Nachrichten 15.03.2021

Herzinsuffizienz: Neuer EKG-Marker für Hochrisikopatienten?

Das EKG sagt bei Herzinsuffizienz offenbar auch etwas über die Prognose aus. Kardiologen haben jedenfalls einen EKG-Marker ausfindig gemacht, mit dem sich Hochrisikopatienten identifizieren lassen könnten.

An EKG-Befunden lässt sich offenbar auch prognostisch einiges ablesen. Das jedenfalls postulieren Kardiologen um Dr. Janice Chyou aktuell im „Journal of the American Heart Association”.

Chyou und ihr Team vom nationalen Herzzentrum in Singapur haben herausgefunden, dass die QRS-Dauer in Beziehung gesetzt zu anatomischen Faktoren bei Herzinsuffizienz-Patienten ein erhöhtes Sterberisiko anzeigen kann. Konkret geht es um die QRS-Dauer dividiert durch die Körpergröße und die QRS-Dauer dividiert durch das linksventrikuläre enddiastolische Volumen (LVEDV).

Gezeigt hat sich dieser Zusammenhang an Daten von 4.899 Patienten aus dem prospektiven ASIAN-HF-Register. Alle Patienten waren an einer Herzinsuffizienz mit reduzierter Ejektionsfraktion erkrankt (HFrEF).

QRS/Körpergröße mit Sterberisiko assoziiert

In dieser Patientenpopulation ging das Verhältnis QRS/Körpergröße mit einem um relativ 16,5% erhöhten Risiko einher, innerhalb eines Jahres zu versterben (Hazard Ratio, HR: 1,165; p=0,005) und mit einem 27% erhöhten Risiko für einen plötzlichen Herztod (HR: 1,270; p=0,032).

Die QRS/LVEDV-Ratio war ebenfalls mit einer erhöhten 1-Jahres-Gesamtsterblichkeit und einem erhöhten Herztodrisiko assoziiert, allerdings nur bei Patienten mit einer nicht ischämischen Kardiomyopathie (HR: 1,22 bzw. 1,461; beides p=0,011) und nicht bei denjenigen mit einer ischämischen Kardiomyopathie.

„Eine erhöhte QRS/Körpergewicht-Ratio könnte ein Marker für ein hohes Risiko bei Personen mit einer HFrEF sein“, erläutern die Studienautoren eine mögliche klinische Implikation ihrer Daten. Und die QRS/LVEDV-Ratio biete sich womöglich zur weiteren Risikostratifizierung bei Patienten mit nicht ischämischer HFrEF an.

QRS allein hatte keine prognostische Aussagekraft

Schon vor diesen Ergebnissen galt eine verlängerte QRS-Dauer als Zeichen für ein einsetzendes elektrisches Remodeling bei HFrEF-Patienten. Ebenso zeigte sich in Studien ein Zusammenhang mit einem schlechteren Outcome. Unklar war allerdings, inwieweit die Assoziation zwischen QRS und Prognose durch anatomische/demografische Faktoren wie Geschlecht und Körpergewicht beeinflusst wird.

Die aktuellen Ergebnisse bestätigen nun einen Einfluss von Anatomie und Herzgröße. In der Studie war die QRS-Dauer per se nämlich mit keinem erhöhten Sterberisiko assoziiert. Der Zusammenhang zwischen QRS/Körpergröße und Sterberisiko zeigte sich allerdings nur bei Männern, nicht aber bei Frauen. Dasselbe galt für die kardiovaskuläre Mortalität. Eine konkrete Erklärung haben die Studienautoren für diese geschlechterspezifischen Unterschiede nicht. Sie weisen nur darauf hin, dass die Ursachen einer Herzinsuffizienz sich bei Frauen und Männer bekanntermaßen unterscheiden würden.

Womöglich ließen sich mit dem Verhältnis QRS/Körpergröße nur Männer mit einem erhöhten Risiko bei HFrEF identifizieren, mutmaßen Chyou und Kollegen deshalb. Der zu beobachtende Zusammenhang von QRS/Körpergewicht zum Herztodrisiko war bei beiden Geschlechtern ähnlich.  

QRS/LVEDV nur aussagekräftig bei nicht ischämischer HFrEF

Warum das Verhältnis QRS/LVEDV bei nicht ischämischer, nicht aber bei ischämischer Kardiomyopathie mit der Sterblichkeit assoziiert ist, erklären sich die Kardiologen mit den sich unterscheidenden Remodeling-Prozessen. Im Falle einer ischämischen Kardiomyopathie bildeten Narben die Substrate für elektrische Umbauprozesse. Dafür müsse keine Dilatation des linken Ventrikels vorhanden seien, erläutern sie ihre Vermutung. Eine nicht ischämische Kardiomyopathie stehe dagegen mehr unter dem Einfluss der LVEDV.

Die QRS/LVEDV-Ratio könnte nach Ansicht der Autoren deshalb helfen, zwischen den unterschiedlichen Remodeling-Phänotypen zu unterscheiden. Ob sich daraus eine neue Möglichkeit zur Risikostratifizierung bei nicht ischämischen Kardiomyopathien ergeben könnte, müsse nun in weiteren Studien untersucht werden.

Zusammenhänge gelten womöglich nicht für alle Patientenpopulationen

Mit Blick auf die Praxis ist eine Limitation der aktuellen Analyse besonders zu beachten: Die Daten stammen ausschließlich aus asiatischen Populationen. Das ist deshalb wichtig zu erwähnen, weil die prognostische Bedeutung der QRS-Dauer wohl von der Ethnizität beeinflusst wird. Die erwähnten Zusammenhänge gelten somit womöglich nicht für hiesige Patientenpopulationen.

Literatur

Chyou J et al. Electroanatomic Ratios and Mortality in Patients With Heart Failure: Insights from the ASIAN‐HF Registry. J Am Heart Assoc. 2021;10:e017932. DOI: 10.1161/JAHA.120.017932

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