetisch bedingt

Autor:
Veronika Schlimpert

Warum versterben scheinbar gesunde Säuglinge ganz plötzlich und unerklärlich? Forscher haben nun eine Genmutation identifiziert, die für den plötzlichen Kindstod verantwortlich sein könnte. Sie hoffen, eine Präventionsmöglichkeit gefunden zu haben.

Ein plötzlicher Kindstod kann genetisch bedingt sein. Forscher haben nun ein Gen ausfindig gemacht, dass bei betroffenen Säuglingen überdurchschnittlich oft verändert ist. Eine andere Studie spricht ebenfalls für eine vererbbare Komponente. Geschwister betroffener Kinder hatten ein deutlich erhöhtes Risiko, ebenfalls einen plötzlichen Kindstod zu erleiden.

Der plötzliche Kindstod ist die häufigste Todesursache bei Säuglingen in Industrieländern. Er tritt in der Regel zwischen dem zweiten und vierten Monat nach der Geburt auf. Die genauen Ursachen sind noch immer unklar. Weitgehend einig sind sich Experten, dass die Säuglinge auf eine akut einsetzende Hypoxie nicht adäquat reagieren können, die Kinder also letztlich an einem Atemversagen versterben.

Triple-Risk-Hypothese

Drei Faktoren müssen nach derzeitigen Stand der Wissenschaft zusammentreffen: ein externer Stimulus (z. B. Schlafen in Bauchlage oder eine Atemwegsinfektion), eine kritische Phase in der Entwicklung und ein vulnerables Kind (z. B. rauchende Mutter). Das Erklärungsmodell wird als Triple-Risk-Hypothese bezeichnet.

Wissenschaftler um Dr. Roope Männikko vermuten nun, dass eine Gefährdung des Kindes auch von einer Veränderung im SCN4A-Gen ausgehen könnte. Das Gen codiert für einen spannungsabhängigen Natriumkanal (NaV1.4), der für die Generierung von Aktionspotentialen in der Skelettmuskulatur verantwortlich und damit entscheidet an der Atemregulation beteiligt ist.  Bei sog. „Gain of function“-Mutationen erkranken die Patienten typischerweise an Myotonien oder periodischen Paralysen. „Loss-of-function“-Mutationen verursachen beispielsweise das kongenitale myasthene Syndrom und bestimmte kongenitale Myopathien.

Mutation in einem muskulären Natriumkanal

Solche genetisch bedingten musklären Kanalopathien sind generell selten und betreffen circa einen von 100.000 Personen. Männikko und Kollegen fanden bei Säuglingen, die an einem plötzliche Kindstod verstorben sind, jedoch überdurchschnittlich häufig eine Variante des SCN4A-Gens, die mit einer funktionellen Beeinträchtigung des Ionenkanals einherging, nämlich bei 1,4% von insgesamt 278 Fällen. Im Gegensatz dazu ließen sich solche Mutationen bei keinem einzigen der 729 ethnisch gematchten Kontrollpersonen identifizieren.

Möglichkeit der Prävention

Dieser Befund deute darauf hin, dass eine Fehlfunktion in einem muskulären Natriumkanal  bei einer Subgruppe von plötzlichen Kindstoden ein potenziell modifizierbarer Risikofaktor darstellen könnte, resümieren die Studienautoren. Sie hoffen, mit dieser Entdeckung eine Möglichkeit zur Prävention gefunden zu haben. So könnten Medikamente, die bei Patienten mit muskulären Kanalopathien eingesetzt werden wie Natriumkanalblocker, auch zur Verhinderung eines plötzlichen Kindstods gegeben werden, etwa Säuglingen, deren Geschwister bereits an einem plötzlichen Kindstod verstorben sind.

Geschwister behandeln?

Dass solche Kinder einem besonders hohen Risiko ausgesetzt sind, ebenfalls einen plötzlichen Kindstod zu erleiden, hat sich in einer Registerstudie aus Dänemark herausgestellt. Das Risiko war für Kinder, deren Geschwister an einem „sudden infant death syndrome“ (SIDS) verstorben sind, viermal höher als für andere Kinder. Dr. Charlotte Glinge und Kollegen haben 2.373 Kinder nachverfolgt, bei denen ein älteres Geschwisterkind an einem SIDS verstorben war (n=1.535). Die Ergebnisse wurden auf dem Kongress der Europäischen Rhythmus-Gesellschaft (EHRA) vorgestellt.

Mehrere Faktoren müssen zusammenkommen

Männikko und Kollegen betonen aber, dass die von ihnen entdeckten Genvarianten wahrscheinlich nicht die alleinige Ursache des  plötzlichen Kindstods war. Der damit einhergehende Funktionsverlust des Ionenkanals reiche wahrscheinlich nicht aus, um ein Atemversagen zu induzieren. Sie vermuten deshalb, dass die Atmung der betroffenen Kinder bei der Geburt noch normal funktioniert hat. In bestimmten Entwicklungsphasen könnte der veränderte Ionenkanal dann dazu beitragen, dass die Atemmuskulatur nicht mehr in der Lage ist, auf eine Hypoxie mit einer raschen und kraftvollen Kontraktion zu reagieren; beispielweise in der Zeit, in der sich das embryonale Expressionsmuster bestimmter Ionenkanäle in der Skelettmuskulatur verändert (von SCN5A- auf eine verstärkten SCN4A-Expression). Weitere Studien müssen nun klären, inwieweit solche Todesfälle durch Medikamente vermeidbar sind.  

Die Leitungsfähigkeit der genetisch veränderten Ionenkanäle haben die Wissenschaftler im Übrigen in der Zellkultur mithilfe der Patch-Clamp-Technik untersucht.

Literatur

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