Nachrichten 10.06.2021

Junger Mann mit pathologischem EKG – war die Banane schuld?

Ein Anfang 20-jähriger Mann kommt mit Palpitationen und Schwäche ins Krankenhaus. Die Ärzte entdecken im EKG eine pathologische U-Welle und haben nur eine, bisher unbekannte Erklärung dafür.

Manchmal lohnt ein Blick auf das Essverhalten eines Patienten, um seine Beschwerden erklären zu können. So jedenfalls sind Ärzte aus Neuseeland der Ursache einer pathologischen EKG-Veränderung bei einem jungen Mann auf die Spur gekommen. Über den Fall berichten Dr. George Weatherall und Dr. David Jardine im JAMA Internal Medicine.

Der Anfang 20-jährige Mann ist wegen Palpitationen und Schwächezuständen in ein Krankenhaus in Christchurch gekommen. Seit drei Monaten leidet er an Depressionen und Suizidgedanken. Den Ärzten fällt das geringe Gewicht des Patienten auf, mit 62 Kilogramm weist er einen Body-Mass-Index von 20 auf.

Patient hat seit Tagen nichts mehr gegessen

Im EKG fällt den Ärzten zudem eine Sinustachykardie ins Auge, stutzig macht sie die pathologische U-Welle (eine sich der T-Welle unmittelbar anschließende Auslenkung nach oben > 2 mm), die am auffälligsten in V2 und bis in V4 zu sehen ist. Die T-Welle ist invertiert.

Die Ärzte rätseln über die Ursache dieser EKG-Veränderung. Das einzig Auffällige, was sie feststellen können, ist eine ausgeprägte Hypophosphatämie mit einem Serumphosphat-Spiegel von 0,93 mg/dl (0,3 mmol/L), normal ist ein Wert zwischen 2,48 bis 4,65 mg/dl (0,8–1,5 mmol/L). Was könnte hinter dieser Elektrolytstörung stecken?

Der Patient berichtet, dass er schon länger keine Nahrung mehr zu sich genommen hat, vor vier Tagen hätte er aufgehört, zu essen. Nur auf dem Weg zum Krankenhaus habe er eine Banane zu sich genommen. Sieben Kilo hat der Mann in der letzten Zeit abgenommen. Diese Angaben rufen bei Weatherall und Jardine den Verdacht hervor, dass die Hypophosphatämie bei dem jungen Mann als Folge eines sog. Refeeding-Syndroms entstanden ist, und durch diese Elektrolytstörung wiederum die pathologische U-Welle verursacht worden ist.

Refeeding-Syndrom könnte Erklärung sein

Ein Refeeding-Syndrom kann entstehen, wenn nach längerer Nahrungskarenz plötzlich wieder etwas gegessen wird. Nach Zufuhr nur geringer Nahrungsmengen können die Serumphosphat-Spiegel dramatisch abfallen, wenn Phosphationen als Antwort auf die Insulinsekretion sehr schnell in die Zellen verlagert werden, erläutern die Ärzte die Hintergründe des Phänomens. Aufgrund des geringen BMIs, des Gewichtverlustes und die Anorexie vor Klinikaufnahme vermuten sie das dieses Syndrom bei ihrem Patienten die Beschwerden verursacht hat.

Der Patient erhält daraufhin eine i.v.-Infusion mit Kaliumdihydrogenphosphat, Kaliumchlorid und Magnesiumsulfat. Zwölf Stunden später hat sich das Serumposphat auf 2,17 mg/dl nahezu normalisiert. Alle anderen Elektrolytwerte sind stabil geblieben. Die pathologische U-Welle im EKG ist verschwunden. Rhythmusstörungen waren keine aufgetreten.

Dieser Umstand bestätigt die Ärzte in ihrer Annahme, dass die sehr niedrigen Phosphatspiegel für die U-Welle verantwortlich waren. Bisher seien pathologische U-Wellen nicht im Zusammenhang mit einer Hypophosphatämie beschrieben worden, stellen sie den Neuigkeitswert ihres Falles heraus.

Zusammenhang erstmals beschrieben 

Beschrieben wurden pathologische U-Wellen bis dato beispielsweise als Folge von Myokardischämien, gelegentlich als Reaktion auf die Einnahme von Natriumkanal-blockierenden Medikamenten und bei niedrigen Serumspiegel von Kationen wie Kalium, Kalzium und Magnesium (nicht aber von Anionen wie Phosphat).

In ihrem Fall gehen Weatherall und Jardine davon aus, dass die Elektrolytstörung zu einer verzögerten Repolarisation geführt hat, und dadurch die U-Welle entstanden ist. Wobei der genaue Mechanismus bisher unklar sei. „Zusammenfassend berichten wir damit über die erste Beobachtung einer pathologischen U-Welle, die mit einer schweren isolierten Hypophosphatämie als Folge eines Refeeding-Syndroms assoziiert war.“


Fazit für die Praxis

  • Eine Hypophosphatämie kann eine Komplikation des sog. Refeeding-Syndroms (Nahrungszufuhr nach längerer Nahrungskarenz) sein.
  • Möglicherweise kann eine Hypophosphatämie, wie in diesem Falle wahrscheinlich, eine pathologische U-Welle hervorrufen (erster beschriebene Fall).
  • Die Autoren des aktuellen Falls vermuten, dass die der U-Welle potenziell zugrunde liegende verzögerte Repolarisation eine Erklärung für den Mortalitätsanstieg bei Patienten mit niedrigen Serumphosphat-Spiegeln sein könnte. 
  • Eine Hypophosphatämie kann durch Phosphatsubstitution behandelt werden.


Literatur

Weatherall G et al. Pathologic UWaves Secondary to Severe Hypophosphatemia During Refeeding Syndrome. JAMA Intern Med.  2021; DOI:10.1001/jamainternmed.2021.2233

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