Nachrichten 10.01.2022

N. phrenicus-Läsionen nach Kryoablation: Wer besonders gefährdet ist

Das Risiko für Schädigungen des N. phrenicus ist nach Kryoablationen höher als nach Radiofrequenzablationen. Kardiologen haben nun auf Basis einer weltweiten Analyse einen Score entwickelt, mit dem sich die Prognose betroffener Patienten abschätzen lässt.

Die gute Nachricht: N. phrenicus-Läsionen im Zuge von Kryoablationen kommen selten vor. Und wenn sie auftreten, sind sie in den allermeisten Fällen symptomfrei und heilen wieder aus. Zu diesem Ergebnis kommt ein internationales Autorenteam um Dr. Christian-H. Heeger vom Universitären Herzzentrum Lübeck nach retrospektiver Auswertung von Daten des YETI-Registers.

„Symptomatische und dauerhafte Verletzungen des N. phrenicus sind außerordentlich selten bei Patienten nach einer Kryoballon-basierten Pulmonalvenenisolation“, berichten die Kardiologen.

N. phrenicus-Läsionen häufiger bei Kryoablation

Wegen früherer Studienergebnisse geht man davon aus, dass das Risiko für Verletzungen des N. phrenicus im Falle einer Kryoballonablation höher ist als bei den klassischen Radiofrequenzablationen. Die bisher berichteten Raten variieren zwischen 1,1% und 6,2%. Grund für das Auftreten dieser Komplikation ist die unmittelbare Nähe des N. phrenicus zu den rechten Pulmonalvenen.

Prinzipiell sind Effektivität und Sicherheit der Kälteablation laut Studien aber „exzellent“, wie Heeger und Kollegen in der Publikation betonen.

Im Rahmen des YETI-Register sollten nun verlässliche Daten zum Auftreten von N. phrenicus-Läsionen nach Kälteablationen und zu prognostischen Faktoren erhoben werden. Die Befunde von 17.356 Patienten aus 33 Zentren in 17 Ländern, bei denen eine Kryoballonablation vorgenommen worden war, wurden hierfür retrospektiv ausgewertet.

Hohe Heilungsrate

Insgesamt kam es während der Prozeduren zu 731 Verletzungen des N. phrenicus, was einer Rate von 4,2% entspricht. Die Komplikationen traten relativ spät während der Energieapplikation (mittlere Dauer 127,7 Sekunden) und bei relativ niedrigen Temperaturen (im Mittel –49°C) auf. 82,5% der Pulmonalvenen waren zu dem Zeitpunkt, als die Läsion aufgetreten war, bereits isoliert.

Bis zum Ende der Prozedur waren 53,9% der Läsionen wieder verheilt. Nach zwölf Monaten hat sich die Nervenverletzung bei 97% der betroffenen Patienten zurückgebildet, 2,3% litten zu diesem Zeitpunkt an Beschwerden, die auf die Verletzung des N. phrenicus zurückzuführen waren (Dyspnoe). Nur 0,1% der Gesamtpopulation habe eine dauerhafte und nur 0,06% eine symptomatische und dauerhafte Schädigung des N. phrenicus erlitten, rechnen die Autoren die vor. Klinisch relevante periprozedurale Verletzungen des N. phrenicus scheinen somit ein sehr seltenes Phänomen nach Kryoballon-basierten Pulmonalvenenisolationen zu sein, resümieren sie, mit einer hohen Heilungsrate.

Prognostische Faktoren

Dabei konnten die Kardiologen ein höheres Alter, niedrigere Kryoballon-Temperaturen zum Zeitpunkt der Nervenverletzung und eine Reduktion der „compound motor action potential“ (CMAP-)Amplitude um > 30% als Faktoren identifizieren, die den Heilungsprozess verlangsamen. Positiv auf die Prognose der betroffenen Patienten wirkten sich dagegen eine sofortige aktive Deflation des Kryoballons (Double-Stop-Manöver) bei Registrierung einer Nervenfunktionsschwäche sowie die Verwendung eines „Bonus-Freeze“-Protokolls (Ablationsdauer von 240 s mit anschließender Bonusapplikation derselben Dauer nach erfolgreicher Prozedur) aus. Mit einer Hazard Ratio von 2,314 stellte sich der Einsatz der Double-Stop-Technik als stärkster prognostischer Faktor heraus. Heeger und Kollegen empfehlen deshalb eindringlich, diese Technik in Fällen von N. phrenicus-Verletzungen zu verwenden. Darüber hinaus sollte ihrer Ansicht nach während der Kryoablationen generell ein Monitoring der CMAP oder andere Bildgebungsmodalitäten zum Einsatz kommen.

Online-Score zur Abschätzung der Prognose

Aus all den genannten Variablen erstellten die Kardiologen einen Score, mit dem sich die Wahrscheinlichkeit abschätzen lässt, mit der sich ein Patient von einer N. phrenicus-Verletzung nach 12 Monaten erholt haben wird. Der nach dem Register benannte Score (YETI) ist online über das supplemental material der Publikation aufrufbar. Bisher sei der Score allerdings noch an keiner unabhängigen Kohorte prospektiv validiert worden, bringen die Studienautoren als Limitation an.

Literatur

Heeger CH et al. Phrenic Nerve Injury During Cryoballoon-Based Pulmonary Vein Isolation: Results of the Worldwide YETI Registry. Circ Arrhythm Electrophysiol. 2022;15:e010516. DOI: 10.1161/CIRCEP.121.010516

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