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09.09.2016 | Endokrinologie mit Diabetologie | Nachrichten

Nutzen und Risiken in randomisierten Studien

Die Wahrheit über die Statine

Autor:
Peter Overbeck

Internationale Experten sind angetreten, mithilfe der Evidenz aus randomisierten Studien die nach ihrer Ansicht häufig verzerrte Darstellung der Lipidtherapie mit Statinen zu korrigieren. Sie kritisieren, dass der therapeutische Nutzen dieser Lipidsenker in der öffentlichen Debatte vielfach unterschätzt, Nebenwirkungen dagegen krass überschätzt werden.

Es ist ein umfangreiches Dokument, das dem Fachblatt „The Lancet“ immerhin 31 Druckseiten wert ist. Die Autoren dieses Lancet-Beitrags um Prof. Rory Collins aus Oxford verbinden damit die erklärte Absicht, Ärzten, Patienten und der Öffentlichkeit die Augen dafür zu öffnen, wie es um die Wirksamkeit und Sicherheit von Statinen wirklich bestellt ist.

Das schiefe Bild, das von den Statinen in der Öffentlichkeit häufig gezeichnet werde, hat nach Ansicht von Collins und seinen Kollegen viel damit zu tun, dass man sich der Stärken und Schwächen unterschiedlicher Studien-Typen nicht bewusst ist. Aus diesem Grund klären sie in einem methodischen Teil ihrer Lancet-Publikation die geneigte Leserschaft sehr ausführlich darüber auf, wie sich randomisierte kontrollierte Studien von Beobachtungsstudien in ihrer Wertigkeit als Methoden der Erkenntnisgewinnung unterscheiden und was von Metaanalysen randomisierter Studien zu halten ist.

Solide Evidenz zugunsten von Statinen

Die beste Methode, um an zuverlässige wissenschaftliche Informationen über Nutzen und Risiken einer medikamentösen Therapie zu gelangen, sind ohne Frage randomisierte kontrollierte Studien. Und davon gibt es im Fall der Statine inzwischen so viele, dass deren Daten inzwischen mehrfach in umfangreichen Metaanalysen ausgewertet wurden. Auf Basis dieser sehr soliden Evidenz hat die Gruppe um Collins nun analysiert, in welchem Verhältnis der Nutzen zu den Risiken von Statinen steht.

Metaanalysen haben ergeben, dass mit jeder Senkung des LDL-Cholesterins um 1 mmol/l (39 mg/dl) das Risiko für kardiovaskuläre Ereignisse relativ um rund 25 % abnimmt – und das in jedem Jahr, in dem die Therapie über ein Jahr hinaus beibehalten wird. Der absolute Nutzen hängt davon ab, wie hoch das individuelle absolute Risiko für kardiovaskuläre Ereignisse und wie stark die absolute LDL-Senkung ist.

Therapeutischer Ertrag der Lipidsenkung

Die Gruppe um Collins präsentiert nun folgende Berechnungen: Würde bei 10.000 Patienten fünf Jahre lang mit einem relativ preisgünstigen Statin (etwa Atorvastatin 40 mg) das LDL-Cholesterin um 2 mmol (77 mg/dl) gesenkt, ließen sich dadurch bei vaskulär erkrankten Patienten (Sekundärprävention) rund 1.000 kardiovaskuläre Ereignisse verhindern. Im Fall einer Primärprävention bei Patienten mit erhöhtem Risiko wären 500 verhinderte Ereignisse der Ertrag einer solchen Behandlung. Je länger die Therapie fortgesetzt werde, desto stärker werde ihr absoluter Nutzen zunehmen.

Die einzigen schwerwiegenden Nebenwirkungen, die Statinen in der Langzeittherapie ursächlich zugeschrieben werden können, seien Myopathie, neu aufgetretener Diabetes mellitus und möglicherweise hämorrhagischer Schlaganfall. Auf 10.000 Patienten kämen in fünf Jahren fünf Fälle einer Myopathie, von denen eine – sofern die Therapie nicht unterbrochen werde – zu einer Rhabdomyolyse fortschreiten könne. Zudem sei mit 50 bis 100 Fällen von neu aufgetretenem Diabetes und mit 5 bis 10 hämorrhagischen Schlaganfällen zu rechnen. Die Autoren betonen jedoch, dass sie diese unerwünschten Effekte bei ihrer Kalkulation des therapeutischen Nutzens von Statinen bereits in Rechnung gestellt hätten.

Bei 50 bis 100 Patienten könne es zu symptomatischen Beschwerden wie Muskelschmerzen und -schwäche kommen. Placebokontrollierte Studien hätten allerdings definitiv gezeigt, dass diese mit Statinen assoziierten Symptome nur ganz selten auch in ursächlichem Zusammenhang mit der lipidsenkenden Therapie stünden, betont die Expertengruppe.

Sorge wegen möglicher Untertherapie

Angesichts der in den letzten 30 Jahren bereits erfolgten umfangreichen wissenschaftlichen Erforschung von Statinen halten Collins und seine Kollegen es für sehr unwahrscheinlich, dass in künftigen Untersuchungen noch bislang unentdeckte unerwünschte Effekte dieser Lipidsenker zum Vorschein kommen werden. Somit sei nicht zu erwarten, dass sich am skizzierten positiven Nutzen/Risiko-Profil grundsätzlich etwas ändern werde.

Wenn dennoch in der Öffentlichkeit immer wieder – aus wissenschaftlicher Sicht unbegründet – Zweifel an der Sicherheit von Statinen auftauchten, sei dies ein Grund zur Besorgnis. Denn das könne dazu führen, dass Personen mit erhöhtem kardiovaskulärem Risiko diese Therapie nicht erhalten, obwohl sie davon profitieren würden. Myopathien oder muskuläre Beschwerden bildeten sich nach Absetzten von Statinen in der Regel rasch zurück. Herzinfarkte oder Schlaganfälle, die Konsequenz eines unnötigen Verzichts auf diese Therapie seien, könnten dagegen gravierende langfristige Folgen haben. 

Literatur

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