Nachrichten 19.08.2020

Warum viele Vorhofflimmern-Patienten später doch eine OAK benötigen

Es reicht nicht, das Schlaganfallrisiko von Vorhofflimmern-Patienten einmalig zu evaluieren. Denn wie eine aktuelle Studie zeigt, werden viele Patienten binnen zwei Jahre zu Risikopatienten – und dann sollten Ärzte reagieren.

Laut Leitlinien benötigen Patienten mit einem niedrigen Schlaganfallrisiko keine orale Antikoagulation. Als niedriges Risiko gilt ein CHA2DS2-VASC-Score von 0 bei Männern und 1 bei Frauen. Dass dieser Zustand allerdings nicht in Stein gemeißelt ist, macht nun eine große Kohortenstudie aus Korea deutlich.

CHA2DS2-VASC-Score steigt bei vielen

Von den 14.441 anfänglichen Niedrigrisiko-Patienten mit nichtvalvulärem Vorhofflimmern entwickelten ein Drittel im Laufe der nächsten zwei Jahre zusätzliche Risikofaktoren, sodass sie in eine höhere Risikokategorie fielen und laut Leitlinienempfehlung eine Antikoagulation benötigten.

Die Studienautoren um Dr. Sun Young Choi halten es deshalb für unabdingbar, das Risikoprofil von Patienten mit zu Beginn niedrigem Schlaganfallrisiko regelmäßig zu überprüfen, um jedwede Änderungen rechtzeitig wahrzunehmen. Immerhin würde sich der CHAD2DS2-VASC-Score bei 13,9% der Vorhofflimmern-Patienten um ≥ 1 pro Jahr verändern, weil sie neue Begleiterkrankungen entwickelten oder älter werden, erläutern sie die Bedeutung regelmäßiger Kontrolltermine. Der häufigste Grund für einen Anstieg des CHA2DS2-VASC-Scores war in dieser Untersuchung die Diagnose eines Hypertonus, danach folgte das Überschreiten der Altersgrenze von 65 Jahren, ab der eine Antikoagulation empfohlen wird.  

Regelmäßige Nachsorgetermine, um solche Änderungen zu erfassen, empfehlen die Leitlinien im Übrigen für alle Vorhofflimmern-Patienten.   

Auch dann profitieren Patienten von Antikoagulation

Wie entscheidend diese für die Prognose der Patienten sein können, lassen die klinischen Ergebnisse der aktuellen Studie erahnen. Jene Patienten, bei denen aufgrund eines angestiegenen CHA2DS2-VASC-Scores eine orale Antikoagulation (OAK) begonnen worden ist, hatten ein signifikant niedrigeres Risiko, einen ischämischen Schlaganfall zu erleiden, als Patienten, die trotz des nun höheren Risikos keine Schlaganfallprophylaxe erhalten haben (Hazard Ratio, HR für Männer: 0,62; für Frauen: 0,65). Auch das Sterberisiko (HR: 0,67 bzw. 0,82) und das Risiko für den kombinierten Endpunkt – Schlaganfall, schwere Blutung und Gesamtsterblichkeit (HR: 0,78 bzw. 0,79)  – war bei den antikoagulierten Patienten deutlich geringer. Das Blutungsrisiko stieg in Folge des Therapiebeginns allerdings erwartungsgemäß an (HR: 1,48).   

Auch Patienten mit neu dazugekommen Risikofaktoren würden somit von einer antithrombotischen Behandlung profitieren, schließen die koreanischen Kardiologen aus ihren Daten.

Literatur

Choi SY et al. Anticoagulant Therapy in Initially Low‐Risk Patients With Nonvalvular Atrial Fibrillation Who Develop Risk Factors. J Am Heart Assoc. 2020;9:e016271. DOI: 10.1161/JAHA.120.016271

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Bildnachweise
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Thorax-CT/© S. Achenbach (Friedrich-Alexander-Universität Erlangen)
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