Onlineartikel 23.02.2015

Einnahme von ASS: Besser abends als morgens?

Wenn ASS abends eingenommen wird, ist die Thrombozytenhemmung in den kardiovaskulär kritischen Morgenstunden ausgeprägter. Der Unterschied ist signifikant – aber ist er auch klinisch relevant?

In einer von der niederländischen Herzstiftung geförderten, randomisierten Crossover-Studie wurde die morgendliche mit der abendlichen Einnahme von ASS 100 mg bei kardiovaskulären Risikopatienten mit arterieller Hypertonie verglichen.

Geklärt werden sollte zum einen, ob sich bei unterschiedlichem Einnahmezeitpunkt von ASS Blutdruckeffekte zeigen. Zum anderen wurden mögliche Unterschiede in der Thrombozytenhemmung evaluiert. Insgesamt nahmen 290 Patienten an der Studie teil, von denen 263 auswertbar waren, davon 150 mit vollständiger Compliance. Behandelt wurde in zwei Blöcken zu je drei Monaten.

ASS am Abend ist dem Blutdruck egal …

Die Frage nach den Blutdruckeffekten der ASS-Einnahme geht auf Single-Center-Untersuchungen zurück, wonach abendlich eingenommenes ASS eventuell den Blutdruck senken könnte. Es wurde unter anderem spekuliert, ob dem eine stärkere Absenkung der Plasmareninaktivität und der Cortisolsekretion bei abendlicher Einnahme von ASS zugrunde liegen könnte.

Die Niederländer fanden in ihrer randomisierten Studie dafür jetzt aber keine Hinweise. Bei der 24-Stunden-Blutdruckmessung zeigten sich zumindest in diesem antihypertensiv vorbehandelten Kollektiv keinerlei Blutdruckunterschiede bei morgendlicher bzw. abendlicher Einnahme von ASS.

… aber die Plättchenhemmung ist unterschiedlich

Unterschiede gab es dagegen bei der Thrombozytenhemmung: Die mit dem VerifyNow Aspirin Assay ermittelte Thrombozytenfunktion war bei abendlicher Einnahme um 22 Aspirin Reaction Units (ARU) geringer, das heißt die morgendliche Thrombozytenhemmung war bei abendlicher Einnahme (nicht ganz unerwartet) ausgeprägter (p=0,001).

Angesichts der Tatsache, dass die kardiovaskuläre Ereignisrate in den Morgenstunden etwa 40 Prozent höher liegt als während des restlichen Tages halten es die Autoren für überlegenswert, den Patienten generell eine abendliche Einnahme ihrer ASS-Tablette zu empfehlen.

Klinische Relevanz bleibt offen

Einen Beweis für einen tatsächlichen klinischen Nutzen der abendlichen Einnahme liefert die Studie freilich nicht. Dafür war sie weder groß noch lang genug. Die Frage ist, ob der beobachtete Unterschied nicht nur signifikant, sondern auch klinisch relevant ist.

Eine oft genannte kritische Grenze für die Wirksamkeit von ASS wird bei 550 ARU gezogen. Diese wird in beiden Gruppen nicht erreicht. Die Autoren verweisen allerdings auf eine weitere Studie, in der das Risiko für „Tod oder kardiovaskuläres Ereignis“ bei Patienten mit ARU-Werten über einem Cut-off von 454 Punkten doppelt so hoch war wie bei Patienten unterhalb dieses Wertes. Das ist die Größenordnung, in der sich auch die niederländischen Messwerte bewegen: Die absoluten ARU-Werte lagen bei morgendlicher Einnahme im Mittel bei 455 Einheiten, bei abendlicher Einnahme bei 433 Einheiten.