Nachrichten 15.12.2020

Wie effektiv sind NOAKs bei übergewichtigen Patienten?

Noch immer sind nicht alle Fragen zum Einsatz von NOAKs geklärt. So besteht Unsicherheit, ob die Gerinnungshemmer bei adipösen Menschen genauso gut wirken wie bei anderen Patienten. Eine neue Analyse gibt zumindest etwas Gewissheit.

Die direkten oralen Antikoagulanzien (NOAK) scheinen einer aktuellen Analyse zufolge bei übergewichtigen Vorhofflimmern-Patienten genauso effektiv zu sein wie bei normalgewichtigen Menschen.

Schlaganfallrisiko selbst bei starker Adipositas nicht erhöht

Selbst bei einer extremen Adipositas vom Grad II oder III – also bei einem BMI von 35,0–39,9 bzw. ≥ 40,0 kg/m² – ließen sich keine Einbußen in der Effektivität der Behandlung feststellen. Nach Adjustierung auf den CHA2DS2Vasc-Score war das Schlaganfallrisiko derart übergewichtiger Vorhofflimmern-Patienten, die mit NOAKs behandelt worden sind, tendenziell sogar etwas geringer als für Patienten mit normalen BMI (Hazard Ratio, HR: 0,68), allerdings mit einer deutlichen Schwankungsbreite (95%-KI: 0,23–2,0), der Unterschied war somit statistisch nicht signifikant (p= 0,490). Auch bei einer Adipositas vom Grad I (BMI = 30,0–34,9 kg/m²) war das Schlaganfallrisiko ähnlich wie bei Normalgewicht (HR: 1,2; p=0,654).

Ebenfalls keinen signifikanten Einfluss hatte das Körpergewicht der Patienten auf das Risiko für intrakraniale Hämorrhagien.

Analysiert wurden für die retrospektive Studie 7.642 Patienten, die wegen einer Vorhofflimmern-Diagnose seit mindestens 12 Monate NOAKs eingenommen hatten, und über im Schnitt 3,8 Jahre nachverfolgt worden sind. 22% von ihnen wies eine Adipositas von Grad I und 19% von Grad II oder III auf.

„Körpergewicht sollte keine Barriere sein“

„Basierend auf unserer Analyse sollte das Körpergewicht keine Barriere für den Einsatz und die Verordnung von NOAKs bei Patienten mit Vorhofflimmern sein“, lautet das Fazit der Autoren um Dr. Rachel M. Kaplan von der Northwestern University Feinberg School of Medicine in Chicago.

Die US-Kardiologen sehen deshalb auch nicht unbedingt die Notwendigkeit, aufgrund des BMIs die Plasmaspiegel routinemäßig zu bestimmen. Die Ergebnisse deuteten darauf hin, dass das keinen klinischen Nutzen verspricht, argumentieren sie, stattdessen würden sich die Kosten und Komplexität der Versorgung für das Gesundheitssystem und die Patienten erhöhen. Bekanntlich ist ein entsprechendes Monitoring im Falle einer NOAK-Therapie generell nicht vonnöten, in seltenen Situationen wie starkem Übergewicht oder Untergewicht wird es aber teilweise für sinnvoll erachtet.

Aber: Limitationen schmälern Aussagekraft

Die Studie hat allerdings zahlreiche Limitationen, die ihre Aussagekraft deutlich schmälern. Zum einen natürlich das retrospektive Design, was die Ergebnisse trotz Adjustierung anfällig für Störfaktoren macht. Gewichtsänderungen über die Studiendauer hinweg sind nicht erfasst worden, genauso wenig wie Dosisanpassungen aufgrund der Nierenfunktion. Prinzipiell waren die Ereignisraten niedrig, sodass die statistische Power womöglich nicht gewährleistet war.

Trotz allem bewerten die US-Kardiologen die aktuellen Ergebnisse vor dem Hintergrund früherer Daten, die zu ähnlichen Schlüssen gekommen sind, als weiteren Beweis für die Effektivität und Sicherheit der NOAK zur Schlaganfallprophylaxe bei Vorhofflimmern-Patienten.

Literatur

Kaplan R et al. Efficacy and Safety of Direct Oral Anticoagulants for Atrial Fibrillation Across Body Mass Index Categories; J Am Heart Assoc. 2020;9:e017383. DOI: 10.1161/JAHA.120.017383 2

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